23.05.2019

Gottesdienst für Vorschulkinder in Berlin

Applaus für Joseph

In Berlin wurde der traditionsreiche Gottesdienst für Kinder gefeiert, die den Kindergarten verlassen und eingeschult werden. Im Mittelpunkt stand in diesem Jahr ein berühmter biblischer Zimmermann.

Erzbischof Heiner Koch erklärt seinen Hirtenstab. | Fotos: Walter Wetzler

Es ist ist etwa viertel nach neun, als die ersten Kinderaugen die große Kirche bestaunen. Einige der Kinder waren noch nie in der Metropole. Allein die Anreise ist für manche schon ein großes Abenteuer gewesen. Aus allen Kitas, gleich ob sie aus Vorpommern oder dem Oderbruch sind, reisen sie zu dem großen Gottesdienst für die kleinen Schulanfänger. Kinder vom Lande und aus den Städten treffen sich und den Erzbischof. Sie bemerken, dass sie nicht allein sind und die Kirche groß, sowie vielfältig ist. Den Bischof haben die wenigsten bereits getroffen, höchstens sein Bild in der Kita gesehen.
Während einige der Kinder Mosaike an der Wand entdecken, überlegen einige Mädchen, wie viele Menschen wohl in die Kirche hinein passen. Was mag wohl in einem Kind vorgehen, das sonst nur das beschauliche Leben auf dem weiten Land kennt – Wälder, Felder, Wiesen – jetzt aber ist es mit der Bahn in die Großstadt gekommen. Die U-Bahn verschlingt die Kita-Gruppe, tief unter der Erde, zusammen mit vielen anderen hektischen Menschen. Endloses Wirrwarr von Rolltreppen, Straßen und großen gelben Bussen. Der Geruch der Millionenstadt. Helle Aufregung! Am Ende der Fahrt kommt es in eine riesige Kirche und trifft den Bischof – und auch viele andere Kinder.

Abwechslung für alte Gemäuer
In diesem Jahr ist der traditionsreiche Gottesdienst für die kleinen Katholiken zum ersten Mal im Berliner Wedding. Hier ist die Kathedra (der Bischofssitz) von Erzbischof Heiner Koch, da die in die Jahre gekommene St. Hedwigs-Kathedrale saniert wird.
Die Kleinen tragen grell-gelbe Warnwesten in der blassblauen Kirche. Eine echte Abwechslung für die alten Gemäuer. Während im Kirchenraum großer Trubel herrscht, ist es in der Sakristei noch still. Der Erzbischof wartet auf seinen Fahrer, welcher den hölzernen Bischofsstab – gut geschützt in einem Koffer – mitbringt. Die Wartezeit nutzt der Oberhirte, um auf einem einfachen Hocker in der Ecke ein kurzes, stilles Gebet zu halten. Das offenherzige Gesicht drückt viel Freude aus, er sagt in den Raum: „Die Kinder sind so lebendig, da springt wirklich der Funke über.“ Inzwischen ist der Krummstab zusammengesetzt und Erzbischof Koch ist fertig angekleidet. Für den Einzug hat er einen schlichten weißen Chormantel gewählt.
Ein grobes Stück eines Baumstammes steht neben einer Joseph-Statue auf dem Tisch. „Ist der Joseph aus Holz? Ich brauche etwas aus Holz, für meine Predigt!“, ruft der Erzbischof plötzlich. Das Thema des diesjährigen Kindergottesdienstes ist „Joseph der Zimmermann“.
Leicht verspätet beginnt der Gottesdienst. „Einfach Spitze, dass du da bist!“, singt die ganze Kirche mit fröhlichen jungen Stimmen. Unterstützt werden sie vom Musikerkollektiv Patchwork. Das ist ein loser Verbund von Musikern im Erzbistum. Der Würdenträger schreitet zum Einzug fast kumpelhaft durch die Kirche, die voll wuseliger Kinderseelen ist. Am Altar angekommen, steht Koch vor den erwartungsvollen Menschen und streift den Chormantel wieder ab. Die violette Mozetta (Schulterkragen) über dem Rochett ist angemessener. Zur Begrüßung fragt er die Kinder wo sie denn herkämen. Als die Kindergärten nach und nach aufgezählt werden, klatschen die Gruppen laut.

Hirtenstäbe und Kostüme
Bevor die Geschichte von der Flucht nach Ägypten in einem kleinen Schauspiel der Kita-Gruppen dargestellt wird, erklärt Koch seine hölzerne Insignie: „Man erkennt, dass ich ein Bischof bin, weil ich so einen Stab habe und der besteht aus Holz.“ Der Erzbischof berichtet noch, dass der Krummstab aus Hölzern aus Berlin, Brandenburg und Vorpommern gezimmert ist und Joseph vielleicht auch solche Gegenstände gemacht habe, denn er war schließlich ein Zimmermann.
Durch die seitlichen Kirchenfenster dringt buntes Sonnenlicht und Erzbischof Koch setzt sich zwischen die Kinder in die Bank, denn jetzt treten Kinder in selbst gemachten Kostümen in den Mittelgang der Kirche. Sie stellen den Pharao dar und wie Joseph und Maria gemeinsam mit Jesus vor Herodes flohen. Ganz ohne Hilfe schaffen die Fünfjährigen den Ablauf noch nicht. Unauffällig souffliert eine Erzieherin kleine Hinweise. Das Thema ist für die Kinder nicht uninteressant, wie eine Erzieherin später erklärt, denn einige der Kleinen sind ebenso mit ihren Eltern auf der Flucht gewesen.

Das Vaterunser wurde mit Gesten verstärkt.

Umfassende Vorbereitung auf Berlin
Nach Vollendung des Schauspiels beten alle mit musikalischer Untermalung das Vaterunser. Eigens dafür dachten sich die Pädagogen eine Abfolge von Bewegungen aus. Seit vielen Wochen schon beschäftigten sich die Kinder mit diesem Tag. Sie lernten Lieder, sprachen über die Geschichte von Jesus und übten das zentrale Gebet der Christenheit. „Weil Joseph so ein großartiger Mann war, klatschen wir jetzt alle für ihn!“, fordert der Erzbischof abschließend auf.
Der Blitz des Fotografen löst aus, denn als Andenken an den großen Ausflug machen die Kita-Gruppen alle noch ein Erinnerungsfoto mit Koch. Danach tapsen kurze, flinke Beine aus der Kirche im Wedding.
Nach einer Stunde ist die Kirche, die eben noch so mit trubeligem Leben gefüllt war, wieder leer. Die Stille stemmt sich gegen den schreienden Lärm von der geschäftigen Müllerstraße. Lediglich die schnellen Schritte des Küsters pochen durchs sakrale Gewölbe, dumpf fallen die schweren, hölzernen Portale zu.

Hintergrund: Tradition aus der DDR
Die Kinder sollten merken, dass sie nicht allein sind und wissen, dass ihre Heimatgemeinde in einer großen Weltkirche wirkt. 68 Kitas aus dem ganzen Erzbistum sind bei der diesjährigen Feier dabei. Weil die Kirche zu klein ist, wird der Gottesdienst an zwei Tagen gefeiert.

Von Patrick Pehl