12.11.2020

20 000 Kritiker der Corona-Maßnahmen demonstrieren in Leipzig

Diese Demo war „großer Mist“

Etwa 20 000 Kritiker der Corona-Maßnahmen haben in Leipzig demonstriert. Dagegen haben Christen der Stadt mit Gottesdiensten und deutlicher Kritik Zeichen für Nächstenliebe und Verantwortung gesetzt.

An der Querdenker-Demonstration in Leipzig gegen die geltenden Anti-Corona-Maßnahmen haben sich auch Christen beteiligt.    Foro: imago images

 

Trotz stark steigender Infektionszahlen haben in Leipzig tausende Gegner der Anti-Corona-Maßnahmen demonstriert. An der Demonstration nahmen auch Christen teil, unter anderem Mitglieder der Vereinigung „Christen im Widerstand“. Die Polizei sprach von insgesamt etwa 20 000 Teilnehmern, darunter Neonazis, Verschwörungsideologen und Hooligans.
Am Anliegen der Demonstranten und vor allem aufgrund der im Umfeld verübten Gewalttaten gab es scharfe Kritik. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) sagte: „Die Angriffe gegen Polizei und Presse verurteile ich scharf.“ Die Verhöhnung der Wissenschaft und die rechtsextreme Hetze seien abscheulich. Sachsens stellvertretender Ministerpräsident Martin Dulig (SPD) kritisierte: Der Staat habe sich „am Nasenring durch die Manege“ führen lassen. „Die Eskalation und das rücksichtslose Verhalten der sogenannten Querdenker sind erschütternd.“
Parallel zur Querdenker-Demonstration setzten Leipziger Christen ein Zeichen für Verantwortung, Respekt, Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Pandemie. In der Propsteikirche, der Thomaskirche und der Nikolaikirche fanden ökumenische Gottesdienste und Andachten mit Gebet für den Frieden in der Stadt und die von der Covid-19-Erkrankung betroffenen Menschen und ihre Angehörigen statt. Außerdem wurden Plakate mit der Aufschrift aufgehängt: „Wir denken anders. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
In einer vom katholischen Propst Gregor Giele mitunterzeichneten Mitteilung heißt es: „Wir betrachten mit Sorge die Zahl der Personen, die die Pandemie leugnen, verharmlosen und Schutzmaßnahmen ablehnen.“ Nächstenliebe leite zur Verantwortung. Sie sei bereit, eigene Einschränkungen hinzunehmen, um andere Menschen zu schützen und ihnen beizustehen.
Im Nachgang der Demonstration übte Propst Giele gegenüber dem Internetprotal katholisch.de scharfe Kritik: „Die Demonstration war ein großer Mist und für die Leipziger eine bittere Erfahrung.“ Insbesondere die bewusst angestrebte Imitation der Symbolik der Montagsdemonstrationen vom Herbst 1989 – der Marsch um den Leipziger Ring mit Kerzen in der Hand und dem Ruf „Schließt euch an!“ – sei „richtig übel“ gewesen und ihm durch Mark und Bein gegangen. Giele warnte zugleich vor zu viel Aufmerksamkeit für die Querdenker. Laut Umfragen seien weit über 80 Prozent der Menschen in Deutschland mit den von der Politik getroffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie einverstanden.

Über politische Maßnahmen diskutieren
Unter den Teilnehmern seien auch viele gewesen, die die Existenz des Coronavirus nicht leugneten, aber die getroffenen Maßnahmen der Politik infrage stellten, sagte Giele laut katholisch.de. „Diese Menschen finden derzeit kaum einen anderen Platz für ihre Fragen und Sorgen als die ‚Querdenken‘-Veranstaltungen“. Es brauche deshalb baldmöglichst einen sachlichen Diskurs über die getroffenen Maßnahmen. Viele Menschen hätten das Bedürfnis, über die Angemessenheit der geltenden Beschränkungen zu diskutieren – „und das ist in einer Demokratie ein legitimes Anliegen“.
Der evangelische Theologe und ehemalige Pfarrer an der Leipziger Thomaskirche, Christian Wolf, sagte: „Angesichts von 20 000 Menschen ohne Mundschutz auf engstem Raum müsse sich jeder Restaurant-Betreiber, jeder Veranstalter, jeder Sportvereinsfunktionär, jeder Kinobetreiber heute verklappst vorgekommen sein.“ Noch nie in seinem Leben habe er auf engem Raum so viele durchgeknallte, esoterisch verklärte, anarchisch-egoistische Menschen gesehen wie bei dieser Demonstration.
Der katholische Theologe und Politiker Frank Richter kritisierte die der Demonstration vorausgegangene Gerichtsentscheidung: „Wir haben erleben müssen, dass das Oberverwaltungsgericht (OVG) Bautzen eine Entscheidung fällt, nämlich die Demonstration in der Innenstadt zu erlauben. Es war absehbar, dass das schief gehen musste.“
Nach Entscheidung der Leipziger Stadtverwaltung sollte die Demonstration in der Nähe des Messegeländes außerhalb des Stadtzentrums stattfinden. Das OVG genehmigte dann allerdings die Demonstration in der Innenstadt. Wegen Nichteinhaltung der damit verbundenen pandemiebedingten Auflagen wurde die Veranstaltung aufgelöst. Die Polizei war allerdings nicht in der Lage, das Verbot durchzusetzen. Die Demonstranten setzten ihren Protestzug durch die Innenstadt fort. Im Umfeld kam es zu zahlreichen Gewalttaten, unter anderem gegen Journalisten und Polizisten. (kna/epd/tdh)