21.02.2019

Bischof Feige über Herausforderungen für die Kirche

„Dynamisch-alternativ“

In Sachsen-Anhalt leben weniger als vier Prozent Katholiken – das Bistum Magdeburg muss mit Bedingungen zurecht kommen, die woanders noch Zukunftsszenarien sind. Bischof Gerhard Feige sprach über säkulare Herausforderungen, Zölibat und Frauenordination.

Magdeburgs Bischof Gerhard Feige | Foto: Harald Oppitz/kna
 
Bischof Feige, das Bistum Magdeburg feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen. Wo stehen die katholischen Christen hierzulande?
 
Obwohl wir mit 81 000 Katholiken nur eine Minderheit inmitten von über 80 Prozent konfessionslosen Mitbürgern sind, versuchen wir doch, schöpferisch zu sein und uns zusammen mit den anderen Christen konstruktiv in die Gesellschaft einzubringen – demütig, aber durchaus selbstbewusst. Dabei verstehen wir uns nicht als Nabel der Welt, aber auch nicht nur als ein Anhängsel der katholischen Kirche in Deutschland.
 
Was macht sie besonders?
 
Wir sind keine Volkskirche, aber auch nicht mehr die Diaspora-Kirche aus DDR-Zeiten. Seit der Reformation leben wir hier weitgehend vom Zuzug, meistens wirtschaftlich bedingt. Und auch jetzt werden wir wieder durchgemischt, sind seit 1989 viele weggezogen, sollen andererseits aber unter uns Katholiken auch schon etwa 12 Prozent Ausländer aus über 100 Nationen sein und ebenso viele Mitbürger aus den alten Bundesländern. Während dem Diaspora-Begriff oftmals etwas Muffiges anhängt, wollen wir eher eine Ortskirche sein, die das Evangelium auf neue Weise ins Spiel bringt.
 
Inwiefern?
 
Hier begegnen uns Menschen, die – nicht christlich sozialisiert – vielleicht noch keine enttäuschenden Erfahrungen mit Kirche gemacht haben und eher unvoreingenommen sind. In einer solchen säkularen Gesellschaft bemühen wir uns, niemanden von oben herab zu belehren oder zu disziplinieren, sondern wirklich zu dienen.
 
Was wollen diese Menschen von der Kirche?
 
Manchmal geht es einfach um bestimmte Segnungen, die erbeten werden. Ein Beispiel sind etwa unsere Lebenswendefeiern mit konfessionslosen Schülern, die einen immer stärkeren Zulauf haben; in Halle sind es in diesem Jahr mehr als 700 Jugendliche. Hierbei spürt man eine gewisse Sehnsucht nach mehr, als was das Leben sonst ausmacht.
 
Katholisch sind alle Ihre Mitarbeiter im kirchlichen Dienst – anders als in Bistümern mit hohem Katholikenanteil – also wahrscheinlich nicht – sonst hätten Sie wohl einen Personalengpass ...
 
Das ist richtig. Wir haben viele Mitarbeiter, die keine Christen sind, die aber unser Verständnis von der Würde des Menschen teilen und sich um ein dementsprechendes Verhalten mühen. Natürlich bleibt es eine Herausforderung, ein christliches Profil zu bewahren. Auch auf unseren acht katholischen Schulen sind die meisten der Schüler und einige Lehrer Nicht-Christen. Insofern sitzen wir hier als katholische Kirche nicht auf dem hohen Ross, sondern suchen einen aufrichtigen Dialog.
 
Es drängt sich der Eindruck auf, dass der Osten der Entwicklung in anderen Bistümern ein paar Jahre voraus ist und Kirche unter weniger komfortablen Bedingungen schon einmal erprobt. Inwiefern kann der Westen also vom Osten lernen?
 
Tatsächlich leben wir mit Herausforderungen, die in volkskirchlich geprägten Gegenden noch nicht so dramatisch sind, und suchen darum neue Wege, um weiterhin lebensfähig und lebendig zu sein. Da wünschte ich mir schon ein wenig mehr Interesse an unserer Situation. Hilfreich wäre auch, sich noch deutlicher bewusst zu machen, dass die katholische Kirche in Deutschland sehr unterschiedlich ist, es aber bestimmte Standards gibt, die von allen Bistümern erfüllt werden müssen. Und wir tun uns bei manchem schwer, weil wir hier gar nicht die finanziellen und personellen Voraussetzungen dafür haben.
 
