14.02.2019

Diskussion mit Jugendbischof Stefan Oster in Dresden

Die Liebe mehr hervorkehren

Ist die Kirche jungen Menschen heute bei ihrer Suche nach einem erfüllten Leben hilfreich? Darüber diskutierte Jugendbischof Stefan Oster am 6. Februar mit unter 30-Jährigen in Dresden.

Bischof Stefan Oster im Gespräch mit jungen Christen im Japanischen Palais. | Fotos: Dorothee Wanzek
 
Hilft Kirche auf dem Weg zum Glauben und bei der Suche nach Lebenssinn? Die jungen Katholiken, die sich bei einer Veranstaltung von Katholischer Akademie und Staatlichen Kunstsammlungen dazu im Podium äußerten, waren sich einig: Da gibt es durchaus noch eine Menge Luft nach oben.
Vertreter der Kirche erweckten häufig den Eindruck, als hätten sie die perfekten Antworten auf alle Fragen junger Menschen parat, kritisierte die Dresdner Schwesternschülerin Klara Otto (21).„Ich bin noch in der Kirche, weil ich immer wieder auf Leute gestoßen bin, die mir nicht von oben herab begegnet sind, sondern die mich als als Fragende und Suchende ernstgenomen und meine Verunsicherung geteilt haben“, machte sie deutlich. In Gottesdiensten spüre sie häufig, dass Priester zu weit entfernt von ihren Gemeinden seien und in unverständlichen Worten über Themen sprächen, die weit von der Lebensrealität derer entfernt seien, die in die Kirche kommen oder eben irgendwann auch nicht mehr kommen.
Die Kirche rücke ihre moralischen Leitplanken so stark in den Vordergrund, dass die oftmals eher wie Mauern wirkten, befand der Leipziger Student Jonas Grunenberg (20). Er sei beispielsweise überzeugt, dass die Kirche angesichts eines gesellschaftlichen Trends zu Oberflächlichkeit und krankhafter Sexualisierung beim Thema Liebe sehr viel zu sagen hätte. Sie verdunkele die christliche Botschaft der Liebe aber, indem sie viele Menschen massiv ausgrenze, insbesondere homosexuelle Paare.
Rückendeckung bekamen die beiden jungen Katholiken von Valerie Schönian (28), die als Vertreterin der kirchenfernen Bevölkerungsmehrheit im Podium saß. Die Journalistin ist bekannt geworden, weil sie für ein Medienprojekt ein Jahr lang den Münsteraner Kaplan Franziskus von Boeselager im Alltag begleitete und mit ihm über seine Berufung sprach.
 
Weniger Floskeln, mehr persönliches Zeugnis
Ihrer Einschätzung nach habe die Kirche eine wichtige Rolle in der Gesellschaft, da es sehr viele Menschen gebe, die sich nach dem sehnen, was sie ihnen zu sagen hat: „Du bist geliebt und gehalten, so wie du bist!“ Um diese Menschen überhaupt zu erreichen, müssten Christen „Floskeln weglassen“ und viel mehr über ihren persönlichen Glauben reden.
Dazu empfahl sie, stärker in säkulare Räume vorzudringen und dort zunächst einmal zuzuhören. „In eine Bar gehen und den Leuten dort sagen ,Nun lest mal das Evangelium!‘ oder ,Jesus ist für uns gestorben!‘ – das funktioniert natürlich nicht“, stellte sie klar. Wenn Christen sich dafür interessierten, wie das Leben anderer Menschen ohne Gott funktioniert, bereit, ihnen zuzuhören, ihre Wahrheiten und Lebensentwürfe als gleichwertig zu respektieren und manche kritischen Anfragen auszuhalten, werde das Interesse irgendwann gegenseitig, zeigte sie sich überzeugt. Die kirchlichen Positionen zur Sexualmoral oder zum Frauenpriestertum teile sie selbst nicht, habe aber Zweifel, ob eine Abkehr von diesen Positionen der Kirche mehr Zulauf bringen würde. „Das Entscheidende ist die Erfahrung, geliebt und gebraucht zu werden. Klar, dass die nur rüberkommt,  wenn Reden und Handeln übereinstimmt.“
Glaubwürdigkeit hält auch der Passauer Bischof Stefan Oster für wesentlich, damit die Botschaften der Kirche bei jungen Menschen ankommen. „Programme und Strukturen helfen weniger als heilige Männer und Frauen, die mit ihrem Leben Zeugnis des Glaubens geben“, zeigte er sich überzeugt.
 
Rechts im Bild Daniela Pscheida-Überreiter, die den Abend gemeinsam mit Akademiedirektor Thomas Arnold moderierte.
 
Die Gebote und Regeln der Kirche seien nur von ihrem Wesenskern her verständlich, der persönlichen Liebesbeziehung zwischen Jesus Christus und jedem einzelnen Menschen. Stefan Oster verglich diese Beziehung mit einer Ehe: Ohne die Liebe wirke die Verpflichtung, lebenslänglich immer in das gleiche Gesicht zu schauen, wie Sklaverei. Von innen betrachtet biete die Ehe den Raum, im Herzen des anderen man selbst zu werden. Das gegenseitige Wohlwollen führe zu einer Atmosphäre der Freiheit. Paare suchten nach Ritualen, die ihnen helfen, in dieser Liebe zu bleiben – zum Beispiel, Streitigkeiten vor dem Schlafen gehen zu schlichten oder mindestens einmal in der Woche gemütlich miteinander zu frühstücken.
Wenn einer von beiden solche gemeinsam vereinbarten Rituale verlässt, stimme etwas mit der Beziehung nicht. Das eigentlich wichtige seien aber nie die Rituale, sondern die Beziehung.
 
„Neu lernen, Glauben plausibel zu machen“
Manche kritische Sicht auf die Kirche decke sich nicht mit seiner eigenen Wahrnehmung, sagte Stefan Oster. Beispielsweise erlebe er in seinem Bistum, dass Kirche in der Telefonseelsorge, der Ehe-, Familien- und Lebensberatung und in vielen anderen Bereichen selbstlos helfe, ohne dabei gleich zu sagen „Ihr dürft aber keinen Sex vor der Ehe haben!“
Dass die Kirche die Glaubensfreiheit der Menschen missachte und sie in den Glauben hineinnötige, sehe er nicht als großes Problem unserer Zeit. „Da gab es sicher in der Kirche andere Phasen, als die Volkskirche noch stark war.“ Defizite sehe er hingegen in der „Fähigkeit, unseren Glauben plausibel zu machen“, besonders, wenn es um die Vereinbarkeit von Glaube und Wissenschaft gehe, in den Spannungsfeldern von Evolutionstheorie und Erbsünde, von Religion und Gewalt. „Stattdessen tun wir oft so, als wäre das Christentum eine Religion der Nettigkeiten“, meint der Jugendbischof.
 
Von Dorothee Wanzek