07.02.2019

Christen für Klimagerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung

Ein neuer Lebensstil ist gefragt

Angesichts der rasanten Klimaveränderungen und ihrer Folgen sind nicht zuletzt Christen gefordert, sich für Klimagerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung zu engagieren. Der Umweltbeauftrage des Bistums Magdeburg, Wendelin Bücking, bietet dabei Hilfestellung an.

Wendelin Bücking ist ehrenamtlicher Umweltbeauftragter des Bistums Magdeburg. Das Bild zeigt ihn bei der Wallfahrt des Bistums 2018 auf der Huysburg bei Halberstadt. Dort wurde mit einer Aktion für die Zertifizierung mit dem kirchlichen Umweltlabel „Grüner Hahn“ geworben. | Foto: privat

 

Immer mehr Schülerinnen und Schüler schließen sich in diesen Tagen der „Fridays for future“-Bewegung an. Als junge Menschen machen sie jeweils freitags auf Plätzen und Straßen darauf aufmerksam, dass viel zu wenig gegen die Ursachen des Klimawandels getan wird und sie künftig mit den zunehmenden Folgen konfrontiert sein werden.
 
Herr Dr. Bücking, trotz extremer werdender Wetterbedingungen, Erderwärmung, steigenden Meerwasserspiegels geht es doch nicht wirklich voran in Sachen Klimaschutz und Bewahrung der Schöpfung? Auch Christen und die Kirche tun sich damit schwer …
 
Und dabei könnte das Thema Klima genauso wie die Flüchtlingsfrage ein aussagekräftiges Handlungsfeld von Christen und eine Chance für die Glaubensweitergabe sein. Papst Franziskus hat mit seiner Umwelt- und Sozial-Enzyklika „Laudato si‘“ fundiert darauf hingewiesen und zu einem adäquaten Handeln ermutigt. Die deutschen Bischöfe haben unlängst immerhin „Handlungsempfehlungen zu Ökologie und nachhaltiger Entwicklung für die deutschen (Erz-)Diözesen“ verabschiedet. Ich kann nur dazu drängen, sich damit auseinanderzusetzen und zu einem konsequenten Handeln zu finden.
 
Ist die Heißzeit, vor der führende Wissenschaftler warnen, noch zu verhindern?
 
Das glaube ich nicht. Der Ausstoß von Treibhausgasen müsste dann bis 2030 im Vergleich zu 2010 weltweit halbiert werden. Dennoch müssen wir etwas tun: Für sauberere Luft und Meere, für weniger Emissionen, gegen den unendlich vielen Plastikmüll, gegen das Artensterben, gegen die Folgen des Klimawandels ...
 
Hier und da gibt es immer noch die Auffassung, die Klimaveränderungen seien nicht vom Menschen gemacht …
 
Es entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage, zu bestreiten, dass der Mensch mindestens erheblicher Mitverursacher der empirisch zu beobachtenden Klimaveränderungen ist. Auch in unserer Region lassen sich die Veränderungen inzwischen über längere Zeit anhand von Daten nachweisen. Im übrigen ist das im Blick auf notwendige Maßnahmen auch egal. Mit den Folgen muss der Mensch umgehen und sie zu minimieren versuchen. Die heute jungen Leute wollen in der Zukunft auch ein lebenswertes Leben führen.
 
Warum werden so wenig wirklich durchschlagende Maßnahmen ergriffen?
 
Das ist nicht so einfach, man denke nur an die Arbeitsplätze in der Braunkohleförderung.Man muss die Leute in ihrer Situation abholen, und die ist sehr unterschiedlich. In Deutschland zum Beispiel sind die Menschen besonders im ländlichen Raum erheblich auf das Auto angewiesen. Wohnungen und Häuser wärmetechnisch gut zu dämmen oder fair produzierte Kleidung zu tragen, ist auch eine Frage des Geldes. Und so weiter. Andererseits gibt es inzwischen wohl in jedem Discounter Bio-Produkte. Und es ist zunehmend möglich, sich mit Produkten aus regionaler und saisonaler Herstellung zu ernähren. Es gilt eben unermüdlich Aufklärungsarbeit zu leisten und machbare Veränderungen unseres Lebensstils anzubieten. Es gibt bereits viele Möglichkeiten, etwas zu tun. Und nicht zuletzt Christen können jahrhundertelang erprobte Formen eines bewussten Lebensstils und viele andere Impulse einbringen: kooperative Formen des Lebens und Wirtschaftens wie etwa in Klöstern und ihrem Umfeld, das Freitagsgebot und andere Zeiten des Fastens, Güter miteinander zu teilen, der Glaube an Gottes gute Schöpfung, die es zu bewahren gilt, das Gebot der Gottes- und Menschenliebe und damit die Aufforderung, sich für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen.
 
