05.12.2019

Bistum Berlin überstand als einzige Institution die deutsche Teilung ungeteilt

Bewahrte Einheit

Als sich am 9. November 1989 die Berliner Mauer öffnete, hatte das Bistum Berlin als einzige Institution die Teilung ungeteilt überstanden. Dennoch musste langsam zusammenwachsen, was immer zusammengehörte.

Der 90. Deutsche Katholikentag im Mai 1990 war nach 1958 das erste Treffen katholischer Christen, an dem Gläubige aus Ost und West wieder ungehindert teilnehmen konnten. Und wie 1958 war wieder Berlin Austragungsort, die Stadt, in der die Teilung des Landes durch Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl am eindringlichsten erfahrbar war. Im Olympiastadion sagte Bischof Karl Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz: „Gott hat uns einen Auftrag zugeschickt, an den wir nicht mehr glauben wollten.“

In der Tat hatten auch Katholiken in Ost und West nicht mit der baldigen Einheit gerechnet. Dennoch war im Bistum Berlin das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit erhalten geblieben und hatte auch strukturell überlebt. Dies galt wenigstens für die Leitung des Bistums durch einen gemeinsamen Bischof, dem ein Domkapitel aus Mitgliedern aus dem Osten wie aus dem Westen zur Seite stand. Lange hatte es Bestrebungen gegeben, diese Einheit aufzubrechen, nicht nur von Seiten der DDR-Regierung, der ein Bistum, das sich auf Ost und West erstreckte, ein Dorn im Auge war.
 

Wöchentliche Messe für Anliegen des Bistums
Auch in Rom war man im Zuge der Ostpolitik des späteren Kardinalstaatssekretärs Agostino Casaroli zu Konzessionen bereit. Anders als die Evangelische Kirche, die sich 1972 in Landeskirchen für Ost und West mit je eigenem Bischof teilte, bewahrte das Bistum Berlin die Einheit. Das war vor allem das Verdienst von Kardinal Alfred Bengsch, der als Bischof für ganz Berlin im Ostteil der Stadt residierte und die geistliche Einheit hochhielt. Nach seiner Ernennung zum Bischof von Berlin im August 1961, also unmittelbar nach dem Bau der Mauer, hatte er die Gemeinden aufgerufen, an jedem Freitagabend die heilige Messe in den Anliegen des einen Bistums zu feiern. Seiner Anregung folgend beteten viele Gläubige das Angelusgebet mit der angefügten Fürbitte, Gott möge seiner „Kirche die Freiheit, dem deutschen Volk die Einheit und der Welt den Frieden“ schenken.

Das Brustkreuz, das Weihbischof Wolfgang Weider 1990 ablegen konnte, zeigte die Grenzen der geteilten Stadt.    Foto: Erzbistum Berlin

Innerkirchlich war die Bistumseinheit allerdings längst nicht für alle Katholiken von gleichem Rang. Den Bedürfnissen der Westberliner wäre mit einem eigenen Bischof durchaus gedient gewesen, lebten doch zwei Drittel der Gläubigen des Bistums im Westteil, während der Bischof von der DDR nur zehn Tage im Monat in den Westen gelassen wurde. Kolportierte Bestrebungen nach einem Weihbischof für den Westteil unterband Bengsch und spätestens mit dem Amtsantritt des mit dem Kirchenkampf der Kommunisten vertrauten Papstes Johannes Paul II. waren solche Pläne vom Tisch.

Trotz der formalen Einheit des Bistums Berlin hatte sich in der Zeit der Teilung manches auseinanderentwickelt. Das eine Bistum hatte zwei Verwaltungen, geleitet von je einem Generalvikar. Die umfangreicheren Möglichkeiten für seelsorgliches, karitatives und verbandliches Engagement drückten sich auch im Schematismus aus. Im amtlichen Adress- und Personalverzeichnis nahm die Westberliner Kirchenverwaltung den fünffachen Platz des östlichen Pendants ein. Dass dies vor allem die beschränkten Möglichkeiten im Osten spiegelte, zeigte sich nach dem Mauerfall. Es gab immensen Nachholbedarf, um als Kirche wirksam bleiben und sich den neuen Aufgaben stellen zu können. Die Sanierung kirchlicher Gebäude, die Übernahme neuer Einrichtungen und der Wunsch nach katholischen Bildungseinrichtungen stellten die Kirche vor finanzielle und organisatorische Herausforderungen. Gleichzeitig waren bisher notwendige Doppelstrukturen abzubauen. Der im Herbst 1989 geweihte Bischof Georg Sterzinsky war bestrebt, möglichst keinen treuen Mitarbeiter vor die Tür zu setzen. Dadurch entstehende Kosten waren aber nur einer von vielen Faktoren, die das Erzbistum später in die Finanzkrise trieben.

Mit dem Fall der Mauer zeigten sich nicht nur organisatorische Unterschiede zwischen den Bistumsteilen. Nachdem der äußere Druck von der Kirche abgefallen war, zeigte sich, dass die bisher erfahrene Homogenität unter Katholiken einer größeren Pluralität in den Anschauungen wich. War bisher vor allem im innerkirchlichen Raum gearbeitet und das religiöse Fundament als Bollwerk gegen die atheistische Ideologie des Staates gestärkt worden, gingen Katholiken nun offensiver an die Gestaltung der Gesellschaft. Neue Laieninitiativen entstanden, die sich bistumsübergreifend in einem „Gemeinsamen Aktionsausschuss katholischer Christen“ zusammenschlossen. Aus der Wahrnehmung der Kirchen als von der sozialistischen Ideologie unbelasteten Institutionen heraus wurden Geistliche zu Moderatoren der „Runden Tische“ auf allen Ebenen berufen und Katholiken übernahmen politische Verantwortung, weit über das Maß hinaus, das der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung nahegelegt hätte.
 

Unsichtbare Mauern hielten sich länger
Sehr unterschiedlich war die gegenseitige Wahrnehmung der Gläubigen in Ost und West in Bezug auf die Kirchlichkeit. So kamen zu einer Stadtjugendmesse im Februar 1990 zwar etwa tausend Jugendliche nach St. Canisius, die allermeisten jedoch aus dem Ostteil. Unterschiede im kirchlichen Selbstverständnis zeigten sich auch in den beiden Berliner Studentengemeinden. War man im Osten bemüht, ein alternatives Bildungsprogramm zu bieten und Gemeinschaft im Gottesdienst zu erfahren, lebte man im Westen vom Engagement in Arbeitskreisen, etwa zu Umwelt- und Asylthemen. Gegenseitige Vorhaltungen blieben nicht immer aus: unpolitische Frömmigkeit wurde Ost-, oberflächliche Zeitgeistorientierung Westkatholiken unterstellt. Verletzend wurde beides empfunden. Die Aufgabe, einander wiederzufinden, blieb über Jahre bestehen und ist bis heute nicht endgültig erledigt. Als Weihbischof Wolfgang Weider 1990 sein Brustkreuz ablegte, das die Grenzen der geteilten Stadt Berlin zeigte, waren viele sichtbare Mauern schon abgetragen. Bei den unsichtbaren brauchte es deutlich länger.

Von Thomas Marin