24.01.2019

Ein Nachmittag in der Caritas-Wärmestube am Berliner Bundesplatz

„Das Geld reicht einfach nicht“

Für die einen bietet sie eine sinnvolle Beschäftigung im Ruhestand, für die anderen ist sie ein Ort, an dem sie kostenlos gut und reichlich zu essen bekommen: Ein Nachmittag in der Caritas-Wärmestube am Berliner Bundesplatz.

Heidi Hempel bereitet das Essen für die Gäste vor. | Fotos: Cornelia Klaebe

 

Sechs Frauen wuseln munter durch den Küchenbereich. Sie belegen Teller mit Wurst und Käse, füllen frisch gekochten Kaffee in Thermoskannen, tragen Tassen nach vorne auf die Tische: Hier weiß jede, was sie zu tun hat. Das ist auch gut so, denn bald wird der Raum voller Menschen sein. Von montags bis freitags nachmittags öffnet die Caritas-Wärmestube am Berliner Bundesplatz ihre Türen, und das Winter für Winter von Dezember bis März. Acht kleine und ein großer Tisch bieten Platz für bis zu 70 Gäste.
 
Sinnvolles Ehrenamt: „Wir brauchen Leute!“
„Wir sind die Donnerstagsgruppe“, stellt Irmgard Losch vor. Sie ist heute die Dienstälteste: Seit 17 Jahren engagiert sie sich in der Wärmestube. Die Arbeit wird von derzeit 28 Ehrenamtlichen gemacht, die sich in fünf unterschiedlich stark besetzte Wochentagsgruppen aufgeteilt haben. Die Motivation für viele ist, im Ruhestand noch etwas Sinnvolles zu tun. Dass sie sich daneben auch untereinander gut verstehen und über die Jahre Freundschaften entstanden sind, ist ein angenehmer Nebeneffekt. 28 Personen sind für die anfallende Arbeit nicht viel, und so sagen die Damen nachdrücklich: „Wir brauchen Leute!“
Lediglich Koordinatorin Nicole Götze hat einen Minijob. Sie macht Abrechnungen und kauft Einweghandschuhe nach, was eben anfällt. Aber sie setzt sich auch schon mal mit an den Tisch, wenn die Damen vor der Öffnung alles vorbereitet haben und sich bei einem kleinen Plausch vor dem Antritt noch einmal stärken. Der Raum der ehemaligen Kantine strahlt mit seinem roten Teppichboden, der breiten Fensterfront und Anfang Januar mit viel weihnachtlicher Dekoration Gastfreundschaft aus. Bei Weihnachtsplätzchen und Kaffee erzählt Helferin Heidi Hempel, dass das Angebot längst nicht nur Obdachlose nutzen. Eine Bedürftigkeitskontrolle gibt es nicht: „Wir sind offen für alle. Theoretisch könnte auch der Bürgermeister kommen.“ Tendenziell seien unter den Gästen mehr Männer als Frauen.
Um 14 Uhr 51 klingelt es an der hinteren Tür: Jemand gibt eine Großspende ab. Viele Kisten voller Essen stehen auf einmal in der Küche. Darin: Lebensmittel, alles durcheinander. Obst, Gemüse, Fruchtsäfte, verderbliche Waren. Jetzt wuseln die Frauen wieder, denn die Zeit drängt: Durch das Glas der Eingangstür ist zu sehen, dass draußen schon die Gäste Schlange stehen. Obwohl die offizielle Öffnungszeit erst um 15.30 Uhr beginnt, machen die Frauen bei kalten Temperaturen schon mal bis zu einer halben Stunde früher auf. Es gilt, einen kühlen Kopf zu bewahren. Alle sortieren, prüfen Mindesthaltbarkeitsdaten, stellen einen Teil des Essens an die Theke, abgepackte Waren auf den Tisch zum Mitnehmen.
„Wenn ich sie durchschneide, bekommt jeder etwas ab“: ­Irm­gard Losch mit gespendeten Pfannkuchen.

