24.09.2015

Anstoß 39/2015

Den Blick wenden

Kürzlich grübelte ich wegen eines Konflikts in meiner Arbeit. Ich dachte lang darüber nach: was wohl die Ursachen seien und warum die beteiligten Personen so spachen und handelten, wie sie es taten.

Dann ging ich in Gedanken alle möglichen Lösungsansätze durch, aber keiner schien mir passend und sinnvoll. Während ich so in trüben Gedanken verstrickt war, wurde mir bewusst, wie viel kostbare und wertvolle Lebenszeit ich mit dieser Grübelei verbrachte, ohne irgendwie weiter zu kommen. Statt dessen drehten sich die Gedanken im Kreis und meine Laune wurde mieser und mieser.
In diesem Zustand fiel mir der biblische Tobit ein: der Gute hatte sich immer für die anderen eingesetzt. Dabei hat er wohl seine eigenen Grenzen nicht beachtet und es mit seiner Hilfsbereitschaft übertrieben: die Bibel erzählt, dass er im Schatten einer Mauer schläft und der warme Kot der Sperlinge in seine Augen tropft und er deswegen blind wird – das könnte bedeuten, dass er zu viel ,,Scheiße“ angeschaut hat und ihm das nicht gut tut!
Auf meine Situation übertragen beschloss ich, mir das Leben wegen dieses Konflikts nicht länger vermiesen zu lassen. Und so bemühte ich mich, nicht nur das Negative zu sehen, sondern ganz bewusst meine Aufmerksamkeit auf die schönen Dinge des Lebens und auf die gelungenen Dinge bei der Arbeit zu lenken.
Dieser Entschluss war zunächst in seiner Durchführung gar nicht so leicht. Doch immer, wenn ich in Gefahr war, in unnütze Grübeleien zu versinken, bemühte ich mich ganz bewusst, den Blick zu wenden: immer vom Mangelhaften zum Besseren, vom Defizitären zum Gelungenen, vom Fehlerhaften zu dem, was geklappt hat.
Über das, was trotz allem funktionierte, war ich überrascht. Das war von der Menge und der Qualität her viel mehr, als ich gesehen hatte. Auch das war vorhanden, aber ich hatte es bisher in meiner einseitigen Fokussierung auf das Negative ausgeblendet. Außerdem wurde mir bewusst, dass man Probleme auf unterschiedliche Weise lösen kann und dass meine Art nicht die einzig mögliche sein muss. Ich musste bei meinem Blick auf das Positive zugeben, dass auch die Strategien der anderen durchaus ihre Berechtigung hatten, obwohl sie nicht die meinen waren.
So half mir der Bick auf beide Seiten schließlich eine passende Lösung im vorhandenen Konflikt zu finden.
Was die einseitige Fixierung des Blicks und die Blindheit betrifft, geht die biblische Geschichte bei Tobit nach vielen Wirren und Wendungen doch noch gut aus – er bekommt sein Augenlicht wieder.
Sr. Susanne Schneider, Missionarinnen Christi, Kontaktstelle Orientierung Leipzig