27.06.2019

25 Jahre Bistum Görlitz

„Als Kirche in der Region präsent bleiben!“

Vor 25 Jahren wurde die damalige Apostolische Administratur Görlitz zum Bistum erhoben. Bischof Wolfgang Ipolt zieht aus diesem Anlass im Tag des Herrn-Interview Bilanz und beschreibt, wie er den Weg seiner Ortskirche in die Zukunft sieht.

Bischof Wolfgang Ipolt mit der Gründungsurkunde des Bistums Görlitz. | Fotos: Raphael Schmidt

Herr Bischof, die Gründung des Bistums Görlitz vor 25 Jahren war ja wegen der kleinen Katholikenzahl nicht unumstritten. Inzwischen sind die Zahlen gegenüber dem Gründungsjahr noch kleiner geworden. War die Entscheidung damals richtig?

Es ist schwierig, Entscheidungen aus der Vergangenheit aus heutiger Sicht zu kommentieren oder gar zu bewerten. Bei der Gründung des Bistums spielte der Aspekt eine wichtige Rolle, dass sich viele katholische Schlesier in Deutschland mit dem Gebiet des Erzbistums Breslau auf jetzigem deutschen Staatsgebiet identifizierten und somit Heimatgefühle verbanden. Die Bistumsgründung fast 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war in gewisser Hinsicht auch eine Würdigung des inzwischen gewachsenen katholischen Lebens in den Gemeinden der damaligen Apostolischen Administratur. Die Gründung des Bistums hat die Präsenz der katholischen Kirche auf jeden Fall auch für die gesellschaftliche Öffentlichkeit gefestigt. 

Papst Johannes Paul II. hat bei der Bistumsgründung die Brückenfunktion in Richtung Polen in seine Überlegungen einbezogen – was hat sich dahingehend in den letzten 25 Jahren entwickelt?

Inzwischen sind viele Beziehungen zu den Nachbarbistümern in Polen gewachsen. 1992 wurde das Bistum Legnica (Liegnitz) gegründet. Gegenseitige Einladungen zu bestimmten Festen gehören inzwischen zur Normalität. Alle vier Jahre gibt es eine deutsch-polnische Fronleichnamsprozession, die über die Stadtbrücke führt, die die beiden Teile der Europastadt Görlitz-Zgorzelec verbindet. Die Brücke trägt übrigens den Namen „Johannes Paul II.“. Ich selbst habe mir inzwischen Grundkenntnisse der polnischen Sprache angeeignet, die mir besonders bei Gottesdiensten helfen, die Polen und Deutsche zusammen feiern. Es gibt auch viele personelle Verbindungen: Prälat Peter C. Birkner ist Ehrendomkapitular in Liegnitz, mein Generalvikar Alfred Hoffmann Ehrendomkapitular des neuen Stiftskapitels in Grüssau (Krzeszów), dem alten schlesischen Wallfahrtsort, und kürzlich wurde Pfarrer Uwe Aschenbrenner aus Guben zum Ehrendomkapitular der Diözese Gorzów (Grünberg) ernannt. Durch solche Kontakte sind Begegnungen selbstverständlich geworden.
Besonders in den Grenzstädten Görlitz, Forst und Guben ist der Zuzug von polnischen Katholiken zu uns sehr deutlich zu spüren. Ich bin dankbar, dass in unserem Bistum inzwischen mehrere Priester aus Oberschlesien arbeiten, die beide Sprachen können und somit auch mithelfen, dass sich Polen und Deutsche mit ihren je verschiedenen Traditionen näherkommen und den Glauben teilen.

Angesichts geringer werdender finanzieller und personeller Ressourcen müssen Sie als Bischof sicher Schwerpunkte setzen und auch den Mut haben, etwas wegzulassen. Was ist Ihnen wichtig? Worauf kann als erstes verzichtet werden?

Wichtig ist mir, dass die Kirche in diesem Diasporagebiet Sachsens und Brandenburgs präsent bleibt. Da lässt sich manches auch mit weniger Geld bewerkstelligen. Wir dürfen uns nicht zuerst von Zahlen treiben oder hindern lassen. Es kommt zunächst auf die innere Einstellung und die Haltung des Glaubens bei den Mitarbeitern in der Seelsorge und natürlich bei den Gläubigen an. Der Herr hat uns hierher gestellt – in dieses Land, in dem nur wenige etwas von Gott und der Kirche wissen. Da haben wir immer einen Auftrag und, wie ich meine, auch Chancen. Das haben wir besonders bei der Gründung des Priorates der Zisterzienser in Neuzelle bemerkt.
Manches von den bisherigen Formen der Seelsorge wird vielleicht von allein verschwinden, weil es heutigen Lebensverhältnissen oder Ansprüchen nicht mehr genügt. Es gilt neu zu entdecken, wie Christsein im 21. Jahrhundert gelingen kann. Dabei möchte ich als Bischof mithelfen.

