25.03.2021

Bußgang der Männer in Görlitz

Männer bezeugen Glauben

Vor 50 Jahren hat Boleslaw Kresak in Görlitz den ersten Bußgang der Männer initiiert – sein Sohn Markus führt das „Erbe“ seines Vaters fort.

Während des Bußgänge wurde auch am Heiligen Grab Station gemacht.    Fotos: Raphael Schmidt

 

Karfreitagnachmittag in Görlitz: Die Kreuzwege durch die Stadt sind zu Ende, die Karfreitagsliturgien ebenfalls. Doch damit endet das Gedenken an das Leiden Jesu in dieser Stadt noch nicht. Seit 50 Jahren beginnt um 18 Uhr der Bußgang der Männer.
Bußgang, was  ist das? „Äußerlich betrachtet, ist es das Gehen mit dem Vortragekreuz durch die Straßen der Stadt mit dem punktuellen Innehalten an verschiedenen Stationen in der Öffentlichkeit. Unsere Stadt ist neben den Kirchen reich gesegnet mit christlichen Bauten und Kulturdenkmalen, die für die unterschiedlichen Themen gut inspirieren können“, sagt Markus Kresak. Er leitet den Bußgang seit 2006, hat dies als Aufgabe von seinem Vater Boleslaw Kresak übernommen. 1971 hatte dieser den Grundstein für diese überpfarrliche Aktion eines Laien innerhalb der damals vier eigenständigen Pfarreien in Görlitz gelegt. Als Schlosserbrigadier im volkseigenen Betrieb Keramikmaschinenbau, KEMA,  war es ihm wichtig, die Kreuzesnachfolge als „Männersache zu präsentieren, was wiederum nicht heißt, dass nicht auch schon Mädchen und Frauen, speziell bei der ersten Station dabei waren. Ziel ist für den Bußgang: gehen und Zeugnis geben vom Kreuzestod unseres Heilands“, sagt Markus Kresak. „Mein Vater wollte ,etwas mehr‘ für den Karfreitag. Dazu sollte der kirchliche Schutz-Raum verlassen und nach draußen gegangen werden. Männer sollten so ihr eigenes Glaubensbekenntnis praktisch in die Tat umsetzen“.

Vier Stunden dauerte der erste Bußgang
Zwölf Männer waren beim ersten Bußweg unterwegs. Die Wegstrecke war anspruchsvoll, sie führte von der Neiße in Weinhübel, von der Klosterkirche St. Johannes und Franziskus quer durch die Stadt, nach St. Hedwig in den Westen der Stadt, nach Rauschwalde. Von dort ging es weiter  in die Südstadt, nach Sankt Jakobus. Die letzte Station war die Pfarrkirche Heilig Kreuz, in der Innenstadt. Man wagte es damals noch nicht, mit einem Vortragekreuz durch die Stadt zu gehen. Etwa vier Stunden dauerte der erste Bußgang. Das und mehr berichtete Boleslaw Kre-
sak seinem Sohn Jahre später. Da war er bereits zum Diakon geweiht worden, wie zwei andere Kema-Kollegen auch.
Im Laufe der Jahre wuchs die Zahl der Bußgänger und ab dem fünften Bußgang führte der Weg, der bisher immer alle vier Stadtpfarreien einschloss, erstmalig als Abschluss-Station zum Heiligen Grab. Seit 1977 beginnt der Bußgang jeweils in der Kreuzeskapelle des Heiligen Grabes und führt von dort im Wechsel zu den vier katholischen Kirchen. Seit 1991, dem 20. Bußgang, begleitet die Bußgänger immer das Sterbe- und Vortragekreuz, das aus der Pfarrkirche Heilig Kreuz stammt. Einige Male wurde dieser Bußgang durch die Priesteramtskandidaten aus Erfurt und Neuzelle und manchmal auch durch die amtierenden Bischöfe begleitet, die den Teilnehmern zum Abschluss den Segen spendeten. 1997 nahm der Nuntius, Giovanni Kardinal Lajolo teil,  2006 Nuntius, Erzbischof Dr. Erwin Josef Ender.
Ob als Pfarrer der Heilig Kreuz  Pfarrei, später als Generalvikar, Alfred Hoffmann war oft bei Bußgängen dabei. Er sagt unter anderem: „Mich beeindruckt die jahrzehntelange Treue. Die Leitung ging über vom Vater zum Sohn, der mit großer Begeisterung die Kreuzwegstationen vorbereitet. Die Gruppe der Männer wird aber nicht nur gemeinsam älter, sondern die Väter bringen ihre Söhne, inzwischen ihre Enkel mit, sodass verschiedene Generationen das Glaubenszeugnis gemeinsam geben. Jedes Jahr wird der Bußgang unter ein aktuelles Thema gestellt – es werden keine Texte wiederholt. Ich spüre die Begeisterung, die nicht von der Zahl der Teilnehmer abhängt. Man hört es den Texten an, dass sie in einem langen Prozess der persönlichen Meditation zunächst durch Vater Boleslaw Kresak und jetzt durch Sohn Markus gewachsen sind“, sagt Jakobspilger Hoffmann. „Der Bußgang unterscheidet sich vom Pilgern auf dem Jakobsweg insofern, dass die Stationen mit den Meditationen wesentlich sind, während beim Jakobspilgern stärker der Akzent auf ein Meditieren im Gehen liegt, wo Leib und Seele bewegt werden. Ich finde es gut und wichtig, dass die Christenheit viele verschiedene Formen der Spiritualität und Liturgie entwickelt hat. Der Mensch ist keine genormte Maschine. Glaube ist lebendige Vielfalt“, sagt der Generalvikar.