Auch in vielen Gemeinden und kirchlichen Gruppierungen scheint die Bewahrung der Schöpfung immer noch keine oder eine geringe Rolle zu spielen …
 
Das ist auch meine Erfahrung. Hier gilt es weiter dafür zu sensibilisieren. Eine Arbeitsgruppe unserer Bischöflichen Kommission für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung im Bistum Magdeburg beschäftigt sich gerade mit Handlungsempfehlungen, was Gemeinden tun können. Die haben natürlich auch andere Probleme, dennoch ist der Einsatz für die Schöpfungsbewahrung unerlässlich und zwar hier und heute. Klimagerechtigkeit, Generationengerechtigkeit und Frieden (Kriege um Wasser, Ressourcen) hängen übrigens eng miteinander zusammen.
 
Was halten Sie in den Bistümern der neuen Bundesländer für besonders dringlich?
 
Wichtig ist, dass unsere Gemeinden ihr Leben umweltfreundlich gestalten, Energie einsparen, Plastikmüll vermeiden, Gemeindemitglieder sich gegenseitig mit dem Auto zu kirchlichen Angeboten mitnehmen und vieles mehr. Damit dies auf vielen Ebenen angeregt wird, ist eine entsprechende Weiterbildung der haupt- und ehrenamtlich Engagierten der Gemeinden nötig. So lassen sich etwa über das Schreiben „Laudato si‘“ von Papst Franziskus viele konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Neben dem, was jeder einzelne Christ und Gruppen im konkreten Leben tun können, muss es dann auch ein ressourcenschonendes Energie- und Grundstückmanagement gehen.
Als ehrenamtlicher Umweltbeauftragter im Bistum Magdeburg, der in dieser Konstellation auch schnell an eigene Grenzen gelangt, finde ich es übrigens sehr bedauerlich, dass das Erzbistum Berlin, zu dem die Bundeshauptstadt gehört, noch keinen Umweltbeauftragten hat. Berlin und Görlitz haben nur Ansprechpartner. Erfurt und Dresden offizielle Umweltbeauftragte, wenn auch nur nebenamtlich.
 
Sind andere Bistümer schon weiter?
 
Durchaus. Im Bistum Münster wird ein dreistufiges Vorgehen praktiziert. So bekommt eine Gemeinde oder Einrichtung, die ein Öko-Team gebildet hat und sechs von zwölf leicht umsetzbaren Punkten einer Liste praktiziert, das Siegel „Ökofaire Gemeinde“ verliehen. In einer zweiten Stufe geht die Gemeinde Fragen der Energieeinsparung und des bewussten Einkaufs im Rahmen eines Umweltmanagementsystems nach. In einer dritten Stufe der Ergänzung des Umweltmanagement-Systems um ein Qualitätsmanagement wird die EMAS-Zertifizierung (Eco-Management and Audit Scheme –System für das freiwillige Umweltmangement und die Umweltbetriebsprüfung) angegangen.
 
Und ein solches Vorgehen wollen Sie auch im Bistum Magdeburg etablieren?
 
Ich stelle mir ebenfalls ein dreistufiges Vorgehen in den Gemeinden vor: Bildung eines Teams, dass sich um Fragen des fairen, ökologischen Lebens kümmert. In einer ersten Stufe sollten relativ einfach zu realisierende Maßnahmen umgesetzt werden, wofür die Gemeinde dann ein erstes Siegel erhält. In einer zweiten Stufe könnte das Energiemanagement in Angriff genommen, in der dritten Stufe die Zertifizierung im Rahmen des kirchlichen Umweltmanagementsystems „Grüner Hahn“ angestrebt werden.
Das Vorhaben müssen wir unbedingt ökumenisch angehen, in den evangelischen Gemeinden ist die Situation vergleichbar. Gemeinsam mit den evangelischen Kollegen haben wir vor, ein Netzwerk Ökumenisches Umweltmanagement zu gründen, das im Namen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, der Evangelischen Kirche Anhalts und des Bistums Magdeburg Unterstützung anbietet. Bei einer Tagung im März soll es darum gehen.
 
Und das Netzwerk wird dann auf die Gemeinden zugehen?
 
Wir wollen die Gemeinden bei entsprechenden Vorhaben begleiten. Bis jetzt bin ich allerdings nur mit vier Pfarreien im Bistum Magdeburg im Gespräch über Umweltvorhaben. Ich biete an, in die Gemeinden und Einrichtungen zu kommen oder Referenten zu vermitteln.

Mehr Infos bei Dr. Wendelin Bücking: umwelt@bistum-magdeburg.de
 
Interview: Eckhard Pohl