06.11.2014

Anstoß 45/2014

Befreit zum Widerstehen

9. November – ein vielschichtiger Tag für unser Land. 1918 – die Ausrufung der Weimarer Republik: ein Volk, das noch vor kurzem Europa mit Krieg überzogen hat, ist auf dem Weg zur Demokratie und damit zu einem friedlichen Zusammenleben mit seinen Nachbarn.

1923 – Hitlers „Marsch auf die Feldherrenhalle“: Der Versuch, mit einem Putsch  an die Macht zu kommen, scheitert zunächst und hat diesmal noch keine weitreichenden Folgen. Das ändert sich wenige Jahre später in verheerendem Ausmaß.
9. November 1938 – die Reichspogromnacht läutet den Beginn der massiven Verfolgung der Juden ein und das ausufernde Unrecht betrifft wie nie zuvor wirklich die ganze Welt. Wo zunächst unzählige Einzelne schweigen und mitlaufen, folgt unermessliches Leid für Viele.
Und schließlich 1989 – die Öffnung der Grenzen im geteilten Deutschland, als Folge der anhaltenden Friedensgebete und Montagsdemonstrationen. Eine entgegengesetzte Erfahrung: Menschen setzen sich mutig und ausdauernd für Freiheit und Gerechtigkeit ein – und werden zu einem weltweiten Hoffnungszeichen dafür, dass gewaltfreie Veränderungen möglich sind. Daran knüpft sich aber zunehmend auch die Erwartung, dass das wiedervereinigte Deutschland Verantwortung in der Welt übernimmt, dass auch das Gute, das wir erfahren haben, sich ausbreitet.
Eine Wurzel der friedlichen Proteste liegt in der ökumenischen Friedensdekade, die seit 1980 die 10 Tage zum Buß- und Bettag hin prägt. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto „Befreit zum Widerstehen“ – wie die erste vor 35 Jahren. Wir haben in unserer Geschichte einiges an Befreiung erlebt. Nehmen wir das Befreit-Sein noch wahr? Wo täte uns heute Befreiung not – als Gesellschaft, aber auch ganz persönlich? „Befreit zum Widerstehen“ – auch Widerstand hat unsere Geschichte mitgeprägt: der zunehmende Widerstand gegen die Weltkriege und die Einsicht, dass es das nie wieder geben darf, der daraus erwachsende Widerstand gegen Rüstung und Waffenexport bis heute. Der Widerstand in der NS-Zeit, dessen Zeugnis zur Chance des Neuanfangs beitrug. Der Widerstand, der die Menschen im Osten Deutschlands vor 25 Jahren auf die Straße trieb, mit dem Ruf nach Freiheit und Wahrheit. Welchen Widerstand braucht es heute? Wozu sind wir befreit und wozu müssen wir noch frei werden? Lassen Sie sich doch auch einladen, in den nächsten zehn Tagen in der Ökumene mit allen Menschen guten Willens diesen Fragen nachzugehen und um Frieden und Befreiung zu beten, die so viele Menschen auch heute noch bitter nötig brauchen.

Von Angela Degenhardt, Sangerhausen