09.09.2021

Berliner Tagung zu Kardinal Alfred Bengsch

Einheit für einen hohen Preis

Am 10. September vor 100 Jahren wurde Alfred Bengsch geboren. Wie der Berliner Bischof und Kardinal sein Bistum und die Kirche in der DDR geprägt hat, war Thema einer Akademietagung in Berlin.

Am 19. September 1961 wurde der neue Bischof von Berlin, Alfred Bengsch, in der Ostberliner Corpus-Christi-Kirche inthronisiert.    Foto: kna

 

Noch heute erinnern sich viele Berliner Katholiken an ihren Kardinal und meinen damit Alfred Bengsch, der von 1961 bis 1979 an der Spitze des heutigen Erzbistums stand. Sie erzählen von den Gute-Nacht-Liedern, die der Bischof selbst zur Gitarre im Jugendhaus in Alt-Buchhorst gesungen hat, oder von Begegnungen am Strand von Zinnowitz, wo er im St.-Otto-Heim regelmäßig seinen Urlaub verbrachte.
Aber es gibt auch den anderen Alfred Bengsch. Sein Nachfolger Joachim Meisner berichtet in seiner Autobiografie von einer Tagung der Berliner Bischofskonferenz, deren Vorsitzender Bengsch war. Wegen einer kirchenpolitischen Frage kam es zu einer Auseinandersetzung mit dem Erfurter Bischof Hugo Aufderbeck. Dabei ging Bengsch mit seinem Mitbruder so hart ins Gericht, dass dieser in Tränen ausbrach. Zwar versöhnte man sich hinterher und Bengsch bat Aufderbeck unter vier Augen auf Knien um Vergebung, doch zeigt diese Begebenheit, dass der Berliner Kardinal nicht nur den Kurs in seinem Bistum, sondern den Kurs der katholischen Kirche in der ganzen DDR bestimmte. Wenn es sein musste auch mit Härte.
Wer war Alfred Bengsch? Dieser Frage versuchten sich jetzt – anlässlich seines 100. Geburtstages am 10. September – Wissenschaftler bei einer Tagung der Katholischen Akademie in Berlin zu nähern. Bengsch ist bisher der einzige gebürtige Berliner, der an der Spitze des heutigen Erzbistums stand. Nachdem sein im Westteil der Stadt residierender Vorgänger Julius Döpfner es sich mit der DDR-Oberen verdorben hatte, wurde Bengsch Weihbischof und kümmerte sich vor allem um den Ostteil des Bistums, in den Döpfner nicht mehr einreisen durfte. Nach dessen Ruf als Erzbischof nach München wurde Bengsch sein Nachfolger – drei Tage nach dem Mauerbau am 13. August 1961. „Die nächsten 20 Jahre musste ich diesen Dienst des Bischofs von Berlin leisten, und hatte keine Ahnung, was dieser Dienst verlangt“, zitierte der Berliner Kirchenhistoriker Michael Höhle eine Erinnerung des späteren Kardinals.
Bengsch blieb im Osten wohnen. Den Westteil durfte er erst zehn, später 30 Tage im Quartal besuchen. Den Rat Döpfners, auf Westberlin zu verzichten, schlug er aus. Dabei wäre das nicht nur der DDR-Regierung recht gewesen. Auch mancher westliche Politiker und Kirchenvertreter, ja sogar der Vatikan unter Paul VI. spielten mit solchen Gedanken. Bengsch hielt an der Einheit des Bistums fest, wie die Historikerin Ruth Jung (Bonn) darlegte.

Bengsch und die Ostpolitik des Vatikan
Dabei ging es ihm nicht nur um Berlin, sondern um die katholische Kirche in der gesamten DDR. Vehement wehrte er sich gegen alle Bestrebungen, die ostdeutschen Jurisdiktionsbezirke, die zu westdeutschen Bistümern gehörten, zu eigenständigen DDR-Bistümern zu erheben. Damit stellte sich Bengsch gegen die vatikanische Ostpolitik, die offensichtlich bereit war, der DDR entgegenzukommen, wie der Salzburger Kirchenhistoriker Roland Czerny-Werner erläuterte. Er sei allerdings skeptisch, ob tatsächlich Verträge über die Bistumsgründung im Vatikan unterschriftsreif vorgelegen haben. Dem entgegnete Sebastian Holzbrecher (Kirchenhistoriker in Hamburg), dass es im Paderborner Diözesanarchiv den Entwurf einer Predigt zur Gründung eines neuen Bistums Magdeburg gebe. Die Pläne jedenfalls zerschlugen sich durch den Tod Pauls VI. und die Wahl von Johannes Paul II., der als Pole die Verhältnisse im Ostblock besser kannte als seine Vorgänger.
Die Ostpolitik war nicht der einzige Punkt, der zu Auseinandersetzungen zwischen Bengsch und seinem Vorgänger Döpfner führte. Auch in Fragen der Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils waren die beiden teils unterschiedlicher Meinung, so der Kirchengeschichtler Stephan Mokry (Freising).