 

Immer nahe bei den Menschen: Bischof Ipolt im Gespräch bei einer Bistumswallfahrt.

 

Bis 2060 soll sich die Zahl der Katholiken auch im Osten Deutschlands noch einmal halbieren. Welche Perspektiven sehen Sie für die katholische Kirche in dieser Region?

In Glaubensangelegenheiten traue ich nicht so sehr den Statistikern. Bis 2060 können sich die Rahmenbedingungen viele Male ändern. Das heutige leichte Wachstum des Bistums durch den Zuzug aus Polen war zum Beispiel nicht vorauszusehen. Wir wissen nicht, wer von den heute bei uns lebenden Katholiken seinen Glauben in 20 oder 30 Jahren noch aktiv leben wird. Es gilt in der Gegenwart zu leben – die ist uns anvertraut. Heute dürfen wir als Getaufte und Gefirmte Zeugen des Evangeliums sein – und wir müssen es mit ganzem Herzen sein. Was Gott daraus wachsen lässt, können wir nicht wissen – aber zutiefst erhoffen.

Wird das Bistum Görlitz in 25 Jahren noch eigenständig sein?

Bistümer werden von Rom nicht leichtfertig gegründet und sie werden auch nicht so leicht wieder aufgelöst. Aber ich habe keine Prognose für diese Frage. Wir werden ganz sicher die Zusammenarbeit mit unseren Nachbardiözesen verstärken müssen, damit wir uns weiterhin in die Aufgaben der Kirche in Deutschland einbringen können. Ich möchte, dass wir unter den 27 sehr verschiedenen Bistümern in Deutschland unsere ureigene Rolle spielen – das geht aus meiner Sicht mit Eigenständigkeit oder auch in enger Anbindung an ein anderes Bistum. Ich finde es spannend, dass ich als Bischof mit meinen derzeitigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern diesen Prozess begleiten und mitgestalten darf.

Wenn Sie drei Wünsche bei einer guten Fee frei hätten, was würden Sie sich für das Bistum Görlitz wünschen?

Mein erster Wunsch ist das, was Papst Franziskus in seinem ersten Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ so beschrieben hat: „Die Mission…ist nicht ein Teil meines Lebens oder ein Schmuck, den ich auch wegnehmen kann… Sie ist etwas, das ich nicht aus meinem Sein ausreißen kann, außer ich will mich zerstören. Ich bin eine Mission auf dieser Erde, und ihretwegen bin ich auf dieser Welt. Man muss erkennen, dass man selber ,gebrandmarkt‘ ist für diese Mission, Licht zu bringen, zu segnen, zu beleben, aufzurichten, zu heilen, zu befreien. Da zeigt sich, wer aus ganzer Seele Krankenschwester, aus ganzer Seele Lehrer, aus ganzer Seele Politiker ist – diejenigen, die sich zutiefst dafür entschieden haben, bei den anderen und für die anderen da zu sein.“ (Evangelii gaudium 273). Ich wünsche mir, dass jeder getaufte Katholik unseres Bistums das mit demütigem Selbstbewusstsein sagen kann: Ich bin eine Mission.
Mein zweiter Wunsch ist, dass die Priester und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge tief im Glauben verwurzelt bleiben und sich nicht durch Misserfolge oder die Kleinheit unserer Verhältnisse entmutigen lassen mögen. Jesus hat uns nie Erfolg in unserer Arbeit verheißen, aber Fruchtbarkeit – wenn wir bei ihm und in ihm bleiben. Von welcher Art diese Früchte sind, dürfen wir getrost ihm überlassen.
Mein dritter Wunsch ist, dass es uns gelingen möge, auch unter den Menschen in Brandenburg und Sachsen neue Christen zu gewinnen. Es darf uns nicht egal sein, dass so viele das Evangelium nicht kennen und noch nie mit Gott in Berührung gekommen sind. Der Glaube ist ein Schatz, der das Leben reicher macht. Den dürfen wir niemandem vorenthalten.

Interview: Raphael Schmidt