25.09.2014

Anstoß 39/2014

Anderer Blickwinkel

Ein hoffnungslos zerstrittenes Ehepaar kommt zur Eheberatung. „Egal, was passiert, es dauert nicht lange und wir streiten uns“ – sagen sie verzweifelt.

„Wir streiten uns so lange, bis wir uns für Wochen nichts mehr zu sagen haben.“ Der Eheberater hört aufmerksam zu, dann macht er einen Vorschlag: „Wissen Sie was, wenn Sie das nächste Mal streiten wollen, gehen Sie bitte ins Schlafzimmer. Dort stellen Sie sich an Ihrem Bett gegenüber auf und stellen jeweils einen Fuß aufs Kissen. Und dann bitte legen Sie erst mit dem Streiten los. Streiten Sie nach Herzenslust!“
Das Paar ist willig und versucht es. Als sie nach ein paar Wochen wieder in die Eheberatung kommen, will der Eheberater natürlich wissen, wie es geklappt hat. „Ach“, sagen die beiden, „so richtig gestritten haben wir uns gar nicht mehr. Immer, wenn wir ins Schlafzimmer gingen und den Fuß aufs Bett stellten, mussten wir so übereinander lachen, das der Frust verflogen war.“
Manchmal hilft es, einfach mal zur Ärgerprävention einen anderen Blickwinkel einnehmen. Wenn die Standpunkte und Situationen festgefahren sind, sollte am besten einmal die Ausgangsposition verändert werden. Ein solcher Blickwinkel ist typisch biblisch. Wenn Jesus Ärger mit den Pharisäern hatte, tat oder sagte er oft etwas Überraschendes. Das wohl eigenartigste Argument zum Frustrationsabbau  ist folgendes: „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, halte ihm auch die Linke hin.“
Klingt drastisch, aber genau genommen haben wir es hier mit einem Überraschungsangriff zu tun. Die übliche Reaktion ist entweder zurückzuhauen oder aber die Beine in die Hand zu nehmen. Aber etwas anderes passiert. Wenn der andere nicht völlig abgestumpft ist, wird ihn diese Reaktion zur Besinnung bringen. „Was mache ich hier eigentlich?  Und warum verändert der andere gerade die Spielregeln.“ Denn nach dieser Regel gilt das „Auge um Auge,  Zahn um Zahn“-Prinzip plötzlich nicht mehr.  Und so wachsen die Chancen, doch zu einer Einigung zu kommen.
Martin Luther King in den Südstaaten der USA, Mahatma Gandhi in Indien, auch die Friedlichen Revolutionen in der DDR und in der Tschechoslowakei haben nach neuen Spielregeln gespielt. Erfolgreich übrigens. Bei all den Konflikten unserer heutigen  Welt, ob in Familien, unter Kollegen, Nachbarn und zwischen Nationen wünsche ich mir mal eine Besinnungspause mit Überraschungen – und eine Änderungen der Spielregeln. Aber ich ahne, das ist schwerer als man denkt. Was nicht heißt, das man es nicht wenigstens mal versuchen  soll.
Von Guido Erbrich, Biederitz