22.12.2016

Die Engel der Radebeuler Künstlerin Friedericke Curling-Aust

Als ob sie alle Zeit der Welt haben

Radebeul. Engel können helfen, glücklich zu leben. Friederike Aust lebt mit ihren Engeln. Sie drechselt und bemalt sie selbst. Seit 1997 finden sie von Radebeul aus ihren Weg in die Welt. Ein Besuch im Atelier von Friederike Aust am Meinholdschen Turmhaus.

Friederike Aust ist in jedem Jahr beim Elbhang-Adventsmarkt in Dresden-Loschwitz mit dabei. Auch von hier aus gehen ihre Figuren in die Welt. Doch der Abschied fällt nicht immer leicht. Foto: Joachim Fuchs

„In der kleinen Malschule erleben die Mädchen und Jungen ein herrliches Reich. Einen Ort, der so ganz anders ist. Sie können ihn für sich beanspruchen, ihre innere Welt ausleben“, sagt Künstlerin Friederike Curling-Aust. Gabriele und Oskar gehören zu den Kindern, die an einen Sonnabend im November in dieses Reich gekommen sind, um ganz für sich einen Engel zu bemalen. Mit dabei sind Muttis und Großmütter der Kinder. „Es ist etwas ganz Besonders. Eigentlich lasse ich die von mir gedrechselten Engel nicht bemalen. Doch die Arbeit mit den Kindern macht Freude und gibt viel zurück. Alle erleben etwas gemeinsames. Etwas, das sie für immer verbinden wird. Gerade diese Engel werden sehr viel Licht in die Familien bringen“, so Friederike Aust. „Beim Gestalten spürte ich, dass sehr viel Schönes mit den Mädchen und Jungen geschieht. Mein Rohling wird Schritt für Schritt ihr Engel. Einer, der sie vielleicht  – so hoffe ich – ein Leben lang begleitet.“

Advent bei Aust: „Das war eine heilige Sache“
Zuhause ist Friederike Aust im Meinholdschen Turmhaus in Radebeul Oberlößnitz, wo ihr Bruder Karl Friedrich sein Weingut betreibt. Das Friederike Aust von hier aus ihre Engel in die Welt schickt, liegt in ihrer Kindheit begründet. Glückliche Jahre am Fuße der Weinberge neben der Hoflößnitz – einem alten kursächsischen Weingut –, unterm Bismarkturm und dem Spitzhaus. Persönlich erinnert sie sich: „Als wir Kinder klein waren, hat mein Vater in der Werkstatt hinter unserem Haus an einer alten Drechselbank jedes Jahr im Herbst Engel gedrechselt. Meine Mutter hat ihm geholfen, diese anzumalen. Die Engel haben meine Eltern verschenkt. Ich bin damit aufgewachsen. Das war eine heilige Sache. Am ersten Advent kam meine Mutter früh leise in unsere Zimmer und stellte eine aus Buntpapier beklebte Laterne vor unsere Betten. Als wir aufwachten, leuchtete der Schein der Laterne als Stern an der Decke. Dann war es Jahr für Jahr das gleiche Gefühl, wenn ich die Steintreppe runterlief und in der Diele die Engel leuchteten und die erste Kerze am Adventskranz brannte, den meine Eltern am Tag zuvor gebunden hatten.“

Kinder konnten einen von Friederike Aust gedrechselten Engel selbst bemalen. Mit dabei waren ihre Muttis oder die Großmütter. Fotos (2): Holger Jakobi

