13.03.2019

Magdeburger Bischof em. Leo Nowak wird 90

Die Hoffnung bleibt

Der Magdeburger Bischof emeritus Leo Nowak wird am 17. März 90 Jahre alt. Eckhard Pohl sprach mit ihm über die Erfahrungen eines so langen Lebens, aber auch über die aktuelle Situation in Gesellschaft und Kirche.

Vor 25 Jahren, am 9. Oktober 1994, führt Nuntius Lajos Kada den Apostolischen Administrator in Magdeburg, Bischof Leo Nowak, als Diözesanbischof des neu gegründeten Bistums Magdeburg ein. | Fotos: Eckhard Pohl
 
Herr Bischof Nowak, wie geht es Ihnen, wenn sie auf Ihr langes Leben zurückblicken?
 
Das ist nicht so einfach zu beantworten. Ich habe drei unterschiedliche Gesellschaftssysteme erlebt. Die Nazizeit, das sozialistische System der DDR und seit 1990 das so bezeichnete „Wunder der Einheit“. Die Einheit wurde begeistert begrüßt. Aber auch die ersehnte freiheitliche Demokratie ist keine perfekte Gesellschaft, wie sich bald herausstellte. Schon Winston Churchill soll gesagt haben: „Die Demokratie ist die schlechteste Gesellschaftsform, die wir haben, aber wir haben keine bessere.“
 
Sie waren 16 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, haben die DDR-Zeit erlebt ...
 
Als Jugendlicher habe ich zunächst den totalen Anspruch der Nazis auf den ganzen Menschen erlebt. Die marxistische Ideologie in der DDR ist dann ebenfalls mit einem Totalanspruch angetreten nach der Devise: Wir allein wissen, wie der Mensch leben soll. Die Partei hat immer recht!
 
Waren Sie persönlich mit diesem Totalanspruch konfrontiert?
 
Mein Vater hatte in Magdeburg ein Herrengeschäft, das ich übernehmen sollte. Da die Schule nach dem Krieg nicht sofort wieder begann, befolgte ich den Rat meiner Eltern, eine kaufmännische Lehre zu absolvieren. Nach der Lehrzeit ergab sich die Möglichkeit, eine Fachschule für Wirtschaft zu besuchen und nach zwei Jahren das Abitur zu machen. In der Fachschule war ich mit einem Lehrer für Gesellschaftswissenschaft konfrontiert, der es vorzüglich verstand, die dunklen Seiten der Kirchengeschichte herauszustellen, und der den Glauben als überholt und rückständig brandmarkte. Stets waren eine ebenfalls katholische Mitschülerin und ich Zielscheibe seiner Attacken. Wer hatte recht? Unser Vikar, meine Eltern oder der Lehrer? Ich wollte herausfinden, was es mit dem Glauben an Gott auf sich hat. Das war für mich auch der Grund, Theologie zu studieren. Während des Studiums in Paderborn habe ich gemerkt, dass Philosophen und Theologen zwar zeigen können, dass es vernünftig ist, an Gott zu glauben. Aber auch die Professoren konnten die Existenz Gottes im naturwissenschaftlichen Sinne nicht nachweisen. Später hatte ich dann eine Art Aha-Erlebnis, als uns ein Jesuit deutlich machte: Der christliche Glaube ist Glaube an die Person Jesu. Er selbst fordert uns dazu heraus, wenn er spricht: „Habt keine Angst. Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Er ist im Gegensatz zu allen Ideologien glaubwürdig. Diese Erkenntnis war für mich wie ein Durchbruch. Für die Verbreitung dieser Botschaft wollte ich mich einsetzen. So bin ich Priester geworden.
 
Ist diese Erkenntnis zum Kern Ihres Glaubens geworden?
 
Ich meine: Ja. Kein Mensch kann ohne Glauben und Vertrauen leben. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Der Mensch muss darauf vertrauen, dass er sich für den richtigen Partner entscheidet, den richtigen Beruf wählt. Er muss den Worten eines Freundes trauen, seinem Arzt Vertrauen schenken. Eng damit verbunden ist die Hoffnung, ohne die unser  Leben nicht denkbar ist.
 
Inwiefern?
 
