19.11.2020

Malteser-Projekt in Vechta in der Corona-Krise

Briefkasten gegen Einsamkeit

In der Corona-Krise fühlen sich viele Menschen einsam. In Vechta hat der Malteser Integrationsdienst einen besonderen Briefkasten aufgestellt. Passanten können dort Post einwerfen – für Fremde, denen sie eine Freude machen wollen. 

Ein roter Briefkasten steht auf dem Europaplatz in Vechta. Dort können Passanten Briefe für Alleinstehende einwerfen, denen sie eine Freude machen wollen.
Ein roter Briefkasten steht auf dem Europaplatz in Vechta. Dort können Passanten Briefe für Alleinstehende einwerfen, denen sie eine Freude machen wollen. 

Von Sandra Röseler

„Hallo, lieber Unbekannter.“ So oder so ähnlich beginnen viele Briefe, die zurzeit bei Antonia Wengert auf dem Schreibtisch landen. Wengert arbeitet für den Malteser Integrationsdienst in Vechta – und hat ein Projekt ins Leben gerufen, mit dem sie einsamen Menschen helfen will. Seit ein paar Monaten steht ein spezieller Briefkasten gegen Einsamkeit auf dem Vechtaer Europaplatz. Dort können Passanten Post einwerfen – für Fremde, denen sie eine Freude machen wollen. 

Die Idee hatte Wengert bereits im Frühjahr auf dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle. Damals konnten viele Menschen, mit denen die Malteser zusammenarbeiten, auf einmal keinen Besuch mehr bekommen, weil sie Risikopatienten sind und die Gefahr, sich anzustecken, für sie groß ist. Auch das Integrationscafé, das die Malteser normalerweise für Geflüchtete anbieten, musste für längere Zeit ausfallen. Wengert überlegte, wie die Menschen dennoch miteinander in Kontakt kommen könnten – und rief die Geflüchteten auf, Briefe für einsame Menschen zu schreiben.  

Schon nach einigen Tagen erreichten sie die ersten Zuschriften: Eine Familie hatte zum Beispiel selbst gemalte Bilder und einige Lieblingsgeschichten ihrer Kinder geschickt. Briefe wie diese verteilten die Malteser dann an Alleinlebende und Altenheimbewohner. Die Botschaften sollten ihnen Mut machen und ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind. Seit Anfang des Jahres hat Antonia Wengert schon viele dieser Briefe verteilt. Auch jetzt in der zweiten Corona-Welle sei das für die Menschen wieder besonders wichtig, sagt sie: „Sie brauchen dieses Zeichen, dass jemand an sie denkt.“ 

Ein Angebot auch für Neuzugezogene

Aber Einsamkeit ist nicht erst seit Corona ein Problem. Das ist Wengert durch die Briefaktion einmal mehr bewusst geworden. Schon im Frühjahr fragte sie sich deshalb: Wie könnte man das Angebot unabhängig von Corona weiterbestehen lassen und dauerhaft etwas gegen Einsamkeit tun? Mit der Stadt Vechta und der Aktion „Partnerschaft für Demokratie“ entwickelte sie die Idee für den Briefkasten, der seit September auf dem Europaplatz steht: Er ist knallrot, ungefähr einen Meter hoch und zieht die Aufmerksamkeit vieler Passanten auf sich. Sie können ihre Post an einsame Menschen dort direkt einwerfen. Das Angebot richtet sich auch an Neuzugezogene, die auf diesen Weg Kontakte suchen, oder an Geflüchtete, die über eine Brieffreundschaft die Sprache lernen möchten. 

Die Schreiber können entweder anonym bleiben oder ihre Adresse angeben. Diejenigen, die sich über eine Antwort freuen würden, bringt Wengert dann mit denjenigen zusammen, von denen sie weiß, dass sie gern einen Brief schreiben würden. Ihre Kollegen und sie leeren den Briefkasten einmal in der Woche. Meistens sammeln sie dann um die zehn Briefe ein, die sie verteilen können. Das sei schon ziemlich viel, sagt Wengert – aber sie würde sich noch deutlich mehr Zuschriften wünschen. Sie beobachtet immer wieder, dass der Briefkasten bei den Menschen zwar Interesse weckt, viele sich aber nicht trauen, wirklich selbst etwas zu schreiben. 

Wengert hat dafür Verständnis: Einem Unbekannten zu schreiben, sei schließlich gar nicht so einfach. Aber für einen netten Gruß müsse man sich nicht unbedingt kennen, sagt sie. Einige schickten einfach eine schöne Karte mit einem aufmunternden Zitat. Andere würden hingegen persönlicher, erzählt sie und liest dann einen Brief vor, den zwei Studentinnen eingeworfen haben.  Sie schreiben dem „lieben Unbekannten“, dass sie ihm eine Freude bereiten wollen, erzählen, wie die Corona-Pandemie ihr Leben beeinflusst – und wünschen ihm, dass er gut durch diese schwierige Zeit kommt. 

Viele Leute schreiben sehr persönlich

Botschaften wie diese kämen gut an, sagt Wengert – auch oder gerade, weil sie von Fremden kommen. „Wenn man morgens aufsteht, rechnet man schließlich nicht damit, dass einem jemand schreibt.“ Sie ist beeindruckt, wie persönlich die Leute in ihren Briefen werden. Eine 74-jährige Frau werfe zum Beispiel immer wieder Postkarten ein, die sie auf ihren Reisen gesammelt hat, und erzähle dann eine Geschichte dazu. „Ich finde es berührend, wie Menschen ihr Leben und ihre Gedanken mit vollkommen Fremden teilen“, sagt Wengert.