05.03.2015

"In keiner Schublade"

Buchvorstellung mit Hans Joachim Meyer und Norbert Lammert

Berlin. Das Buch „In keiner Schublade“ reiht sich ein in die Rückschau- und Memoirenwerke der letzten Jahre, die bedeutende Persönlichkeiten zur jüngeren deutschen Geschichte vorgelegt haben und unterscheidet sich doch in mancher Hinsicht von diesen.  

Der Präsident des Deutschen Bundestages Norbert Lammert, der Chefredakteur der Herder-Korrespondenz Volker Resing und Hans Joachim Meyer, einer der letzten Minister der DDR, danach bis 2002 Sächsischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst und von 1997 bis 2009 Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (v.l.n.r.). Foto: Gunnar Lammert-Türk

Sein Autor Hans Joachim Meyer ist weder ein bekannter Politiker noch ein namhafter Schriftsteller, Schauspieler oder Künstler. Der Anglist und Linguist war in der Bildungspolitik aktiv und hat sich als engagierter Katholik in die Belange seiner Kirche eingemischt. Von beidem handelt das knapp 800 Seiten starke Buch, dessen Titel „In keiner Schublade“ andeutet, dass Meyer ein streitbarer Geist ist, der sich nicht auf einfache Muster festlegen lässt und auch nicht in solchen denkt und handelt. Es dreht sich nicht, wie bei anderen Autoren, die wie Meyer in der DDR gelebt haben, um die Jahre vor der Wende, sondern vorrangig um die 25 Jahre danach.   
Und so lud der Herder Verlag, bei dem das Buch erschienen ist, am vergangenen Mittwoch in die Katholische Akademie in Berlin zu einem Gespräch über diese Zeit und das Buch unter dem Motto „25 Jahre deutsche Einheit. Erfahrungen im geteilten und vereinten Deutschland“ ein.
Meyer unterhielt sich, moderiert von Volker Resing (Chefredakteur der Herder Korrespondenz), mit dem Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, den er als Mitstreiter in bildungspolitischen Angelegenheiten kennen und schätzen gelernt hatte.

Das Buch beleuchtet auch die Zeit vor der Wende
Dabei konnte die Zeit vor der Wende nicht ganz ausgespart werden, da auch sie im Buch immer wieder beleuchtet wird, denn in diesen Jahren gewann Meyer seine Haltung und seine Auffassungen, die er ab 1990 in der Politik und der Kirche umsetzte. Außerdem ist es Meyers Anliegen, zu zeigen, worin der Anteil der ehemaligen DDR-Bürger am Zustandekommen der Wiedervereinigung bestand und in welcher Weise sie die demokratische Kultur Deutschlands mitgeprägt haben.
 
Der Katholik Meyer durfte nicht mehr studieren
Zunächst studierte Meyer in den 50er Jahren knappe drei Jahre Staats- und Rechtswissenschaft, dann wurde der Katholik wegen politischer Differenzen exmatrikuliert und zu einem Jahr „Bewährung in der Produktion“ verpflichtet. Darauf studierte er Anglistik und war bis zum Ende der DDR Sprachlehrer und Professor an der Humboldt-Universität. Zunächst dem Sozialismus als Gesellschaftsform durchaus zugeneigt, zerbrach seine Hoffnung auf eine freiheitlichere und demokratische Gestaltung der Gesellschaft in der DDR mit der Zerschlagung des Prager Frühlings 1968.
Seinen Rückhalt hatte Meyer in seiner katholischen Gemeinde. Dort war er in verschiedenen kirchlichen Gremien aktiv. In der Rückschau sagte er: „Für mich ist die Kirche der einzige Ort von Freiheitserfahrung vor 1989.“ Dabei gab es, wie er in seinem Buch ausführt, durchaus spannungsvolle Auseinandersetzungen innerhalb der katholischen Kirche in der DDR, vor allem, was das kritische Engagement in der Gesellschaft, die Beteiligung der Laien und den Führungsstil der Kirche betraf. Auch heute noch, merkte Meyer, der von 1997 bis 2009 Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken war, kritisch an, sei die Kirche zu wenig „Gesprächsgemeinschaft“ und noch zu sehr „Kommandostruktur.“
Neben dem Einsatz für christliche und kirchliche Belange beleuchtete das Gespräch intensiv die Bildungspolitik ab 1990, vor allem die Frage, ob der Prozess der Wiedervereinigung genutzt wurde, um nötige Reformen vorzunehmen und unter sachlicher Sichtung der in beiden Teilen Deutschlands bewährten Dinge gemeinsame neue Strukturen und Formen aufzubauen. Bei unterschiedlicher Akzentsetzung waren sich Lammert und Meyer einig, dass die Chance dafür kaum genutzt wurde. Im Westen, bemängelte Lammert, habe man „Diskussionswürdiges unter Denkmalschutz gestellt“, sich Innovationen weitestgehend verweigert und stattdessen starr am Status Quo festgehalten. In dieser Atmosphäre war Meyer, zunächst als Bildungsminister der ersten und letzten frei gewählten DDR-Regierung, danach bis 2002 als Minister für Wissenschaft und Kunst im Freistaat Sachsen, bemüht, die Bildungslandschaft neu zu gestalten.
Nicht nur in der Einschätzung der Reformträgheit im Zuge der Wiedervereinigung waren sich Lammert und Meyer recht nahe. Beide mahnten auch eine aktivere Gestaltung der Demokratie an. Lammert monierte, dass sich eine Art politische Saturiertheit breit gemacht habe, eine Unlust, die dazu führt, dass der erforderliche Streit um wichtige Fragen lieber gemieden werde. Meyer merkte mit Blick auf die Pegida-Demonstranten an, dass viele Ostdeutsche den demokratischen Streit erst noch lernen müssten. Er beklagte aber auch eine mangelnde Bereitschaft zur Meinungsvielfalt in der Gesellschaft, die die Demokratie und die Freiheit gefährde.
Darüber und über die anderen im Gespräch traktierten und angerissenen Themen gibt sein Buch detailliert Auskunft. Obgleich es mitunter etwas mühsam zu lesen ist, vor allem wegen langer eingeschobener Zitate, enthält es doch wertvolle Einblicke in die zurückliegenden 25 Jahre und manche bedenkenswerte Anmerkung zum Zustand der deutschen Gesellschaft. In ihrer Originalität erweisen sie den Autor als den, der nach dem Titel in keine Schublade passt.

Von Gunnar Lammert-Türk

Hans Joachim Meyer: In keiner Schublade. Erfahrungen im geteilten und vereinten Deutschland. Herder, 776 Seiten, ISBN 978-3-451-32968-5, 36 Euro