Inwiefern?
 
Zum Beispiel, dass das Kirchensteuer-pro-Kopf-Einkommen aufgrund der sozialen und altersmäßigen Zusammensetzung unserer Gläubigen wesentlich niedriger ist als im Westen. Zudem müssen wir, während unsere Priester deutlich weniger verdienen als anderswo, viele Mitarbeiter nach bundesweit ausgerichteten Tarifen entlohnen. Insgesamt werden auch verschiedene Aufgaben nur ehrenamtlich wahrgenommen, da wir uns dafür keine Hauptamtlichen leisten können.
 
Ist die Priesterausbildung noch zeitgemäß?
 
Sicher muss stärker in den Blick kommen, was für Priester wir überhaupt brauchen und wie deren Berufung in geeigneter Weise gefördert werden kann. Auf jeden Fall sollten sie weniger archaisch-bürgerlich als dynamisch-alternativ sein.
 
Was verstehen Sie darunter?
 
Dass sie keine rückwärtsgewandten Vorstellungen von diesem Beruf haben, sondern sich auf das einlassen, was Gott heute von ihnen erwartet. Dabei wäre – wie Karl Rahner vor Jahrzehnten schon formuliert hat – grundlegend, Diener zu sein und nicht Herren, Geistliche und nicht Funktionäre, Wegbereiter und nicht Nachlassverwalter.
 
Gehört auch die Abschaffung des Zölibatzwangs dazu, wie jetzt in einem Brief an Kardinal Marx gefordert wird?
 
Ich kann mich nicht erinnern, zum Zölibat gezwungen worden zu sein. Als ich geweiht wurde, gehörte für mich und die meis-ten anderen Katholiken diese Lebensweise zum Priestersein in unserer Kirche dazu. Allerdings kann die freiwillige Verpflichtung zur Ehelosigkeit für manchen im Laufe des Lebens belastend werden. Grundsätzlich ist der Zölibat nicht göttlichen Rechts. Darum sind verheiratete Priester durchaus denkbar, und es gibt sie ja auch – nicht weniger würdig und sakramental – in den katholischen Ostkirchen. Die Frage ist nur, wie darüber in der römisch-katholischen Weltkirche eine Entscheidung zustande kommt.
 
Müssten auch die hierarchischen Strukturen überdacht werden, um wieder mehr Leute an die Kirche zu binden?
 
Zweifellos sind alle Ämter in der Kirche als Dienste zu verstehen. Dabei Macht zu haben, ist nicht von vornherein verwerflich, müsste aber wohl auf mehr Schultern verteilt werden und einer gewissen Kontrolle unterliegen. Dazu gehört auch, noch kommunikativer, geschwisterlicher und synodaler zu werden. Schließlich geht es nicht um die Absicherung eines Systems oder irgendwelche Eigeninteressen, sondern um die verantwortungsbewusste Leitung des Volkes Gottes und eine Hilfe zur Selbsthilfe.
 
Wäre für Sie denkbar, dass Frauen zu Priestern geweiht werden?
 
Dies rigoros abzulehnen und lediglich mit der Tradition zu argumentieren, überzeugt nicht mehr. Man kann – so sagt auch Papst Franziskus – die Lehre nicht bewahren, ohne ihre Entwicklung zuzulassen. Und verändert hat sich im Laufe der zwei Jahrtausende vieles, nicht nur in Kleinigkeiten. Könnte der Geist Gottes uns nicht auch heute zu neuen Erkenntnissen und Entscheidungen führen? Momentan halte ich freilich die Möglichkeit, Frauen zu Priestern zu weihen, noch für unwahrscheinlich, da dies von zahlreichen Katholiken nicht mitgetragen und die Einheit unserer Kirche daran zerbrechen würde. Andererseits aber wird dies kommen. Vor einiger Zeit hätte ich das so noch nicht denken können.
 
Interview: Nina Schmedding