29.11.2018

Insassen der Jugendstrafanstalt Berlin haben an Buch mitgearbeit

Mal Erfolg im Leben haben

Junge Insassen der Jugendstrafanstalt Berlin haben an einem Buch mitgearbeitet. Diese Erfahrung hat ihnen Diakon Thomas Marin ermöglicht. Das Projekt der Gefängnisseelsorge brachte viele erstmals zum Schreiben.

Gefängnisseelsorger Thomas Marin bei der Buchpräsentation von „Haftnotizen“. | Foto: Cornelia Klaebe
 
Wenn man sie so anschaut, sehen die jungen Männer normal aus. Auffällig ist lediglich, dass je zwei von ihnen das gleiche anhaben: Tobi und Salah tragen schmucklose rote Sweatshirts, Shamil und Leon einfache weiße T-Shirts. Kein Markenname, nichts Persönliches. Nur Dennis ist in einem hellblauen Hemd und mit einer großen Armbanduhr gekommen: Er muss die Anstaltskleidung nicht mehr tragen, er ist aus der Jugendstrafanstalt Berlin entlassen.
 
Beim Applaus geht ein Ruck durch den Mann
Tobi ist der erste, der liest. Sein Text „Vogel im Stacheldraht“ spricht auf den ersten Blick über eine Naturbeobachtung. Bei genauerem Hinhören und vor dem Hintergrund eines Autors, der im Jusitzvollzug einsitzt, bekommen die Motive eine weitere Bedeutungsebene: die Gefangenschaft, der Wunsch nach Freiheit und die Kameraden, die zur Hilfe eilen. Tobi liest, ohne aufzublicken. „Alles, woran man erkennen konnte, dass die Vögel da waren, waren die Federn im Stacheldraht“, liest er seinen letzten Satz und geht zurück zu seinem Platz. Als die Zuhörer der Buchpräsentation klatschen, geht ein kleiner Ruck durch den jungen Mann: Fast unmerklich richtet Tobi sich auf. Die Schultern nach hinten, der Blick weg vom Boden, er beginnt zu lächeln.
Die Vogelbeobachtungen sind nur eine der Textformen im jetzt erschienenen Band „Haftnotizen. Texte und Gedanken aus dem Jugendknast“. Die Teilnehmer der Schreibwerkstatt machen sich auch Gedanken über Widerstandskämpfer, die in den gleichen Haftäumen gefangen waren, über ihre eigene Vergangenheit und Zukunft und versuchen sich in japanischen Gedichtformen.
Der Herausgeber des Buches, Gefängnisseelsorger Thomas Marin, wollte mit dem Gruppenprojekt „die Menschen wahrnehmen mit dem, was sie ganz macht“, sagt er. Zweieinhalb Jahre hat er mit den jungen Insassen gearbeitet, sich mit ihnen getroffen, Themen angeregt und an den geschriebenen Texten weitergearbeitet.
„Mal Erfolg im Leben haben, ein Lob bekommen“ – dies sei für viele der Autoren alles andere als alltäglich, betont Marin. Das Buch solle deshalb auch „Anerkennung bringen und Wege in die Zukunft bahnen“. Wichtig sei es, bei ihrer Geschichte als Straffällige nicht stehenzubleiben, findet der Diakon: „Die Gefangenen können mehr, als sie sich selbst und andere ihnen zutrauen.“
 
„Zufrieden mit mir selbst bin ich nicht“
Das zeigt sich besonders in Leons Text: „Mit zwölf dachte ich nicht, in zehn Jahren sitze ich hinter Gittern“, liest er. Und: „Zufrieden mit mir selbst bin ich nicht, dafür aber bereit, den Optimismus nicht aufzugeben.“ Der 22-Jährige wird bald aus dem Gefängnis entlassen, möchte dann eine Ausbildung beginnen, verrät er am Rande der Lesung. Ob sein weiterer Weg etwas mit Schreiben zu tun haben soll, weiß er noch nicht. Hier im Gefängnis hat Leon das erste Mal intensiv Gedanken zu Papier gebracht. Auch die anderen Autoren reagieren auf die Frage, ob sie früher schon mal geschrieben haben, eher belustigt: „Naja, in der Schule. Diktate und so“, antwortet Salah.
Das ist der Normalfall, weiß Anstaltsleiter Bill Borchert. Er möchte Abhilfe schaffen: „Wir legen im Jugendvollzug viel Wert auf Bildung, Qualifizierung und Ausbildung“, sagt er und fügt an: „Deshalb sind wir auch sehr froh über die Schreibwerkstatt von Herrn Marin.“ Denn ein Zugang zur Kultur senke die Wahrscheinlichkeit, dass die jungen Männer nach ihrer Haftentlassung rückfällig werden.

Eines sind die Texte nicht: Zensiert. Die wahren Gefühle der jungen Männer können und sollen in ihnen Raum finden. Und so konnte Roy, der schon aus dem Gefängnis entlassen wurde, einem Spätzlein die Worte in den Schnabel legen, er kehre immer wieder ins Gefängnis zurück, „weil das hier der einzige Ort ist, wo die Menschen weniger Rechte haben als Vögel“. Auch die detailgetreuen Zeichnungen, mit denen der 21-jährige Shamil den Band illustriert hat, zeigen außer Blüten und einer Windmühle auch schon mal angekettete Vögel.
Für Diakon Marin ist die Schreibgruppe eines von mehreren Elementen der Gefängnisseelsorge. Neben den Gottesdiensten und Einzel- oder Gruppengesprächen  sei das Kreativprojekt aber eine wichtige Säule der Arbeit: „Darüber können wir auch mit denen ins Gespräch kommen, die nicht über die Bibel reden wollen.“ Das aktuelle Projekt mit diesen Teilnehmern ist mit dem Erscheinen der „Haftnotizen“ beendet, sagt der Seelsorger: „Aber mit dem Konzept einer Schreibgruppe werde ich weitermachen.“

Thomas Marin (Hrsg.): Haftnotizen. Texte und Gedanken aus dem Jugendknast, Books on Demand, Norderstedt 2018, ISBN: 978-3-752-85176-2, Preis: 8 Euro

 
Von Cornelia Klaebe