08.03.2018

Ausstellung „Unvergleichlich“ im Berliner Bode-Museum

Kunstvolle Gegensätze

Die Ausstellung „Unvergleichlich“ im Berliner Bode-Museum versteht sich als experimentelle Gegenüberstellung von Werken aus zwei Kontinenten. Afrikanische Kunst trifft auf europäische, meist christliche Exponate.


Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum, Ausstellungs­ansicht. | Foto: Staatliche Museen zu Berlin/David von Becker


Die Besucher der Skulpturensammlung des Bode-Museums mögen zunächst irritiert oder überrascht sein, wenn sie zwischen Heiligenfiguren, Altarbildern, Madonnen und Reliquienbüsten fremdartig wirkende Exponate entdecken. Denn auf den ersten Blick passen sie so gar nicht zu den christlichen Bildwerken. Die Rede ist von afrikanischen Skulpturen, die derzeit zu Gast im Bode-Museum sind.
Diese gemeinsame Präsentation von Kunstwerken aus dem europäischen Kulturkreis und dem afrikanischen Kontinent ist das Thema der Sonderausstellung „Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum“. Gezeigt wird eine Auswahl von insgesamt 80 Skulpturen, die aus dem Ethnologischen Museum stammen. Bis zum Umzug in das Humboldt Forum 2019 werden die afrikanischen Skulpturen noch im Bode-Museum zu sehen sein.
Der Titel der Ausstellung verpflichtet. Gleich im Eingangsbereich empfängt ein „unvergleichliches“ Paar, Donatellos Putto mit Tamburin, ihm zur Seite die Statuette einer Göttin oder Prinzessin aus dem Königreich Benin – raumgreifend, dynamisch die Figur des Putto, statuarisch, in sich ruhend die Figur der afrikanischen Göttin. Sie entstammen größeren künstlerischen Zusammenhängen und sind herausragende Zeugnisse der Bildhauerkunst beider Kontinente.

Mangaaka-Kraftfigur trifft spätgotische Maria
Diesen paarweisen Gegenüberstellungen begegnet man in der gesamten Ausstellung. Sie sprechen die großen Themen an, die Menschen seit jeher berühren: Tod, Identität, Erinnerung, Macht und Ästhetik. Zum Beispiel steht eine Mangaaka-Kraftfigur aus dem Kongo in unmittelbarer Nähe einer spätgotischen Maria mit dem Schutzmantel. Von beiden erhofften sich Menschen Schutz und Geborgenheit. Unter dem ausgebreiteten Mantel der Madonna finden sie Zuflucht. Das drückt sich vor allem darin aus, dass die Figurengruppe der betenden Gläubigen besonders klein gestaltet ist. Dagegen wirkt die afrikanische Kraft-Figur mit ihrem mit Nägeln gespickten Oberkörper fast furchteinflößend. Auch sie sollte vor allem dörflichen Gemeinschaften Schutz bieten und zugleich Gefahren abwehren.
Ein paar Schritte weiter trifft der Besucher auf die Figur des mythischen Helden und Herrschers Chibinda Ilunga aus Angola, die Kraft und Stärke ausstrahlt und dadurch unerschütterlich zu wirken scheint. Ganz anders dagegen die Skulptur des Christus im Elend von Hans Leinberger; sie zeigt den Mensch gewordenen Sohn Gottes, gezeichnet von den erlittenen körperlichen und seelischen Qualen der Geißelung. Vielleicht ließe sich in diesem Gegensatzpaar am deutlichsten nachvollziehen, dass die afrikanische Kunst eher der Darstellung von Kraft und der Abwehr von Ohnmacht gilt, wogegen sich Künstler der Renaissance auch dem Elend und der Not menschlicher Existenz genähert haben. Insgesamt zweiundzwanzig Gegenüberstellungen versuchen, im Vergleich der Werke das Gemeinsame, Verbindende und das Gegensätzliche sichtbar werden zu lassen. Auch wenn die Bild- und Formensprache unterschiedlich ist, finden sich häufig Parallelen in der Funktion der Kunstwerke.
Die angesprochenen Themen werden im Sonderausstellungsbereich in der gemeinsamen Präsentation weiterer Bildwerke Afrikas und des europäischen Kulturraums vertieft und ergänzt. Doch vor dem Hintergrund der verhängnisvollen kolonialen Geschichte bleibt die Frage der Klassifizierung und Abgrenzung von hochwertiger Kunst und der als exotisch herabgewürdigten ethnologischen Objekte bestehen. Diese zieht sich wie ein Leitmotiv durch die Ausstellung. So fühlt sich der Betrachter aufgefordert, seine eigenen und erlernten Sehgewohnheiten zu hinterfragen. Gerade im Vergleichen können sich ihm neue Blickwinkel erschließen und eigenständige afrikanische Ausdrucksformen über das ethnografische Interesse hinausgehend neu bewertet werden. Vielleicht bekommt man aber auch eine erweiterte Sicht auf die christlich-abendländische Kunst.

Die Ausstellung ist voraussichtlich bis 2019 zu sehen.

Von Christine Kansy