 

Die Männer beteten auch am Görlitzer Obermarkt.


Von der Kreuzkapelle des Heiligen Grabes führt der Bußgang im Wechsel zu einer der katholischen Kirchen in Görlitz. Die Heilig-Grab-Anlage ist Teil einer inmitten eines Gartens angelegten mittelalterlichen Pilger- und Andachtsstätte. Sie ist eine Nachbildung der Orte des Leidens, Sterbens Jesu und seiner Auferstehung. Die Konzeption der Anlage ist dem Görlitzer Bürgermeister Georg Emmerich zu verdanken, der im Jahre 1465 nach seiner Rückkehr von einer Pilgerreise in das Heilige Land mit der Stiftung einer ersten Kapelle zum Heiligen Kreuz den Grundstein legte. Der Bau der Kapellen erfolgte in den Jahren 1481 bis 1504. Die Anlage untersteht der evangelischen Kulturstiftung. Deren Leiter ermöglichen den jährlichen Start mit den ersten Stationen in der historischen Grabanlage, die als originalste der Nachbildungen des Jerusalemer Heiligen Grabes gilt.
Markus Kresak, der viel Zeit in die Vorbereitung der anspruchsvollen Texte verwendet und bereits kurz nach Ostern mit Überlegungen für das Thema des Folgejahres beginnt, sagt: „Männer erfüllen seit 50 Jahren eine ganz besondere Mission, wie es das diesjährige Jahresthema des Bistums: ,Wir sind eine Mission‘ zum Ausdruck bringt“. Bußgang, so macht er deutlich, sei kein Spaziergang mit „meditativem Kulturprogramm. Gottes Sohn selbst lädt uns ein, seinen Leidensweg nachzugehen und uns von seinem Leid und Schmerz anstecken zu lassen. Der HERR ist und bleibt die ,Hauptfigur‘. Wem es gelingt zu erspüren, dass sich der Sohn Gottes zum Heil aller Menschen hat ans Kreuz schlagen lassen, bekommt eine andere Sichtweise auf das Jetzt und Hier. Mit dem am Abschluss kniend gesungenen ,Te Deum‘, schafft es die Bußgänger-Gemeinschaft immer wieder auf‘s Neue, eine ganz besondere Atmosphäre zu schaffen, aus der ein jeder die nötige Kraft und den Mut zum Weitermachen, zur Glaubens-Stärkung mitnimmt“.

Von Raphael Schmidt