10.05.2018

Alfred Herrmann legt Buch über Frauenorden vor

Im Umbruch

Nach seinem Buch über Männerorden hat Alfred Herrmann die Frauenorden in den Blick genommen. Herausgekommen ist eine spannende Momentaufnahme, wie die Gemeinschaften heute Antwort geben auf die Fragen der Zeit.


Alfred Herrmann mit seinem Buch über Frauenorden. Das Foto entstand in Berlin-Wilmersdorf im katholischen St.-Gertrauden-Krankenhaus, einer Einrichtung der Katharinen-Schwestern. Auf dem Gemälde ist Regina Protmann (1552–1613) dargestellt, Mitgründerin der Kongregation. | Foto: Andreas Kirschke

Sonne dringt behutsam durch das dichte Grün. In Hecken und Bäumen zwitschern Vögel. Frau Schulz genießt den Schatten auf der Terrasse. Im Caritas-Hospiz Berlin-Pankow freut sich die 72-jährige Krebskranke über den schönen Tag. Ihr zur Seite steht Schwester Maria Margret Steggemann, die sie im letzten Abschnitt ihres Lebens begleitet:  „Sterben ist ein großes Tabu in unserer Gesellschaft“, sagt Schwester Margret. „Mit unserer Hospizarbeit machen wir das Thema präsent.“
Mit 20 Jahren trat die heute über 70-Jährige in den Orden der „Franziskanerinnen in Münster St. Mauritz“ ein. „800 Frauen gehören der Gemeinschaft weltweit an. In Deutschland leben knapp 470 Schwestern in 45 Konventen, vor allem in Nordwestdeutschland“, schreibt Alfred Herrmann in seinem im Bonifatius-Verlag Paderborn aktuell erschienenen Buch „Sich Gott nähern. Frauenorden in Deutschland“. Zwei Jahre hat Alfred Herrmann (45), freier Autor und freier Redakteur in Berlin, für das Buch recherchiert und knüpft damit an sein 2015 erschienenes Buch über Männerorden in Deutschland an.

Weniger Nachschlagewerk als Momentaufnahme
Das Buch über die Frauenorden ist ähnlich aufgebaut. Es beginnt mit den benediktinisch-monastischen Gemeinschaften. Sie haben ihren Ursprung im antiken Mönchtum und in Benedikt von Nursia, der im Jahr 529 seine Mönchsregel verfasste und nach der bis heute Benediktinerinnen, Zisterzienserinnen und Trappistinnen leben. Dann folgen die augustinischen, franziskanischen, karmelitanischen und ignatianischen Gemeinschaften. Die letzten beiden Kapitel befassen sich mit Gemeinschaften, die zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert entstanden sind – Ursulinen, Vinzentinerinnen oder Kongregationen wie die Don-Bosco-Schwestern, die Schwestern vom Göttlichen Erlöser oder die Dernbacher Schwestern. „Spannend ist die Frage, welche Antworten die Gemeinschaften auf die Fragen der heutigen Zeit geben“, sagt der Autor.
Eine Herausforderung bei der Arbeit am Buch war die große Zahl von Gemeinschaften und Einzelklöstern. Wie interpretieren sie ihren Ordensweg? Wie sind sie strukturiert? Wo sind sie verortet? Wie engagieren sie sich heute? All jenen Fragen ging der Autor nach.
Das Buch sieht Herrmann nicht als Nachschlagewerk, vielmehr als eine Momentaufnahme. Im Vordergrund stehen die einzelnen Schwestern Und ihr Konkretes Ordensleben. Das Buch – einzigartig in dem Umfang – füllt eine Lücke. Denn die letzte Publikation mit einem Gesamtüberblick über Frauenorden in Deutschland stammt aus dem Jahr 1993. „Nach dem ersten Buch über die Männerorden war natürlich die Frage ,Was ist bei den Frauenorden anders?‘“, meint Alfred Herrmann. „Frauen können keine Priester werden. Dadurch stehen Frauengemeinschaften vor einer ganz anderen Ausgangslage, das Evangelium zu leben und ihren Unterhalt zu erwirtschaften.“
Die große Zahl der Ordensfrauen in Deutschland – heute knapp 16 000 – ist vor allem historisch bedingt. In den vergangenen 200 Jahren erlebten Frauenorden eine Blüte – kirchengeschichtlich ist das eine Besonderheit. „Wir befinden uns heute in einem großen Wandel. Vielleicht gar in der Zeit der Normalisierung“, sagt Alfred Herrmann. „Die Zeit der vielen Ordensfrauen endet. Das heißt aber nicht, dass das Ordensleben ausstirbt.“ Gemeinschaften trennen sich von ihren jahrhundertealten Klosteranlagen, andere geben Schulen und Krankenhäuser ab, einige werden künftig nur im Ausland weiterleben, einige ganz sterben. Vor allem ältere Ordensschwestern sehen diesen Prozess mit Sorge und Trauer. Jüngere Schwestern, so der Autor, geben mit ihrem Leben oft inspirierende Antworten. 
Im Zisterzienserinnen-Kloster St. Marienstern Panschwitz-Kuckau sprach der Autor mit Schwester Maria Thaddaea Selnack. Seit 1248 besteht das Kloster. Schwester Thaddaea sieht den Reformwillen der ersten Zisterzienser als Erbe: „Einfachheit, Armut, Abgeschiedenheit und Askese – diese Grundeigenschaften benediktinischen Lebens gilt es heute neu zu entdecken. Wir müssen überlegen, was unserer Lebensform entspricht und was wir tatsächlich leisten können.“
„Fast in allen Orden bundesweit sind weniger als zehn Prozent der deutschen Schwestern unter 65 Jahren alt“, verdeutlicht der Autor. Neue Wege sind gefragt. In Berlin-Plötzensee lebt seit 15 Jahren Schwester Mechthild Blümel (37) im Kloster der Teresianischen Karmelitinnen. Sie verantwortet dort das Archiv und den Laden. „Was mich angespornt hat, waren die Offenheit der Schwestern, die Lebendigkeit der Gemeinschaft, das politische Interesse und diese politische Wachheit unter den Frauen“, verdeutlicht sie.

Zum Beispiel die Don-Bosco-Schwestern in Magdeburg
Mitten in den Magdeburger Plattenbau-Vierteln Neustädter Feld und Kannenstieg sind die drei Don-Bosco-Schwestern Lydia Kaps (55), Christina Dirnwöber (36) und Bernadeth Geiger (31) im Kinder- und Jugendzentrum vor Ort. Es trägt den Namen Don Bosco und gehört zum Bistum Magdeburg. Montags bis samstags fängt es bis zu 40 Kinder und Jugendliche mitten im sozialen Brennpunkt-Gebiet auf. „Mit unserer Einrichtung wollen wir Kinder und Jugendliche von der Straße holen“, betont Schwester Lydia. „Darum sind wir hier.“
Mit ihren Mitschwestern orientiert sich die Leiterin des Jugendzentrums an den Gründern ihres Ordens – an dem Priester Johannes Don Bosco (1815–1888) und an der Schwester Maria Mazzarello (1837–1881). Sie gaben alles, damit das Leben junger Menschen gelingt. Neben Don Boscos Wahlspruch „Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen“ trat Maria Mazzarellos Leitmotiv „Habt Mut, fröhlich zu sein und alle eure Schwestern und die Mädchen fröhlich zu machen.“

Alfred Herrmann: Sich Gott nähern. Frauenorden in Deutschland, Bonifatius-Verlag Paderborn 2017, ISBN 978-3-89710-660-4, 29,90 Euro