Während hinten noch eine Großpackung Wurst in kleine Portionen aufgeteilt wird, schließt Heidi Hempel um 15.12 Uhr die vordere Tür auf. Sofort strömen die Gäste herein. Manche werfen direkt ihre Jacke auf einen Stuhl und gehen mit ihren Taschen zum Tisch mit den abgepackten Waren, andere behalten den Mantel an, suchen sofort aus, was sie mitnehmen wollen. In Windeseile füllt sich der Raum, sitzt an jedem Tisch jemand. Die Menschen schenken sich einen Kaffee ein und reden, andere gehen sofort zum Buffet und holen sich etwas zu essen.
An einem Tisch ziemlich in der Mitte sitzt ein Mann und lächelt jeden an, der ihn anschaut. Als er hereinkam, stürzte er sich nicht auf die bereitstehenden Lebensmittel, sondern setzte sich erst einmal. An der Theke sagt er „Danke“ und „Bitte“, fragt: „Darf ich?“ Sebastian* ist 56 und kontaktfreudig, fängt sofort an, über Gott und die Welt zu sprechen. Dass die Politiker endlich das Wohnraumproblem lösen müssten. Dass er beten könne, ohne in die Kirche zu gehen. Er selbst sei evangelisch. Von seiner Kirche unterscheide sich die der Katholiken, die die Wärmestube betreiben, aber nur wenig: „Die haben Maria mit an der Spitze. Und sie dürfen beichten.“ Auf die Nachfrage: „Dürfen?“ bekräftigt er: „Ja, dürfen!“ Dann stellt er die Frage in den Raum: „Warum gibt es denn die zehn Gebote, wenn sie sowieso niemand halten kann?“
Zehn Minuten später erzählt Sebastian, dass er 16 Jahre lang im Gefängnis saß, weil er seine Frau umgebracht hat. Sie hatte ihn betrogen, er erwischte die beiden und sah rot. Dann nahm er die Axt. Sebastian bekam lebenslänglich, „das bedeutet in Deutschland 15 Jahre“. Ihn hätten sie ein Jahr länger dabehalten, „sie haben gesagt, dass ich noch nicht bereit sei für die Gesellschaft draußen“. Er bekam Therapie, seit April ist er entlassen. Jetzt wohnt er in einer Wohngemeinschaft und ist froh, ein Zimmer und Kontakt zu jungen Menschen zu haben. Ab Mai, sagt Sebastian, werde er einen Job haben: Da er sich im Gefängnis fortgebildet hat, kann er in einem großen Betrieb in sein altes Berufsfeld einsteigen. Dem Chef habe er von seiner Vergangenheit erzählt, aber der sagte, er sei nicht der einzige und jeder verdiene eine zweite Chance.

 

„Nur ein Drittel hier lebt auf der Straße“
Seit einer Weile schon sitzt Sebastian gegenüber ein weiterer Mann. Die Haare sind ein bisschen zu lang, die Kleidung ein wenig zu groß für den schmalen Körper. Bisher hat er kein Wort gesagt, nur eine Stulle nach der anderen vertilgt. Als er halbwegs gesättigt ist, steigt Manfred* ins Gespräch mit ein. Über die Wärmestube sagt er: „Hier ist einer der wenigen Orte für Bedürftige, wo es gesittet zugeht.“ Tatsächlich ist der Lärmpegel niedrig, etwa wie in einem Café.
Obdachlos ist auch Manfred nicht. „Nur etwa ein Drittel hier lebt auf der Straße“, schätzt er, und Sebastian nickt. Warum sie trotzdem kommen? „Das Geld reicht einfach nicht.“ In der Wärmestube sei das Essen gut und reichlich. In diesem Moment tritt Heidi Hempel an den Tisch und fragt, ob noch jemand Kaffee möchte. Auf der Straße lebte Manfred drei Jahre lang. Vor sechs Jahren habe er seine Arbeit verloren, als im Betrieb viele entlassen wurden. Zwei Jahre später sei er aus der Wohnung geflogen, nachdem er vor Gericht in einem Strafverfahren gegen seinen Vermieter ausgesagt habe, weil der seine Frau geschlagen habe. Beharrlich suchte er zweimal wöchentlich die Sprechstunde eines großen Berliner Vermieters auf, erzählte er, sei immer morgens um acht dagewesen. Davor hatte der Sachbearbeiter Respekt, und im Mai bekam Manfred eine Wohnung im Wedding. Das Jobcenter versuche, ihn wieder in die Arbeit zu vermitteln – aber der frühere SAP-Berater sieht keine Chance mehr, in seinem alten Beruf eine Anstellung zu finden. Und eine körperliche Arbeit – das sei bei seiner Verfassung nicht möglich. Außerdem sei er finanziell mit Hartz IV besser dran.
Als um 18 Uhr die Wärmestube schließt, gehen Sebastian und Manfred ihrer Wege. Die Ehrenamtlichen haben zwischendurch schon viel weggeräumt, der Rest ist schnell geputzt. Mit den Gästen komme sie gut zurecht, sagt Irmgard Losch: „Die fragen immer: Irmchen, kann ich dir was helfen?“ Mit einer Umarmung verabschieden sich die Frauen voneinander. Nächsten Donnerstag sehen sie sich wieder.

 

Das Buffet ist vorbereitet, die Tische gedeckt – und draußen warten schon die Gäste.


*Namen der Gäste geändert.
Koordinatorin Nicole Götze: 01 52 / 27 85 00 59. Kontakt für ehrenamtliche Mitarbeit: 0 30 / 66 63 3-12 79

 
Von Cornelia Klaebe