25.06.2015

"Merken Sie sich das einfach"

Bildungshaus in Schöneiche schließt

Schöneiche. Viele Erinnerungen hängen an diesem Haus: Zu DDR-Zeiten legten die einen hier ein „kirchliches Abi­tur“ ab, später lernten andere hier Alt-Griechisch und Latein und zuletzt bot das Erzbistum im Bildungshaus St. Konrad in Schöneiche verschiedene Fortbildungen und Tagungen an. Am 30. Juni schließt es.

Griechischunterricht mit Lothar Polzin: Zwischen 1973 und 1991 diente das spätere Bildungshaus St. Konrad in Schöneiche als Sprachenkurs für junge Männer, die sich auf ein Theologiestudium in Erfurt vorbereiteten und innerhalb eines Jahres das nötige Rüstzeug in Latein und Griechisch erlernen mussten. Fotos: Erzbistum Berlin / Tag des Herrn-Archiv

„Über eine Nachnutzung ist noch nicht entschieden“, sagt Stefan Förner, Pressesprecher des Erzbistums. Dem Erzbistum Berlin gehört das Bildungshaus St. Konrad in Schöneiche. „Die Überlegung, es als Unterkunft für Flüchtlinge zu nutzen, ist noch nicht vom Tisch, aber auch noch nicht abgeschlossen.“
Schöneiches Bürgermeister Heinrich Jüttner wies in der Märkischen Oderzeitung darauf hin, dass Schöneiche seit den frühen 90er Jahren viele Aus- und Übersiedler aus der früheren Sowjet­union aufgenommen habe. Aus diesem Wohnheim, der früheren Polizeikaserne am Bunzelweg, seien nach Umbauten Kommunalwohnungen entstanden. Und die Zeitung zitiert auch den Rektor des Bildungshauses, Pfarrer Martin Pietsch: „Wir sehen uns bei der Frage, wo gibt es Möglichkeiten, Flüchtlinge unterzubringen, besonders gefordert.“
Das Bildungshaus musste geschlossen werden, weil es nicht ausreichend ausgelastet war und die Kosten „nicht mehr verantwortbar“ waren, hieß es in einer Pressemeldung des Erzbistums vom Dezember. Weiter hieß es dort, dass allen Mitarbeitern im Haus zu Jahresbeginn andere Einsatzmöglichkeiten angeboten werden. Offensichlicht mit Erfolg: „Alle bisherigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben bereits an anderer Stelle im Erzbistum Berlin eine Weiterbeschäftigung gefunden, es wird also niemand gekündigt oder freigestellt“, teilt Förner mit.
Seit 1991 fanden hier Kurse und Seminare statt. Angehende Gottesdiensthelfer wurden hier an mehreren Wochenenden auf ihren Dienst vorbereitet, Ehrenamtliche in der Kinder- und Familienliturgie erfuhren mehr über die Erstkommunion, es gab Wochenenden für Alleinerziehende, deren Kinder flügge sind, und an den Adventswochenenden konnten sich Frauen zu Besinnungstagen treffen – um nur einige der Angebote zu nennen. Sie alle werden jetzt in anderen Veranstaltungs- und Tagungsorten stattfinden.
Die Schöneicher Katholiken bekamen, ebenfalls  1991, eine eigene Kirche auf dem Gelände des Bildungshauses: die Marienkirche und kleine Gemeinderäume, in denen man sich zu verschiedenen Anlässen treffen kann. Die Kirche gilt seitdem als eine der jüngsten in Schöneiche.
 

Das Bildungshaus St. Konrad in Schöneiche in der Zeit als Vorseminar ...

