17.02.2015

Fastenwandern befreit Körper und Seele

Alles einfach weglaufen

Hirsetee statt Kaffee, keine feste Nahrung und jeden Tag 17 Kilometer zu Fuß. Und doch: "Fastenwandern ist wie zwei Wochen Urlaub", schwärmen die Teilnehmer.

"Hier läuft man einfach alles weg, was einen stört"
Foto: kna-bild

Zitronenscheiben schwimmen in den Wasserkrügen, Teetassen klappern. Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch die Tannen rund um das Königswinterer Haus Marienhof. Von hier aus macht sich die Gruppe von Peter Nitz in aller Frühe auf den Weg. Eine Woche lang steht Hirsetee statt Kaffee auf dem Speiseplan und Wandern statt Büro auf dem Programm. Denn, so schwärmt Teilnehmerin Marion von Recklinghausen: "Eine Woche Fastenwandern ist wie zwei Wochen Urlaub."

Auf feste Nahrung verzichten die Teilnehmer der Fastenwanderung. Stattdessen legen sie täglich um die 17 Kilometer zu Fuß zurück - am Rheinsteig und im Siebengebirge bei Bonn, über Stock und Stein, mit kurzen Pausen bei Sehenswürdigkeiten wie dem Drachenfels oder der historischen Brücke von Remagen. 

Zum Morgentee sitzen die 15 Teilnehmer in Fleece-Pullis und Wanderschuhen beisammen. Wanderführer Peter Nitz stimmt sie auf den Tag ein. Kurzgeschichten von Peter Bamm sind ebenso darunter wie Anekdoten des Kölner Kultduos Tünnes und Schäl. Heute beginnt Nitz mit einem Zitat des französischen Aufklärers Voltaire: "In der einen Hälfte unseres Lebens opfern wir die Gesundheit, um Geld zu erwerben, in der anderen opfern wir Geld, um die Gesundheit wiederzuerlangen." Die Teilnehmer nicken, Nitz schmunzelt: "Ein Fehler, den viele von uns machen", bestätigt er. 
 

"Hier gibt es konkrete Tipps für den Alltag"

Zwei Wochen lang heißt es: Löwenzahntee statt Kaffee.
Außerdem verzichten die Teilnehmer auf feste Nahrung.
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Die Fastenwanderer möchten genau das vermeiden. "Hier gibt es konkrete Tipps für den Alltag", sagt Wolfgang Pudor, der aus München angereist ist. Er fastet immer wieder mal für eine Weile. "Die ersten zwei Tage sind hart", gibt er zu. "Danach fühlt man sich leichter. Und wenn man eine Woche auf Null war, ist ein Apfel das Höchste. Dann schmeckt alles wie neu." Die größte Herausforderung sei es, diesen Effekt dann auch in den Alltag herüberzuretten. "Viele finden Fasten ja ein bisschen spinnert", hat er festgestellt. "Darauf muss man sich einstellen und gewappnet sein gegen die Verführungen im Supermarkt oder im Lokal."

Leiter Nitz informiert insbesondere über das sogenannte basische Fasten, das hauptsächlich auf Rohkost setzt. "Es gibt einen Zusammenhang zwischen Fasten und Heilen", betont der 68-Jährige. Und der komme beim Fastenwandern besonders zum Tragen: "Wenn man fastet, fährt der Organismus auf Sparflamme herunter. Der Magen muss also keine Verdauungsarbeit leisten, und der Körper hat mehr Energie, die man zum Wandern nutzen kann." Dass jemand durch Hunger zu schwach für eine Wanderung war, habe er noch nie erlebt. 

Durch den Verzicht, so Nitz, lerne man auch eine neue Dankbarkeit für die Geschenke der Natur. "Völlerei gilt im Alten Testament schließlich als Todsünde", sagt der drahtige Rheinländer nachdenklich. "Heute essen die Leute unentwegt und vergessen, dass das Essen immer noch etwas mit der Seele zu tun hat." Das gelte auch für das Wandern: "Schon Jesus war ein Wanderer", sagt der Protestant. 
 

"Hier läuft man einfach alles weg, das einen stört"

Eine kurze Rast: Täglich legen die Teilnehmer rund
17 Kilometer zu Fuß zurück.
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Eine Woche findet Teilnehmer Pudor fast zu kurz, um spirituell in die Tiefe zu gehen. Trotzdem biete das kurzfristige Aussteigen aus dem Alltag eine Möglichkeit, über das Leben nachzudenken: "Man reduziert sich so, dass man zu sich kommt." Ihm persönlich gefalle das Fastenwandern daher besser als begleitete Fastenkuren in Wellness-Häusern. "Hier läuft man einfach alles weg, das einen stört."

Auch die Braunschweigerin Marion von Recklinghausen nimmt nicht zum ersten Mal teil; sie war schon einmal zum Fastenwandern auf Sylt. "Da waren die Wege flach", erinnert sie sich mit wehmütigem Blick, dann lacht sie: "Dafür hatten wir dort ordentlich Wind und Regen. Die Herausforderungen sind immer anders." Wer diese Situationen meistert, komme auch mit den Tiefen des Lebens besser zurecht, sagt Fasten-Profi Nitz.

Seit sieben Jahren gibt er Fastenkurse. "Ohne feste Nahrung auszukommen, ist für viele Menschen unvorstellbar", sagt er. Das sei vielleicht auch nicht für jeden langfristig das Richtige. Doch sich gesund zu ernähren, auf vermeintliche Kleinigkeiten wie das intensive Kauen zu achten und weniger Lebensmittel wegzuwerfen - das sei für den Einzelnen ebenso wertvoll wie für die Gesellschaft. 

Viele Religionen kennen Tage oder Perioden des Fastens. Die kirchliche Fastenzeit umfasst die 40 Tage (ohne Sonntage) vor Ostern - zum Gedächtnis an die Passion Christi vor der Freude über die Auferstehung. In diesem Jahr dauert die Fastenzeit vom 18. Februar bis 4. April.

kna