04.05.2017

Anstoss 18/2017

Befreiung

Am Montag ist der 8. Mai. Viele Menschen feiern an diesem Tag die Befreiung vom Nationalsozialismus. Andere denken an die demütigende Niederlage und würden ihn am liebsten als „Tag der Schande“ aus dem Kalender streichen.


Wieder andere feiern bis heute den Sieg über Hitlerdeutschland. In englischsprachigen Ländern wird der 8. Mai deshalb einfach VE-Day, Tag des Sieges, genannt.
Aber sind wir mit dem Nationalsozialismus auch die vielen Nationalismen losgeworden, die das 20. Jahrhundert auf so furchtbare Weise geprägt haben? In den USA hat Donald Trump mit seiner Formel „America first“ das Rennen gemacht. Tauscht man den Ländernamen aus, passt sie genauso auf die Brexit-Befürworter, die den Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union  zu verantworten haben. Und sie passt auf die Bewegungen in Deutschland und Frankreich, die die AfD und den Front National möglich machen.
Über den nächsten französischen Staatspräsidenten wird an diesem Wochenende entschieden. Welchen Weg Frankreich einschlägt, wissen wir dann. Aber egal wie es ausgeht, die Entwicklungen der letzten Monate erschrecken und müssen aufrütteln. Wir sind nicht frei von Nationalismen. Berechtigte Sorgen bilden zusammen mit irrationalen Ängsten ein gefährliches Gemisch. Und wieder werden Menschen bejubelt, die einfache Lösungen anbieten. Ein Blick in die Geschichte sollte genügen: Einfache Lösungen sind nicht selten ein fauler Kompromiss und der fängt bekanntlich an zu stinken.
„Befreit sind wir von Angst und Not, das Leben hat besiegt den Tod: Der Herr ist auferstanden.“ heißt es in einem bekannten Osterlied. Wir Christen feiern gerade unseren Tag der Befreiung. Christus hat den alten Feind besiegt. Er ist auferstanden von den Toten. Er hat unser Klagen in Tanzen verwandelt. Genau wie der 8. Mai 1945 unter großen Opfern erkämpft worden ist, wurde diese Befreiung nur möglich, weil einer für alle ein Opfer gebracht hat.
Einfache Lösungen versprechen das Blaue vom Himmel. Pippi Langstrumpf würde sagen: „Ich mach‘ mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.“ Wirkliche Siege und wirkliche Freiheit kosten etwas.

Pfarrer Marko Dutzschke, Cottbus