05.03.2013

Anstoss 9/2013

Alles muss raus

Im Kirchenraum ist es still. Durch die Stille dringt plötzlich ein Klappen. ,Die Tür‘, denke ich, ,endlich!‘

Die Turmglocke beginnt zu tönen. Enttäuscht registriere ich: Es war nicht die Tür. Der Glockenstuhl macht, seitdem er nicht mehr ganz intakt ist, ähnliche Klappgeräusche wie die Eingangstür unserer Wahrener Kirche. Ich bleibe allein im Beichtstuhl und warte weiter bis zum Ende der Beichtzeit, vergeblich. Niemand kommt. Keiner möchte sich von Gott Versöhnung zusprechen lassen. Naiv könnte ich jetzt sagen: „Toll, keine Sünden, das Paradies!“
Ein Marketingfachmann sagte mir einmal: „Da stimmt das Angebot nicht. Wenn etwas niemand will, muss es aus den Regalen. Es nimmt wertvollen Platz weg.“ Die Beichte ist offensichtlich ein Angebot, das niemand nachfragt.
Wir als Kirche haben damit die Antwort auf eine Frage, die niemand stellt. Die Antwort heißt: „Vergebung und Versöhnung“. „Halt“, sagte mir der Marketingmann: „Vergebung und Versöhnung ist doch ein großes Thema. Mit meinen Kindern, mit meiner Frau, mit meinen Kollegen, in der Familie; überhaupt trägt Versöhnung doch zu einem guten Klima bei und muss immer wieder geübt werden.“
Die Dringlichkeit für Versöhnung wird seiner Meinung nach immer am Ausmaß der Verletzung des Anderen gemessen. Je schmerzhafter jemand seelisch oder körperlich verletzt wurde, desto dringender ist die Bitte um Vergebung.
„Was soll ich beichten, ich weiß es nicht“, fragte auch ich im Noviziat einmal einen älteren Mitbruder. Er antwortete: „Fragen Sie Ihre Mitbrüder. Dann wissen Sie es.“ Der erste Schritt ist zunächst die schonungslose Erkenntnis der eigenen Fehltritte. Verdrängung und Bagatellisierung helfen überhaupt nicht weiter. Der nächste Schritt zur Versöhnung ist die ehrliche Bitte um Vergebung. Und wenn ich das zunächst nicht mit dem Betroffenen klären kann, dann doch mit Gott.
„Ja, richtig“, sagte mir der Marketingmann. „Vielleicht stimmt etwas mit der Verpackung nicht. Die Form ist heute sehr wichtig, mindestens genauso wichtig, wie der Inhalt. Neulich beispielsweise gab es im Jugendradio eine Sendung, da wurde aufgefordert, mal anonym per Telefon so richtig schlimme Fehltritte zu bekennen: Alles muss raus, Ihr werdet Euch leichter fühlen! Und die Leute riefen an und beichteten im Radio ziemlich schlimme Sachen, Diebstähle, Ehebrüche, Lügen ...“
Ich drehe mich um und sehe den Beichtstuhl an. Ein telefonzellenartiges Zweckmöbel, nicht besonders einladend in der Ecke unserer Kirche. ‚An der Form sollte man was machen‘, denke ich.
Dominikanerpater Ralf Sagner, Leipzig