„Er sah aus wie ein Striezeljunge“
Die Kinder durften schließlich selbst drechseln. Aus dieser Zeit haben sich sehr schöne Engel erhalten. Weiter erinnert sich Friederike Aust: „Bevor ich später begann, meine Engel zu gestalten und sie im Museum für Volkskunst im Jägerhof anbot, versuchte mein Bruder Friedrich als Junge die seinen auf dem Markt zu verkaufen. Er sah aus wie ein Striezeljunge, sehr klein, fröstelnd uns sehr rührend mit seinem Korb. Aber niemand wollte seine schönen Engel. Vielleicht hatten die Leute in dieser Zeit gerade ganz andere Gedanken im Kopf. Das war zur Wendezeit.“
Friederike Aust hat in Dresden Kunst studiert. In Radebeul unterhält sie seit 2005 mit ihrem Mann Brain Curling eine Malschule. Selbst arbeitet sie in den Bereichen Malerei und Grafik. Auch hier tauchen die Engel immer wieder auf. Gedrechselt und bemalt wird immer ab Herbst. In der Gestaltung orientiert sie sich an alten Vorbildern aus dem Erzgebirge. Ihre Engel, aber auch die Räuchermännchen und Spielzeugfiguren sind jedoch keine Kopien, sondern eigenständige kleine Schöpfungen. Sie sind beseelte Volkskunst. „Es ist für mich ein Handwerk geworden, bei dem ich nicht zweifeln muss, bei dem ich ganz bei mir bin.“ Noch im Studium hatte Friederike Aust mit dem Drechseln und Bemalen der Figuren angefangen. Inzwischen gibt es ihre Engel wohl auf der ganzen Welt. So zum Beispiel in Neuseeland, den USA und in Ägypten, wo sie eine Zeit lang lebte. Dort machte sie die Erfahrung, dass die Engel eigentlich alle Menschen anrühren. „Meine ägyptischen Freunde teilten mir mit, wie sie im Betrachten meiner Figuren im Herzen bereichert werden. Das ist etwas sehr Schönes.“ Etwas vom Geheimnis der Engel aus dem Meinholdschen Turmhaus kommt übrigens bereits beim Betrachten der Rohlinge zum Ausdruck. Man spürt: „Da steckt etwas Heiliges drin.“ Friederike Aust: „Sie stehen ruhig und zeitlos auf ihrem Platz. Sie passen gut in den Raum mir dem alten Gemäuer, als ob sie alle Zeit der Welt der Welt haben.“
Können Engel das Leben prägen? „Persönlich habe ich keinen Engel gesehen und ich glaube auch nicht, das Engel so aussehen, wie ich sie schaffe. Aber Engel gibt es auf so verschiedene Weise. Persönlich erspüre ich sie durch warmes Licht oder im Einverständnis mit der Welt in der Natur. Engel vermitteln mir Demut vor dem, was ist und sie helfen immer, damit Streit sich auflöst. Engel vertreiben das Trübe und helfen uns dabei, böse Gedanken abzulegen.“
 

Zwei der von den Kindern bemalten Engel auf dem Tisch im Atelier von Friederike Curling-Aust.

Begleitet sein, wissen, es geht weiter
Dies sind zudem Erfahrungen derjenigen, die mit dem Engeln von Friederike Aust leben. „Das Feedback reicht von Bitten um Reparaturen abgebrochener Flügel bis hin zu  Geschichten, die mir die Leute erzählen. Meine Engel machen viele Menschen sehr glücklich. Sie erfahren, dass es mehr gibt als sie sehen, dass sie begleitet werden und dass es weiter geht.“
Ein wichtiges Thema ist für die Radebeuler Künstlerin immer die Herzensbildung. „Sie ist eigentlich in Jedem da, man muss sie nur wecken.“ Zudem gehören Advent und Herzensbildung zusammen. „Wir können uns wieder in Ordnung bringen und lernen, den anderen anzuschauen. Wir können die Freude teilen.“ Im Weingut Karl Friedrich Aust findet in diesem Anliegen zweimal im Jahr ein kleiner Adventsmarkt statt. Begonnen hatte damit ihr Vater, der 1992 verstorbene Architekt und Denkmalpfleger Hans Ulrich Aust. Zusammen mit  seiner Frau hatte er Freunde in das Weingut eingeladen. „Wir Kinder durften die schönsten selbstgefertigten Räuchermänner, Engel und Bergmänner als Dank an alle verschenken, die bei der Schwammsanierung am Turmhaus geholfen hatten.“
Inzwischen ist der Adventsmarkt Geschichte. Viele Engel sind gegangen. „Es fällt nicht leicht Abschied zu nehmen. Die Engel, die Bergmänner, die Räucherfiguren und alles Spielzeug sind jetzt bei vielen angekommen.“ Einen Wunsch hat Friederike Aust noch in diesem Advent. „Ich möchte gern mit meinem achtjährigen Sohn einen Engel ganz für ihn bemalen. Einen, der ihn daran erinnert, im Leben nicht alleine zu sein.“
Friederike Curling-Aust, Weinbergstraße 10 in 01445 Radebeul, www.friederikecurling-aust.de

Von Holger Jakobi