02.06.2017

Kirchentag auf dem Weg: Leipzig

Akademie mit Bier oder Kneipengespräch?

Nach einem ersten Versuch beim Katholikentag vor einem Jahr gab es beim diesjährigen „Kirchentag auf dem Weg“ in Leipzig rund 30 „Kneipengespräche“. Die Idee dahinter: Bei Themen, die jeden bewegen, sollen – in entspanntem Rahmen – nicht nur ausgewählte Kirchenprofis zu Wort kommen.


Thomas Arnold, Erik Flügge und Arnd Bünker (von links) mit Kirchentagsbesuchern in der Moritzbastei. Foto: Dorothee Wanzek

 

Momentaufnahmen zweier Gespräche, die zeitgleich am Himmelfahrtsabend stattfanden, beide in so genannten Leipziger Szenekneipen: Im „Nochbesserleben“ im Stadtteil Plagwitz liefern sich Kirchentagsbesucher und Stammpublikum einen angeregten Schlagabtausch, in der „Moritzbastei“ im Stadtzentrum sind die Kirchentagsbesucher unter sich. Stammgäste, die hier ahnungslos in das Lokal stolpern, treten nach einem flüchtigen Rundblick auf das Szenario hastig wieder den Rückzug an. Das angeregte Gespräch beschränkt sich auf Moderator Thomas Arnold, Direktor der Katholischen Akademie im Bistum Dresden-Meißen, und die beiden eingeladenen Experten.
Um existenzielle Themen geht es in beiden Kneipen. „Ohne Gott glücklich?“ fragen die Christen im Westen der Stadt ihre ungläubigen Mitbürger. Das Gespräch, das in der Moritzbastei ohne Vertreter der ungetauften Bevölkerugnsmehrheit geführt wird, dreht sich um die Frage: „Erreicht kirchliche Sprache und Kommunikation noch die Menschen?“
Womöglich liegt es weniger am Thema als an der Vorbereitung, dass die parallelen Kneipengespräche so unterschiedlich verlaufen. Die Vorgeschichte des „Nochbesserleben“-Dialogs reicht bis zum Katholikentag zurück. Geschäftsführer Olaf Walter hatte, genervt von „all den unerträglich frommen Gesichtern“ vor seiner Kneipe, kurzerhand einen Brief angeschlagen, den die christlichen Passanten je nach Temperament belustigt oder verärgert zur Kenntnis nahmen: „Liebe Katholiken, ihr müsst jetzt sehr stark sein. Es gibt nämlich gar keinen Gott ...“
Thomas Bohne, Pfarrer der nahegelegenen katholischen Liebfrauenkirche, fotografierte den Text ab und nahm später Kontakt auf mit Olaf Walter, entwickelte gemeinsam mit ihm die Idee für das Kneipengespräch.
Auch die Moritzbastei-Veranstaltung hatte ihren Vorlauf, allerdings keinen regionalen. Vor einem Jahr veröffentlichte der ehemalige katholische Theologiestudent und heutige Politik-Berater Erik Flügge sein Buch „Der Jargon der Betroffenheit: Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“. Seither wird er von – bisher ausschließlich katholischen – Gemeinden und Gruppen in der ganzen Republik zu Lesungen und Diskussionen eingeladen und rennt mit seinen Thesen fast überall offene Türen ein. Sie ärgern sich schon lange darüber, dass in Gottesdiensten oder bei Radioandachten so viel Unverständliches oder Belangloses geredet wird, sagen ihm Kirchenmitglieder.

Sprachqualität und Inhalte aufs Korn nehmen
Flügges Moritzbastei-Kontrahent Arnd Bünker hingegen zählt zu den ersten, die ihm öffentlich Paroli geboten haben. Zwar teilt der Leiter des katholischen Schweizerischen pastoralsoziologischen Instituts durchaus die düstere Einschätzung, dass die Kirchen gegenwärtig ein gravierendes Kommunikationsproblem haben. Allerdings ist für ihn die Frage nach der Sprachqualität und dem „Wie“ der Kommunikation nachrangig. Bevor sich Kirchenmitarbeiter der Alltagssprache der Bevölkerung annäherten, müssten sie sich darüber im Klaren werden, worin ihre Botschaft für die Menschen von heute überhaupt besteht.
Zu wenig hätten die Kirchen bisher zur Kenntnis genommen und verarbeitet, dass „ihr Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert“, befand der Pastoralsoziologe. Was bedeutet beispielsweise Erlösung, wenn sich niemand mehr vor Hölle und Fegefeuer ängstigt? Dass Eucharistie mittlerweile weniger in Zusammenhang mit Erlösung gebracht werde und stattdessen verstärkt mit Gemeinschaft, hält er für gut und wichtig. Allerdings treffe die Kirche auch mit der Sehnsucht nach Gemeinschaft mit Christus bei immer weniger Menschen den Nerv. „Nicht zu wissen, was es heute bedeutet, an Gott zu glauben, macht es so schwierig, darüber zu sprechen“, meint Arnd Bünker.
Die freundliche Kontroverse zwischen Bünker und Flügge bezog sich im Wesentlichen auf Nuancen und bewegte sich auf der Ebene der berühmten Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Einig waren sie sich in einer Grundzuversicht, dass die Kirche auch ihre aktuelle Sprachkrise überwinden wird. „Totgesagte leben länger“, brachte es Arnd Bünker auf den Punkt.
Einig waren sie sich auch in der Überzeugung: Kirche gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn ihre Zeugen eigenes Suchen und eigene Ratlosigkeit nicht wortreich vernebeln, sondern ihre Erfahrung möglichst authentisch mitteilen, ohne dabei ihre Zuhörer zu vereinnahmen.

Katholiken hatten in der Moritzbastei das Wort
„Unsere Erfahrungen beschränken sich im Wesentlichen auf die katholische Kirche“, gestanden beide mehrfach ein. Umso erhellender wäre es gewesen, die Perspektiven der – laut Handzeichen-Abfrage – mehrheitlich evangelischen Kneipengäste einzubeziehen. Die hatten allerdings  – ebenso wie die per Internet zugeschalteten Facebook-Nutzer – nur sehr spärliche Gelegenheit zur schriftlichen Einmischung.

Von Dorothee Wanzek