Sogar der marxistische Philosoph Ernst Bloch war der Überzeugung: „Das Prinzip Hoffnung lebt unausrottbar im Herzen der Menschen mit religiöser Unbedingtheit. Es artikuliert sich in Utopien und kann letztlich nicht trügen“: Nun aber gibt es viele Hoffnungen, die sich nicht erfüllen. Ist das ein Hinweis, dass unsere Hoffnungen sinnlos sind? „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, so ist oft zu hören. Aber vielleicht stirbt die Hoffnung überhaupt nicht? Was ist mit den verhungernden Menschen, mit den Opfern von Terror und Gewalt, mit den von Naturkatastrophen Heimgesuchten, den von furchtbaren Krankheiten Gequälten? Was ist mit unseren Verstorbenen? Sollen sie keine Gerechtigkeit erfahren? Ob die Hoffnung nicht doch ein untrügliches Zeichen für eine Zukunft ist, die schon begonnen hat, aber noch längst nicht erfüllt ist? Der christliche Glaube ist die Botschaft vom Leben, die Hoffnungsbotschaft.
 
Sie sind 1990 in den Zeiten der Wende Bischof geworden. Hätte damals manches anders laufen müssen? Und: War es richtig, 1994, vor 25 Jahren, das Bistum Magdeburg zu gründen?
 
Der Magdeburger Bischof emeritus Leo Nowak

Wir waren damals voller Tatendrang und hoch erfreut über die neuen Möglichkeiten. Natürlich kann man heute fragen, ob jede Entscheidung richtig war. Aber viel Zeit zum Überlegen gab es nicht. Manches, was damals möglich war, ist heute sicher nicht mehr möglich. Viele auch nichtchristliche Eltern haben mich damals geradezu bedrängt, die Chance zu nutzen, in der Verantwortung der Kirche Schulen zu gründen. Das lässt sich heute kaum mehr nachvollziehen. Vieles war ein Risiko. Einiges ist gelungen, anderes eher nicht.
Im Blick auf die Gründung des Bistums bin ich nach wie vor der Auffassung, dass die damalige Entscheidung angemessen war. Sie wurde gemeinsam mit den Gemeinden und Ratsgremien gefällt. Außerdem wissen wir heute, dass Rom zu DDR-Zeiten nur mit Rücksicht auf die politische Situation keine eigenen Bistümer errichtet hat.
Unsere pastorale Situation ist von der westlichen nach wie vor total verschieden. Bei einer Minderheit von drei Prozent Katholiken braucht es eigene Entscheidungen vor Ort und hautnahe Erfahrungen, um dieser extremen Realität einigermaßen gerecht zu werden. Mein Nachfolger Bischof Gerhard Feige und die anderen Verantwortlichen geben sich größte Mühe, diesen Anforderungen zu entsprechen. Auch die gesamtkirchliche Entwicklung in Deutschland lässt erkennen, dass die Zukunft der Kirche nach menschlichem Ermessen eher auf unsere Situa–tion hinausläuft: Gläubigenmangel, geringer Priesternachwuchs, rückläufige Finanzen – aber auch  Besinnung auf die Gaben jedes Getauften. Mancher aus den alten katholischen Bundesländern ist sogar der Meinung: Wir seien der Zeit voraus!

 
Sind Sie erschrocken über den massiven Rückgang an Gemeindemitgliedern und Priestern, aber auch angesichts des Missbrauchsskandals in der Kirche?
 
Ich habe nach der Wende nicht mit großen Aufbrüchen gerechnet, den Rückgang in dieser massiven Weise aber nicht erwartet. Sicher spielt die Überalterung eine große Rolle, aber auch die grundsätzlich festzustellende Gleichgültigkeit vieler gegenüber religiösen und weltanschaulichen Fragen. Allenthalben ist die Rede von einer massiven Glaubens- und Kirchenkrise. Durch die skandalösen Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche wird diese Situation noch zusätzlich verschärft. Die katholische Kirche ist in der Öffentlichkeit weitgehend als ‚Moralinstitut‘ angesehen worden. Umso empfindlicher treffen uns diese schrecklichen Vergehen. Die Menschen erwarten zu Recht konkrete Schritte und Maßnahmen. Ich hoffe  sehr,  dass diese tiefgreifende Krise als  Chance für eine grundsätzliche Neubesinnung und Reform der Kirche erkannt und wahrgenommen wird.
Wenn ich auf mein Leben blicke, kann ich trotz mancher Enttäuschungen und Schwierigkeiten sagen: Viele gute Menschen haben mir zur Seite gestanden. Der Glaube an Gott und die Botschaft des Evangeliums von der Hoffnung haben mich allezeit getragen und begleitet. Gott sei es gedankt.

Im St. Benno Verlag 2019 erschienen: Leo Nowak: Un-ausrottbar. Das Prinzip Hoffnung für Christen und Nichtchristen. ISBN 978-3-7462-5446-3; Preis 6,95 Euro.