11.09.2014

Anstoß 37/2014

Das Kreuz

Das Kreuz ist anstößig, weil es ein Symbol des Leidens und Sterbens ist. Die Kirche feiert nun am 24. Sonntag im Jahreskreis das Fest Kreuzerhöhung. Das Gedenken an das Kreuz Jesu ist in unserer säkularen Umwelt durchaus missverständlich. Und trotzdem ist es für Christen ein Symbol der Hoffnung.

Ja, es steht für das Zentrum christlichen Glaubens: Das Kreuz erinnert an die Liebe Gottes zu uns Menschen. Es erinnert an die Menschwerdung und Hingabe Gottes an uns Menschen, ohne Vorbehalte, ohne Bedingung vom Beginn in Marias Schoß bis zum bitteren und sogar gewaltsamen Tod. Das Kreuz erinnert so an die Tat Gottes zum Heil aller Menschen, indem er das menschliche Schicksal teilt, es letztlich wandelt und vom Tod befreit.
Dabei ist Gott universal. Jedes partikulare Denken in Bezug auf Gott ist ein Irrtum. Ein Gott nur für Christen oder nur für Israel oder nur für die Frommen ist schlicht nicht vorstellbar. Mit dieser Prämisse kam der Theologe Hans Urs von Balthasar bei seinen Überlegungen über die Hölle zu der Erkenntnis, dass es sie zwar gäbe, sie aber leer sein müsse. Andernfalls könne man nicht von der Allmacht und Universalität Gottes ausgehen. Wenn es Menschen gäbe, die sich „erfolgreich“ dem Heilshandeln Gottes widersetzten, müsse man Gott die Göttlichkeit absprechen. Die Menschen wären dann stärker als Gott.
Angesichts der extrem grausamen Bilder der aktuellen Kriege in Syrien und Irak, fällt es allerdings schwer, sich eine leere Hölle vorzustellen. All die geschändeten, enthaupteten, massakrierten, gekreuzigten Männer, Frauen und sogar Kinder verdienen Vergeltung und die Bestrafung der Täter. Wenigstens göttliche Gerechtigkeit sollte doch herrschen, wenn sich die Terroristen vielleicht der menschlichen Gerichtsbarkeit entziehen können. Und das göttliche Gericht kennt nur zwei Alternativen ewige Seligkeit und ewige Verdammnis. Da kommt für diese Leute doch nur die Hölle in Frage, oder?
Balthasar meint, dass diese Frage nicht beantwortbar sei. Mit menschlicher Perspektive auf Gerechtigkeit können wir für Ungerechtigkeit nur Ausgleich, Sühne, Vergeltung und Strafe fordern. Vielleicht können wir uns hier noch Vergebung denken, aber Liebe oder Barmherzigkeit ist nicht mehr vorstellbar. Unser menschliches Denken und Handeln hat hier eine unüberwindliche Grenze. Deshalb meint Balthasar, wir müssen zumindest hoffen, dass die Hölle leer sei. Ja, es gehöre zum Kern des Christentums, diese Hoffnung aufrecht zu halten, meint der Theologe. Die Universalität des Kreuzestodes Jesu kann nicht geschmälert werden, auch wenn sie unsere Gerechtigkeitsgefühle empfindlich verletzt. So wird auch verständlich, dass Jesus für seine Mörder betete: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34)

Von Pater Ralf Sagner OP, Leipzig