17.09.2020

Gebet in traurigen Momenten

Beten oder besser nicht?

Wenn ein Arbeitskollege schwer erkrankt, eine Kegelschwester plötzlich stirbt, spüren Christen: Es wäre gut, jetzt miteinander zu beten. Aber oft ist auch die Unsicherheit groß, was die anderen wohl denken und wie es gehen könnte.

Eine Frau hat ihre Hände zum Gebet gefaltet.
Dafür braucht es Mut: ein Gebet am Arbeitsplatz, wenn etwas Schlimmes passiert ist.

Von Kerstin Ostendorf 

Einfach aufstehen und ein Gebet sprechen – nur wenige Christen sind so mutig. Gerade auf der Arbeitsstelle oder im Freundeskreis wollen wir uns und unseren Glauben nicht in den Mittelpunkt rücken und fürchten schräge Blicke. Dabei gibt es immer wieder Momente, in denen ein gemeinsames Gebet gut wäre, zum Beispiel wenn ein Arbeitskollege einen schweren Unfall hatte und niemand weiß, ob er wieder gesund wird. Oder wenn das Kind von Freunden schwerkrank ist. Oder wenn die Kegelschwester plötzlich stirbt. 

Das Gefühl, nicht zu wissen, ob ein Gebet gewünscht ist oder nicht, kennt auch Matthias Eggers, vor allem wenn er als Notfallseelsorger im Einsatz ist. „Wir wissen nicht, ob das, was wir als gläubige Christen gewohnt sind und was uns vertraut ist, auch das Richtige ist für Menschen, die trauern oder in einer schwierigen Situation sind“, sagt der Pfarrer aus Wolfenbüttel. Meistens führt diese Unsicherheit dazu, dass wir nichts machen.

Eggers erinnert sich an eine Familie, in der die Großmutter plötzlich gestorben war. „Sie war der Anker und hat alles zusammengehalten. Die Familie war erschüttert und dieser plötzliche Tod eine extreme Situation“, sagt er. Er empfand es damals als sehr schwierig, die richtigen Worte für die Trauernden zu finden – zumal er nicht wusste, wie religiös oder gar kirchenverbunden die Angehörigen waren. „Ich weiß aber noch, dass ich zumindest gefragt habe, ob wir gemeinsam ein Gebet sprechen möchten.“

Darauf kommt es an: mutig sein und sich einfach trauen, die Frage zu stellen. „Wir sind immer zu vorsichtig. Wir haben Angst, wir drücken dem anderen etwas auf, was er nicht will, und bleiben deshalb sprachlos“, sagt Eggers. „Dabei haben wir Christen den Auftrag, von unserem Glauben zu erzählen und danach zu leben.“Der Vorschlag zum Gebet müsse auch überhaupt nicht perfekt sein. „Diesen Druck, die richtigen Worte zu finden, sollten wir uns nehmen“, sagt Eggers. Es sei viel wichtiger, dass die Angehörigen oder die Freunde, mit denen man beten möchte, merken: Da meint es jemand gut mit mir. „Dann kann man schon gar nicht mehr viel falsch machen“, sagt der Pfarrer. 

Ein stilles Gebet oder ein Vaterunser

Eine Möglichkeit sei zum Beispiel, nicht ein Gebet vorzusprechen oder anzuleiten, sondern der Gruppe vorzuschlagen, dass jeder, der mag, für sich in Stille beten könne. Sowieso sei die Stille immer ein guter Einstieg in ein Gebet. „So nimmt man sich selbst die Aufregung und kann für sich Worte suchen, wenn man etwas vortragen möchte“, sagt Eggers. 

In solchen Situationen kann es auch hilfreich sein, das Vaterunser zu sprechen. „Viele Menschen kennen es. Das gibt Sicherheit und lässt im Gebet eine Gemeinschaft entstehen. Das ist oft berührend“, sagt Eggers, der dieses Gebet häufig in Trauergesprächen vorschlägt. „Die Angehörigen können eine Stunde lang vom Leben des Verstorbenen erzählen, aber wenn wir das Vaterunser sprechen, fließen oft die Tränen. Da bricht auf einmal etwas durch“, sagt er. „Das ist, als ob man im Herzen eine Tür aufmachen würde und die Menschen spüren: Das, was wir hier auf der Erde sehen, ist nicht alles. Es gibt noch etwas anderes.“ Das Gebet, auch nur das Stammeln einiger Worte, sei der Versuch, diese Tür für andere zu öffnen. „Und das tut den Menschen gut.“ 

Wer mag und es sich zutraut, kann aber auch spontan ein Gebet formulieren und frei vortragen. Ein Tipp von Pfarrer Eggers: das Zehn-Finger-Gebet. „Ich überlege mir fünf Dinge, für die ich dankbar bin, und fünf Dinge, um die ich Gott bitte“, sagt er. So erhalte das freie Gebet eine feste Form, die dem Sprecher Sicherheit gibt. „Dieses Gebet kann ich jeden Abend für mich beten, aber eben auch in schwierigen Situationen anwenden.“ Dann könne man Gott für die verstorbene Kegelschwester danken, mit der man so viele lustige Abende erlebt habe. Oder für den Kollegen, der so oft geholfen hat.

Es wäre gut, vorbereitet zu sein

Grundsätzlich braucht aber jedes Gebet Übung. „Ich glaube, dass es sich lohnt, sich auf solche Momente vorzubereiten“, sagt Eggers. Christen könnten sich fragen: Was kann ich sagen, wenn ich ein Gebet sprechen möchte? Welche Worte drücken meine Gefühle aus? „Es kann hilfreich sein, in die Psalmen zu schauen“, sagt Eggers. „Das ist ein riesiger Gebets- und Sprachschatz, den wir nutzen können.“ Dort wird geklagt, getrauert, Unsicherheit und Freude werden in starken Bildern ausgedrückt. Ein oder zwei Verse im Portemonnaie können in schwierigen Situationen eine gute Hilfe sein. 

Pfarrer Eggers hat keinen Tipp, der in traurigen Momenten immer hilft. „Ich muss auf mein Bauchgefühl hören, ob ein Gebet wirklich angebracht ist“, sagt er. Es müsse authentisch sein und dürfe nicht aufgesetzt wirken. In diesen Situationen seien manche vielleicht dankbar für ein Gebet, andere eher befremdet. „Aber vielleicht rührt es sie im Nachhinein doch an“, sagt Eggers.