24.11.2016

Anstoß 48/2016

Balance halten

Am Beginn eines Wanderweges am Ben Nevis, dem höchsten Berg Schottlands, warnt ein Schild: Der Weg ist uneben, felsig und rutschig mit einem steilen Absturz an der Seite. Seien Sie extrem vorsichtig, da schon tödliche Unfälle vorgekommen sind!

Das Ziel der kurzen Wanderung entlang einer Schlucht war eine Hochlandwiese, die den Blick auf einen beeindruckenden Wasserfall freigab. Am Ufer der „Water of Nevis“ luden sanfte Wiesen die Wanderer zum Verweilen ein. Und um dem Wasserfall noch näher zu kommen, lockte eine Brücke auf die andere Seite des Flusses. Allerdings keine gewöhnliche Brücke: Ein Stahlseil war über den Fluss gespannt, rechts und links etwa auf Schulterhöhe zwei weitere Seile, um sich festzuhalten. Das Seil hing nicht allzu hoch über dem Fluss, der an dieser Stelle auch nicht tief war. Trotzdem eine Herausforderung. Auch eine Familie wartete darauf, den Fluss zu überqueren. Der Vater war schnell auf der anderen Seite. Die beiden jugendlichen Töchter folgten deutlich zögernd. Schließlich blieben noch die Mutter und ein kleinerer Junge im Grundschulalter. Der Junge kletterte auf das Gerüst, von dem das Seil seinen Ausgang nahm. Aber er reichte mit den Armen nicht an die Halteseile heran. Er versuchte einige Schritte zunächst mit nur einer Hand, dann mit beiden Händen am gleichen Seil. Aber schnell wurde klar, dass er den Weg auf diese Weise nicht schaffen würde. Schließlich kletterte die Mutter zu ihm auf das Seil und sie probierten, ob es auf irgendeine Weise gelingen könnte, den anderen zu folgen. Schließlich ging die Mutter los und ihr Sohn hielt sich an ihrem Rucksack fest. Ganz dicht blieb er hinter ihr, um das Gleichgewicht zu halten, während sie unendlich langsam einen Fuß vor den anderen setzte, bis sie endlich wohlbehalten auf der anderen Seite ankamen. Welch ein Vertrauen, auch wenn ein Sturz hier nicht lebensgefährlich gewesen wäre. Aber schmerzhaft und unangenehm kalt, der Rückweg mit nassen Sachen bei herbstlichen Temperaturen.
Es war beeindruckend, wie die Mutter den Jungen über den Fluss geleitet hat. Als die beiden das andere Ufer erreichten, war der Vater nicht zu sehen, dessen Kraft und Mut man vielleicht eher bei diesem Abenteuer erwartet hätte.
Diese Mutter ist für mich ein Bild, wie Gott uns leiten mag auf schwierigen Wegen: Schritt für Schritt vor uns. An uns ist es, auf Tuchfühlung zu bleiben, uns eng an ihn zu klammern, damit wir nicht die Balance verlieren und sicher an das andere Ufer gelangen.

Angelika Degenhardt, Sangerhausen