12.03.2020

Fünf Gemälde erzählen die Geschichte der Erfurter Brunnenkirche

Eine Räubergeschichte

Sie sind eine Art Comic des Barockzeitalters: Fünf Gemälde erzählen die Geschichte der Erfurter Brunnenkirche. Jahrelang waren sie verschollen, jetzt sind sie wieder da. Nach der Restaurierung werden sie neu präsentiert.

So wurden die Gemälde in Zusammenhang einst bis 1954 in der Brunnenkirche am Fischersand  präsentiert. Die damalige Rahmung ist nicht mehr vorhanden.    Fotos: Holger Jakobi

 

Die Auffindung der neun Hostien in der Nähe des Roßplatzes. Im Hintergrund dies alte Propstei und der Dom.

Erfurt am 14 August 1249. An der St. Martinskirche in Erfurt tut sich Ungeheuerliches. Ein Bildzyklus – der etwa in der Zeit von 1700 bis 1730 entstand – erzählt davon. Es ist die Legende zur Entstehung der heutigen Brunnenkirche. Bild eins zeigt einen Dieb beim Schmierestehen vor der Martinskirche. Ein anderer steigt über eine Leiter in die Kirche ein. Das Objekt der Begierde ist eine silberne Büchse. Auf dem Roßmarkt (seit 1876 Herrmannsplatz) stellen sie fest, dass sich im Inneren neun konsekrierte Hostien befinden. Dargestellt wird die Szene im zweiten Bild. Die Diebe erschrecken. Schließlich schütten sie die Hostien in einen Fischteich und laufen in den frühen Morgenstunden durch das Brühler Tor davon. Die nächste Darstellung zeigt den Dieb, der einst Schmiere stand, krank und sterbend im Bett. Ein Barfüßermönch nimmt ihm die Beichte ab. Seine Tränen hält der Ordensmann mit einem Tuch auf. Das vierte Bild schließlich widmet sich der Wiederauffindung der neun Hostien am 14. Januar 1250. Sie befinden sich in einem klaren Brunnen. Die Hostien sind trocken und unverletzt. Über dem Ort des Geschehens wird die Brunnenkirche gebaut. Sie ist im letzten Gemälde zu sehen.
Über Jahrzehnte wusste niemand, wo die fünf Bilder geblieben sind. Mit dem Umbau der Brunnenkirche zur Seminarkirche des Priesterseminars zwischen 1954 und 1956 waren sie spurlos verschwunden. Jetzt sind sie wieder in Erfurt. Mitgebracht hatte sie Rita Pierro-Kraus. Sie berichtet: „Auf einem Schutthaufen am Dom fand mein verstorbener Mann (in den 60er Jahren) mehrere aus dem Rahmen geschnittene Bilder mit den Motiven der Entstehungsgeschichte der Brunnenkirche. Diese waren stark verschmutzt, mehrfach beschädigt und als Abfall ausgewiesen. Mit Erlaubnis nahm mein Mann die Bilder an sich. Er zog sie auf Holzrahmen auf und rahmte sie neu. Seitdem begleiteten sie sein Leben.“ Testamentarisch legte Rüdiger Kraus fest, dass die Gemälde zurück nach Erfurt sollen.
Im Rahmen einer Pressekonferenz dankte Weihbischof Reinhard Hauke Frau Pierro-Kraus. Hauke erinnerte an Bischof Hugo Aufderbeck, der 1974 den ersten Regens des Priesterseminars, Prof. Erich Kleineidam wie folgt anfragte: „Lieber Herr Prälat! Sie kennen doch gewiss die Brunnenkirche noch aus ihrem Zustand vor der Renovation. Es gab dort ein großes Tafelgemälde. Dieses ist unauffindbar. Ist Ihnen bekannt, wo das Gemälde geblieben sein sollte?“ Eine Antwort des Regens, so der Weihbischof, findet sich in der Domakte nicht. Umso größer war seine Freude, als er die Nachricht von Rita Pierro-Kraus erhielt.
 

Rita Pierro-Kraus erfüllte die Bitte ihres verstorbenen Mannes und brachte die Gemälde zurück nach Erfurt. Weihbischof Reinhard Hauke zeigte seine Dankbarkeit mit einem Strauß Blumen.

 

Bilder sollen wieder gezeigt werden
Leider sind die Bilder – durch die unsachgemäße Lagerung nach ihrer Entfernung aus der Brunnenkirche – in keinem guten Zustand. Die Restaurierung wird zirka 18 000 Euro kosten, sagte Falko Bornschein, der Kunstgutbeauftragte des Bistums Erfurt. Es sei das Ziel, die Bilder in einigen Jahren wieder in der Brunnenkirche zeigen zu können. Allerdings ist die ursprüngliche Einrahmung mit den jeweiligen Bildbeschreibungen nicht mehr vorhanden. Falko Bornschein verwies in seinen Erklärungen auf die vielen Details der Darstellungen. Unter anderem ist eine Mauer zu sehen, die die Brunnenkirche vom benachbarten Walkstrom, einem Seitenarm der Gera, abgrenzte. Auch Bischöfliche Ordinariat, damals die Propstei, ist im Zustand der Zeit zu sehen. Ebenso die St. Martinskirche intra, die in der Nähe des Fischmarktes stand und 1736 abgerissen wurde. Somit sind die Bilder auch stadtgeschichtlich von Bedeutung.

Wer helfen möchte: Hohe Domkirche St. Marien zu Erfurt, Büro des Domkapitels, Domstraße 9 in 99084 Erfurt, E-Mail domkapitel@dom-erfurt.de

Von Holger Jakobi