23.04.2012

Zwischen Fundamentalismus und Pragmatismus: Eine Diskussion über die Umsetzung christlicher Werte in konkrete CDU-Politik

Auf der Suche nach dem „C“

Dass man mit christlichen Prinzipien Politik machen kann, dafür ist die katholische Soziallehre ein gutes Beispiel. Für manchen, der darüber hinaus heute nach dem „C“ in der CDU-Politik sucht, fällt die Bilanz eher ernüchternd aus.

Das Thema Ladenöffnungszeiten an Sonntagen sorgt immer wieder für Diskussionen zwischen Kirchen und Politikern, auch denen, deren Partei das „C“ im Namen trägt. Foto: kna


Von Matthias Holluba
Leipzig.„Die CDU ist kein Christen-Club“, sagt Michael Kretschmer, Generalsekretär der sächsischen CDU und Bundestagsabgeordneter. „Wir sind eine Versammlung von Menschen, die den christlichen Glauben als Basis nehmen und versuchen, darauf Politik zu machen.“ Christen falle das natürlich leichter, doch gehören zu seiner Partei auch Nichtchristen.
Doch einigen Parteimitgliedern kommt das christliche Profil zu kurz. In den drei mitteldeutschen Bundesländern haben sie deshalb im vergangenen Herbst Landesverbände des „Arbeitskreises engagierter Katholiken“ (AEK) gegründet, um das christlich-katholische Profil der CDU zu stärken. Der sächsische Landesverband hatte jetzt zum ersten Mal zu einer öffentlichen Veranstaltung in die Leipziger Propsteigemeinde eingeladen.
Dass die CDU bei der Frage nach ihrem christlichen Profil in einem Dilemma stecken könnte, sehen die AEK-Mitglieder selbst: „Die CDU als Volkspartei will von einem großen Teil des Volkes gewählt werden. Andererseits aber geht die Mehrheit des Volkes in eine Richtung, die nichts mit christlichen Werten zu tun hat“, sagt Sachsens stellvertretender AEK-Vorsitzender Norbert Lohbreyer.
Zwar gibt es positive Beispiele, die – gerade auch auf dem Hintergrund der ostdeutschen Minderheitensituation der Christen – zeigen, dass christliche Werte von der Gesellschaft geschätzt werden. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Bettina Kudla verwies bei der Leipziger Diskussion etwa auf den schulischen Religionsunterricht. Dieser ist eher innerkirchlich umstritten – nicht nur wegen der kleinen Schülerzahlen, sondern auch, weil die Pfarrgemeinden nun nach Wegen suchen müssen, die junge Generation an die Gemeinde zu binden, wie Stephan Gottwald aus Chemnitz sagte.
Der Blick in andere Politikbereiche zeigt aber, dass es durchaus Differenzen zwischen CDU-Politikern und Kirchen gibt. Ein Beispiel sind die Ladenöffnungszeiten am Sonntag. Vertreter aus dem Publikum forderten hier von der CDU, eindeutig Position zu beziehen: „Auch wenn nur noch jeder Fünfte ein Christ ist, können wir von den übrigen 80 Prozent den Respekt vor unserer Ansicht zum Sonntagsschutz einfordern“, hieß es beispielsweise. Und: „Wenn mir Werte wichtig sind, dann kann ich sie nicht quantifizieren und sagen, an zwei Sonntagen im Jahr sind sie nicht so wichtig.“ Zwar rufe die Gesellschaft und die Politik immer wieder nach der Kirche als Wertelieferant. „Aber wenn diese Werte dann konsequent gelebt werden, wird das lächerlich gemacht“, sagte ein anderer Teilnehmer.
Doch der Sonntagsschutz fängt auch beim Verhalten jedes einzelnen Christen an, wie Volker Tiefensee verdeutlichte, der für die CDU im Sächsischen Landtag sitzt. Er berichtete nicht nur von einem christlichen Verlag, der am Sonntag nach dem Gottesdienst seine Bücher verkauft, sondern gestand, dass er selbst nach dem Gottesdienst auch ganz gerne frische Brötchen einkaufe.
CDU-Generalsekretär Kretschmer warnt davor, in diesen Fragen zu fundamentalistisch zu argumentieren. „Als Politiker müssen wir akzeptieren, dass die Mehrheit der Bevölkerung nichtchristlich ist. Wenn wir extreme  Positionen vertreten, kommen wir nicht mehr ins Gespräch mit der Gesellschaft.“ Ähnliches gilt für ihn auch in Sachen Familienpolitik. „Natürlich sind uns stabile Lebensformen wichtig und die stabilste Form ist die Ehe. Deshalb setze sich die CDU auch für die Privilegierung der Ehe ein“, sagt Michael Kretschmer. Aber als Politiker müsse er auch darauf reagieren, dass die Hälfte der Kinder außerhalb einer Ehe geboren werden.
Manchem Besucher der Veranstaltung war solche Art Realpolitik zu wenig. Die CDU setze viel zu sehr auf Umfragewerte, hieß es aus dem Publikum. Das Erscheinungsbild der Partei in der Öffentlichkeit lasse die Richtigkeit der Zehn Gebote nicht mehr erkennen. „Auch wenn wir für unsere Positionen keine Mehrheiten bekommen, müssen wir sie trotzdem vertreten.“
Weitere Informationen zur AEK gibt es im Internet: www.aek-sachsen.de/