Erst Vorseminar, dann Sprachenkurs
Zu Beginn, also 1953, war die Einrichtung aber das „Bischöfliche Vorseminar“, also eine kirchliche Lehranstalt mit Internat. 20 Jahre lang bot es Schülern in der DDR nach Abschluss der damals achtjärigen DDR-Grundschule die Möglichkeit, in einem vierjährigen Kurs ein „kirchliches Abitur“ abzulegen und die Zugangsberechtigung für das Philosophisch-Theologische Studium in Erfurt zu erlangen. 1970 wurde die Kursdauer auf drei Jahre verkürzt. Das Vorseminar endete 1973. Ein kirchlich anerkanntes Abitur als Voraussetzung für ein Theologiestudium in Erfurt konnte fortan nur noch im Norbertuswerk in Magdeburg erworben werden.
Nach Schöneiche kam der seit 1952 bestehende „Sprachenkurs Halle“, auch dieser wurde dann 1991 nach Magdeburg verlegt. Den Sprachenkurs, der Abiturienten innerhalb eines Jahres das philologische Rüstzeug für das Theologiestudium vermitteln sollte, empfindet Bernhard Holfeld, der MDR-1-Radio-Sachsen-Wellenchef aus Dresden als „ein Jahr voller Erfahrungen“. Neben der menschlichen Seite denke er bei Schöneiche allerdings auch an das viele „Pauken“. Das bleibe ihm „als harte Schule aber auch ewig in Erinnerung“.
Holfeld war von 1983 bis 1984 im Sprachenkurs Schöneiche. „Aus allen Ecken der DDR waren wir dort auf engem Raum zusammen“, erinnert er sich. „Immer zwei in einem Zimmer, manche auch zu zweit in einem Durchgangszimmer.“ Die Vorbildung der Schüler sei sehr gemischt gewesen: „Einer hatte bereits als Chemiker promoviert, der andere kam direkt nach der 12. Klasse von der Schule“, zählt der gebürtige Dresdner, der nach dem Abi erst einmal einen Handwerksberuf erlernt und auf Montage gearbeitet hatte.
„Andere waren zuvor bei der Armee gewesen, viele als Bausoldaten. Und für alle hielt Schöneiche dieselbe Herausforderung bereit: Innerhalb eines Jahres ausgehend von Null-Ahnung das Abi in den alten Sprachen Griechisch und Latein zu schaffen.“ Das Lernpensum sei so gewaltig gewesen, „da wusste man bereits am dritten Tag, um es fromm zu formulieren, das geht nur mit Gottes Hilfe“, war sich Holfeld schon damals sicher. „Im Klartext: wir haben gelernt mit Lücken auch in Klausuren zu leben. Die ‚Pauker‘ (die Herren Polzin und Przybyla) konnten mit unseren Lücken manchmal schlechter umgehen als wir und halfen uns mit Sprüchen, wie: ‚Das müssen Sie nicht lernen, merken Sie es sich einfach!‘“

... und heute.

Die Vokabelkärtchen waren immer dabei
Doch gerade dieser Lerndruck und auch das dichte Zusammenleben schweißten die jungen Männer als Gemeinschaft zusammen. Die Kapelle in Schöneiche sei so klein gewesen, dass man dort „jede Kleinigkeit hörte“, weiß Holfeld noch und erzählt, dass er mitbekommen hat, dass „der Regens dem Gemeindediakon beim Friedensgruß etwas zuflüstern wollte, im Eifer des Moments sich ihm mit den Worten ‚Der Leib Christi‘ zuwandte, statt ‚Der Friede sei mit dir‘.“
Zwei Jahre nach Holfeld besuchte der heutige Pressesprecher des Bistums Magdeburg, Thomas Lazar, den Sprachenkurs. Und auch er empfand die sechs bis acht Stunden Alt-Griechisch und Latein als sehr anstrengend. „Jeden Tag mussten wir 20 bis 30 Vokabeln in jeder dieser Sprachen lernen“, betont Lazar, was für ein Pensum er und all die anderen Schüler durcharbeiten mussten. „Die mussten wir lernen, denn am nächsten Tag kamen wieder 20 bis 30 Vokabeln hinzu. Dann noch Grammatik, Texte übersetzen und was sonst zum Sprachenlernen dazugehört.“ Wenn er zur Ablenkung nach Berlin zur Oper oder ins Theater fuhr, hatte er immer eine Streichholzschachtel mit Vokabelkarten dabei und arbeitete diese unterwegs durch. „Nur auf der Toilette hing ein Zettel: ‚… so viel Zeit muss sein!‘“
Auch wenn er seinem Wunsch, Priester zu werden, dann doch nicht folgen konnte, war die Zeit für ihn nicht umsonst: „Ich bereue es im Nachhinein nicht. Und ich habe auch während dieses Jahres nie an Abbruch gedacht.“ Schließlich gab es auch schöne Momente. Neben den Sprachen standen „zur Auflockerung“ auch Geschichte („damit wir mal etwas anderes lernen als DDR-Geschichte“) und Liturgisches Singen auf dem Stundenplan. Und Deutsch. „Unsere Deutschlehrerin, Frau Alzer, kam immer mit dem Fahrrad aus Treptow“, erinnert sich Lazar an die Frau, die er „unseren Lichtblick“ nennt. „Wir haben dann eines Tages ihr Fahrrad ‚entführt‘, es von allem Rost befreit und rundum erneuert.“

Von Alexandra Wolff