07.05.2012

Ein Kapitel DDR-Geschichte: Gebrochene Schülerbiografien

Danke, Thomas Ammer!

Das DDR-Bildungswesen hatte ein Ziel: die Erziehung „sozialistischer Persönlichkeiten“. Wer sich nicht unterordnete, musste mit Repressalien rechnen. An den Folgen leiden viele bis heute.

Fest in der Hand der Ideologie: das DDR-Bildungssystem. Wer sich widersetzte, musste mit Repressalien rechnen. Foto: kna

Von Matthias Holluba
Leipzig. Es war ein besonders emotionaler Moment der Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Leipzig über „Gebrochene Schülerbiografien“, als sich nach dem Vortrag von Thomas Ammer über den von ihm mitgegründeten „Eisenberger Kreis“ ein Teilnehmer zu Wort meldete. Er sei Schulkamerad von Ammer und blicke voll Bewunderung auf die Zivilcourage, die die Mitglieder des „Eisenberger Kreises“ in ihrer Schul- und Studienzeit bewiesen hätten. Er selbst habe sich aus Verantwortungsgefühl für seine Familie nicht an solchen Aktionen beteiligt, freue sich aber, Thomas Ammer wiederzusehen und ihm für seinen Mut zu danken.

Auslöser war der Kampf gegen die Junge Gemeinde
Was Thomas Ammer und seine Mitstreiter ab Mitte der 50er Jahre an der Eisenberger Oberschule und später an verschiedenen Universitäten getan haben, gilt als eine der größten Widerstandsaktionen gegen die DDR in jener Zeit. „Wir wollten uns nicht die Frage stellen müssen, die wir unseren Eltern mit Blick auf das Nazi-Regime stellten: Warum habt ihr nichts getan?“, sagt Ammer, der später Historiker geworden ist. Und zur Frage des Mutes bemerkt er: „Im Alter von 15 oder 16 Jahren wägt man die Gefahren nicht so ab.“ Tatsächlich waren Widerständler in der DDR ab Mitte der 50er Jahre oft nicht mehr unmittelbar mit dem Tode bedroht wie in den Jahren, als die sowjetischen Militärtribunale auf Hochtouren arbeiteten.  
Anlass für die Bildung des „Eisenberger Kreises“ war der im Herbst 1952 einsetzende Kampf gegen die Junge Gemeinde. Als einige Mitglieder von der Eisenberger Oberschule verwiesen werden sollten, versuchten Ammer, damals FDJ-Sekretär, und seine Mitstreiter vergeblich, das zu verhindern. Das war die Geburtsstunde für weitere Aktionen: Es gab Flugblätter gegen die Volkskammerwahlen 1954. Als Zeichen gegen die Militarisierung wurde die Baracke eines Schießstandes der „Gesellschaft für Sport und Technik“ (GST) in Brand gesetzt. Mit Parolen an Eisenbahnwagen wurden Aufständische in Polen und Ungarn unterstützt.  
Die Gruppe flog auf, als Ammer auf einen Stasi-Mitarbeiter hereinfiel, der sich mit ihm unter der Legende in Verbindung setzte, er sei ein westdeutscher Journalist. Im Herbst 1958 kam es zum Prozess. 24 Urteile wurden gefällt. Ammer erhielt die Höchststrafe. 15 Jahre Zuchthaus. 1964 wurde er vom Westen freigekauft.
Auch wenn der „Eisenberger Kreis“ herausragt, ist er nur ein Beispiel dafür, wie die DDR (und die sowjetische Besatzungsmacht) mit andersdenkenden jungen Menschen umging. Gert Geißler, Historiker aus Berlin, hat das für die 50er Jahre untersucht. Neben einer reserviert-skeptischen Haltung gegenüber den neuen Mächtigen verzeichnet er ab Herbst 1946 eine Zunahme oppositioneller Strömungen.

An jeder fünften Schule untragbare Zustände
Als besonders problematisch erwiesen sich für die Machthaber die alten traditionsreichen Gymnasien in den Großstädten, deren Schülerschaft trotz allen Bemühens um möglichst viele Arbeiterkinder durch Kinder aus eher bürgerlichen Familien geprägt waren. Auch konnten an diesen Schulen einige alte Lehrer weiterarbeiten, weil Neulehrer im Griechisch- oder Mathematikunterricht der Abiturstufe nicht einsetzbar waren. 1947 stellten die Verantwortlichen fest, dass an jeder fünften Oberschule untragbare politische Verhältnisse herrschten. Durchschittlich 30 Schulverweise pro Jahr hat Geißler bis zum Mauerbau an den knapp 400 Oberschulen in der DDR gezählt. Dabei gilt für diese Zeit wie die späteren Jahre: Das Maß, in dem staatliche Stellen auf die Biografien junger Menschen einwirkten, unterschied sich je nach Zeit und Region. Pauschalisierungen helfen nicht.
Das gilt auch für den Umgang des DDR-Bildungssystems mit jungen Christen, denn gelegentlich durfte auch einer von ihnen ohne Jugendweihe Abitur machen. Insgesamt aber stellt Kirstin Wappler (Dresden), die sich mit entsprechenden Biografien beschäftigt hat, fest: „Christliche Schüler wurden zu DDR-Zeiten diskriminiert.“ Wer sich offen zur Kirche bekannte, sei nicht nur mit dem Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit, sondern auch mit dem des mangelnden gesellschaftlichen Engagements belegt worden, was in der Regel zur Folge hatte, das der Betroffene nicht zur Erweiterten Oberschule zugelassen wurde.
Hinzu kam das schwer auszuhaltende Spannungsfeld zwischen Staatsdoktrin und Religion: „Man lebte in zwei Welten, und schon die kleinen Kinder lernten, das, was man in der Familie besprach, musste man in der Schule verschweigen.“ Die Folge, so Kirstin Wappler: „Ich bin nicht nur gebrochenen Biografien begegnet, sondern auch gebrochenen Menschen.“ Dieses Kapitel DDR-Geschichte dürfe nicht vergessen werden. Darin stimmt sie mit Joachim Klose von der Konrad-Adenauer-Stifung überein, denn: „Trotz aller Rehabilitationsgesetze leiden Menschen, denen zu DDR-Zeiten Bildungschancen genommen wurden, bis heute unter den Folgen.“

Kommentare

Ich habe ähnliches erlebt und kann dem nur zustimmen. Besonders hart für mich war, als ich nach der Wende mein Theologie Diplom in der Tasche hatte (mit 4 Kinder Vollzeit Studium + Minim. berustätig) und ich für den von mir angestrebten kirchliche Dienst als zu alt abgewiesen wurde - von der Kirche, für die ich als Jugendliche soviel eingesteckt habe...