04.08.2016

Einheit auch in Moral-Fragen

Arbeitsgruppe des Ökumenischen Rates der Kirchen tagte in Erfurt

Beim Bemühen um die Einheit der Kirchen geht es nicht nur um Glaubensfragen. Auch Unterschiede in moralisch-ethischen Fragen sind problematisch. Eine Arbeitsgruppe der Kommission “Glauben und Kirchenverfassung“ hat sich jetzt in Erfurt damit beschäftigt.

Die Mitglieder der Arbeitsgruppe der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des Weltkirchenrates trafen sich am Rande ihrer Tagung in Erfurt auch mit Vertretern der Kirchen in Thüringen. Foto: Vladimir Shmaliy
 

Die Erfurter Kirchenrechtlerin Myriam Wijlens erklärt, dass „die Einheit der Kirche auch durch verschiedene Auffassungen zu moralischen Themen auf den Prüfstand gestellt werden“. Die christlichen Kirchen stehen vor der Frage, „wie bereits bestehende Spaltungen überwunden werden können, damit die Kirche den Glauben auch wirklich glaubwürdig vertreten und verkünden kann“, erklärte Wijlens anlässlich der internationalen Tagung einer Arbeitsgruppe der „Kommission für Glauben und Kirchenverfassung“ innerhalb des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), auch Weltkirchenrat genannt.

Die gleiche Bibel, doch verschiedene Antworten
Die Arbeitsgruppe zum Thema „Moralisch-ethische Urteilsfindung und Autorität“ wurde 2015 errichtet. Ihre Aufgabe ist es zu analysieren, wieso zwar alle Christen die Bibel als Glaubensgrundlage betrachteten, bei moralischen Themen aber dennoch zu verschiedenen Ergebnissen kämen, so Wijlens. Das gelte nicht nur für die verschiedenen Kirchen. Auch innerhalb einzelner Kirchen gebe es mitunter unterschiedliche Ansichten zu moralisch-ethischen Fragen.
In Erfurt hat sich die Arbeitsgruppe damit beschäftigt, wie in den einzelnen Kirchen moralische Urteilsfindung stattfinde. Wijlens: „Wer spricht im Namen von wem zu welchem Thema mit welcher Autorität und inwiefern ist das verpflichtend für die Gläubigen?“ Neben der Beschreibung des Prozesses der moralisch-ethischen Urteilsfindung in den einzelnen Kirchen haben sich die Teilnehmer außerdem mit Beispielen auseinandergesetzt, die zeigen, wie es innerhalb einer Kirche zu anderen Ansichten in einzelnen ethischen Fragen gekommen ist. Themen waren hierbei die Apartheid in Südafrika, die Sklaverei in den USA, die Religionsfreiheit in der katholischen Kirche und die Menschenrechte in den orthodoxen Kirchen. Wijlens: „Wir haben bewusst Beispiele aus der Vergangenheit gewählt, um mit einer gewissen zeitlichen Distanz danach zu fragen, was wir heute aus diesen Veränderungsprozessen lernen können.“ 
Die Erfurter Professorin ist seit 2008 als Delegierte des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen (Vatikan) Mitglied der „Kommission für Glauben und Kirchenverfassung“. Wijlens wurde im vergangenen Jahr zusammen mit ihrem Moskauer Kollegen aus dem Russisch Orthodoxen Patriarchat, Vladimir Shmaliy, beauftragt, die Arbeitsgruppe zu moderieren. Von der Universität Erfurt nahm an den jetzigen Beratungen außerdem im Auftrag des Vatikans der Moraltheologe Josef Römelt teil. Die anderen Teilnehmer kamen aus Australien, Ägypten, Malaysia, Brasilien, Griechenland, Russland, Schweden, den USA, England und der Schweiz. Die Ergebnisse der Ethik-Arbeitsgruppe sollen auf der nächsten Sitzung der „Kommission für Glauben und Kirchenverfassung“ 2017 in Südafrika präsentiert werden.
Am Rande der Erfurter Tagung kam es auch zu einer Begegnung mit Vertretern der Kirchen in Thüringen. Daran nahmen teil der emeritierte katholische Bischof Joachim Wanke in Vertretung von Bischof Ulrich Neymeyr, der am Weltjugendtag in Krakau teilnahm, die Pfarrerin am Augustinerkloster Erfurt Irene Mildenberg, Propst Johann Schneider (Regionalbischof des Propstsprengels Halle-Wittenberg der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland) als Vertreter für die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann sowie Msgr. Heinz Gunkel als Vorsitzender der ACK Thüringen und Thomas Seidel, der Lutherbeauftragte des Freistaates Thüringen. Wijlens: „Diese Begegnungen mit Vertretern der örtlichen Kirchen sind uns wichtig, damit unsere Tagungen nicht im luftleeren Raum stattfinden. Wir wollen erfahren, wie der Glaube und die Ökumene vor Ort gelebt werden. Und hier im Osten Deutschlands ging es natürlich auch besonders um die Begegnung mit der säkularen Welt.“

Erfurt als beliebter Tagungsort
Dass die Tagung in Erfurt stattfand, ist für Wijlens eine besondere Ehre. „Diese Entscheidung ist auch eine Anerkennung der Forschungsarbeit, die an unserer Theologischen Fakultät geleistet wird.“ Das katholische Bildungshaus St. Ursula entwickelt sich dabei zunehmend zu einem Ort für hochkarätige ökumenische Begegnungen. Bereits im Januar hatten Vertreter des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen und der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) hier über ihr jeweiliges Kirchenverständnis nachgedacht. Im nächsten Jahr werden die Anglikanisch Römisch-Katholische Internationale Kommission sowie der Ökumenische Arbeitskreis unter Vorsitz von Kardinal Karl Lehmann und dem Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein, hier tagen.

mh/kna