 

So manche Anekdote rankt sich um Alfred Bengsch: Im Jugendhaus in Alt-Buchhorst oder im St.-Otto-Heim in Zinnowitz griff er schon mal selbst zur Gitarre, um ein Gute-Nacht-Lied zu singen.    Foto: Richard Rupprecht

 

Dem Konzil stand Bengsch insgesamt positiv gegenüber. Besonders die Liturgiereform hat er durch einen liturgischen Kongress und breit angelegte Aktionen im Bistum wie Modell-Gottesdienste und Artikel in der Kirchenzeitung gefördert, so der Berliner Liturgiewissenschaftler Christopher Tschorn.
Probleme hatte Bengsch mit einem anderen Konzilstext. Er gehört zu den wenigen Bischöfen, die bei der Abstimmung über die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ über die Kirche in der Welt von heute mit Nein gestimmt haben. Das vom Konzil geforderte Engagement der Christen in der Gesellschaft war aus Bengschs Sicht unter sozialistischen Bedingungen nicht praktikabel, für die Kirche insgesamt wie für den einzelnen Christen vielleicht sogar gefährlich. Nicht umsonst praktizierte Bengsch vom Beginn seiner Amtszeit an „politische Abstinenz“, die er auch der gesamten katholischen Kirche in der DDR verordnete. Er selbst umschrieb das Prinzip salopp mit: „Der Christ sitzt in der Löwengrube. Er wird den Löwen aber weder streicheln noch am Schwanz ziehen.“ Zwar wurde Bengsch in internen Gesprächen mit den DDR-Machthabern deutlich, öffentlich aber hielt er sich in Ost wie in West mit politischen Äußerungen zurück. Andernfalls, so befürchtete er, könne es den Machthabern gelingen, einen Keil in die Kirche zu treiben, wie etwa in der ČSSR mit den staatsnahen Pax-Priestern.
Wie der Erfurter Kirchenhistoriker Martin Fischer zeigte, war diese Position auch Hintergrund für die Konzilsrezeption in der DDR und bei der DDR-weite Pastoralsynode. Vor allem bei den Themen „Der Christ in der Arbeitswelt“ und „Dienst der Kirche für Versöhnung und Frieden“ hieß es: Bestimmte Themen könne man nicht so ansprechen, wie man gerne wolle. Auch wenn die Pastoralsynode heute weitgehend als „vergessene Synode“ gilt und viele ihrer Ergebnisse nicht umgesetzt wurden, so haben doch einzelne Beschlüsse Spuren in der nachfolgenden Geschichte der katholischen Kirche in der DDR hinterlassen: Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Ehe und Familie“ habe dazu geführt, dass die katholische Kirche ihr Engagement in diesem Bereich deutlich ausgeweitet hat. Eheberatung oder Ehevorbereitungskurse sind Stichworte dafür. Und die Beschäftigung mit dem Friedensthema habe letztlich mit den Weg bereitet für das Engagement der Katholiken bei der DDR-weiten Ökumenischen Versammlung in der 1980er Jahren.

Deutliche Kritik am Bengsch-Kurs
Bengsch war sich durchaus bewusst, dass sein Kurs zwar von vielen mitgetragen wurde, dass es aber auch Kritik gab: „Es mehren sich die Stimmen, die nach einem Engagement der Katholiken im gesellschaftlichen und  politischen Leben rufen.“ Kritik kam von einzelnen Priestern insbesondere aus der Jugendarbeit und der Akademikerseelsorge und von Laien wie dem Aktionskreis Halle (AKH). Dennoch hielt Bengsch kompromisslos an seinem Kurs fest, weil er die Einheit der Kirche für überlebenswichtig hielt. Und wenn es sein musste, konnte er auch hart gegen diejenigen vorgehen, die den Kurs nicht mittrugen. Ein Beispiel ist der Magdeburger Weihbischof Friedrich Maria Rintelen, für dessen Emeritierung Bengsch sorgte, weil er kirchenpolitisch untragbar sei.
Theologisch war Bengsch wohl kein konservativer Hartliner. Von Adolf Brockhoff, ein dem AKH nahestehender Priester, stammt die Einschätzung: Wenn Bengsch nicht Bischof geworden wäre, wäre er auch im Kreis progressiver Theologen gut aufgehoben gewesen.
Bengsch sei ein Mensch mit vielen verschiedenen Facetten, so lautete am Ende der Tagung ein Fazit von Sebastian Holzbrecher. „Wir sollten diese Facetten nebeneinander stehen lassen“, war sein Appell.
Eine Facette kam bei der Tagung allerdings nicht zur Sprache: die Frage des Umgangs des Bischofs Alfred Bengsch mit Fällen sexuellen Missbrauchs in seinem Bistum. Hier gibt es auf der Grundlage der vom Erzbistum kürzlich veröffentlichten Missbrauchsstudie durchaus noch Forschungsbedarf.

Von Matthias Holluba