08.06.2018

Gemeinden neues Leben einhauchen

Vom Konsumenten zum Jünger

Wie kann es angesichts größer werdender Pfarreien gelingen, den Gemeinden neues Leben einzuhauchen? Um diese Frage ging es bei einem „Erlebnistag“ des Beratungsunternehmens „Pastoralinnovation“.

Tom Corcoran, Pfarrer Micheal White und Georg Plank. | Foto: Alfred Herrmann
 
„Es erhob sich auf dem See ein gewaltiger Sturm, sodass das Boot von den Wellen überflutet wurde. Jesus aber schlief. Da traten die Jünger zu ihm und weckten ihn; sie riefen: Herr, rette uns, wir gehen zugrunde! Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen?“ – Mit dem Sturm auf dem See Genezareth aus dem Matthäus-Evangelium (8,23-27) leitet Georg Plank in einen wahren Hoffnungstag ein. Er vergleicht das wild schaukelnde Boot und die hektisch agierenden Jünger mit der Krise der Kirche heute: dem Rückgang der Gottesdienstbesucher, der schwindenden Relevanz des Glaubens in der Gesellschaft, der Mutlosigkeit der Pfarreien, auf Menschen zuzugehen. Der Pastoraltheologe aus Graz verbreitet Hoffnung: „Vielleicht gibt uns diese Zeit die Chance, als Kirche so zu werden, dass die Menschen wie in diesem Evangelium sagen: ,Was sind denn das für Leute, dass ihnen sogar die Winde und der See gehorchen?‘“
 
Perspektive des Wachstums aufzeigen
Plank leitet das Beratungsunternehmen „Pastoralinnovation“ und hat mit seinem Team in den Saal der Berliner Stadtmission zum „LIVT-Erlebnistag“ eingeladen – nach Frankfurt und München der dritte und letzte Stopp in Deutschland. LIVT steht für Leben, Inspirieren, Vitalisieren, Transformieren. Bereits mit dem ersten Takt, den die fünfköpfige Band anstimmt, vermitteln die Veranstalter: „Pastoralinnovation“ möchte sich nicht abfinden mit dem Rückgang, sondern eine Perspektive des Wachstums aufzeigen. Als beredtes Beispiel stehen an diesem „Erlebnistag“ die Gäste: Pfarrer Michael White und Tom Corcoran aus den USA, die bereits in ihrem erfolgreichen Buch „Rebuilt“ vom nachhaltigen Neuaufbruch ihrer Pfarrei berichtet haben.
Hoffnung auf eine neue Blüte der Pfarrei, das verbindet die rund 30 Teilnehmenden. Sie kommen aus Gelsenkirchen, Leipzig, Marburg, Dresden und Berlin. „Wir spüren, dass es Zeit ist, raus zu gehen und unseren Glauben zu teilen, aber wir wissen nicht wie“, meint Martina Berlin von der Gemeinde St. Matthias in Berlin-Schöneberg. „Wir wollen uns motivieren lassen, für unseren Weg der Erneuerung“, formuliert Matthias Patzelt, Pfarrer von Heilige Dreifaltigkeit in Brandenburg an der Havel, seine Erwartungen an den Tag. „Wir suchen Inspiration und möchten einfach mal hören, wie sich andere positiv entwickeln“, erklärt Klemens Saket, der mit drei weiteren Mitgliedern der Pfarrei St. Laurentius aus Leipzig angereist ist.
Ein solch inspirierendes Beispiel bieten Pfarrer White und Tom Corcoran von der katholischen Church of Nativity in Timonium im US-Staat Maryland. Auch sie erlebten die Krise der Pfarrei. Mit viel Energie und unzähligen Angeboten bemühten sie sich zunächst, dagegen anzukämpfen. Eine Falle, berichten sie von ihrem Scheitern. „Die Menschen in unseren Kirchenbänken verstanden sich als Konsumenten und wir versuchten, sie zu bedienen. Damit formten wir noch unersättlichere Konsumenten“, bekennt White. „Wir haben einfach gemacht, statt uns zu fragen: Warum gibt es diese Pfarrei? Warum bin ich überhaupt hier? Was ist das Warum der Kirche?“
 
Große Probleme – viele kleine Lösungen
Die Antwort fanden sie in der Heiligen Schrift, erzählt Corcoran: Statt aus den Kirchenbesuchern fordernde Konsumenten zu kreieren, gelte es, aus den Menschen, Jünger Jesu zu machen. Um zu lernen, besuchten die beiden als erstes erfolgreiche Gemeinden. „Wir haben dabei begriffen: Es ist ein lähmender Fehler, zu denken, große Probleme brauchen große Lösungen. Große Probleme brauchen viele kleine Lösungen, die auch umgesetzt werden können“, hebt Corcoran hervor.
White und Corcoran geben Einblick in drei zentrale Aspekte ihres erfolgreichen Weges. Erstens lenken sie ihre Aufmerksamkeit von den aktiven Kirchenmitgliedern auf jene, die nicht in der Kirche anzutreffen sind. „Die große Zahl an unkirchlichen Menschen beinhaltet das größte Potenzial, als Pfarrei wieder zu wachsen“, gibt sich Pfarrer White pragmatisch. Zweitens konzentrieren sie sich mit ihrem Angebot auf die Messen am Wochenende. „Wenn wir die Zeit nicht würdigen, die uns die Menschen am Wochenende schenken, würdigen sie uns unter der Woche ebenfalls nicht“, betont Corcoran und spricht vom „Wochenenderlebnis“. Drittens begleiten sie die Gottesdienstbesucher auf einem fünfstufigen Weg vom Konsumenten zum Jünger.
„Wir wollen helfen, dem Heiligen Geist einen Landeplatz zu bereiten“, geht Plank am Ende des Erlebnistages auf das Angebot seiner Beratungsfirma „Pastoralinnovation“ ein. Gemeinsam mit der Medien-Dienstleistung GmbH (MDG), einer Unternehmensberatung der Deutschen Bischofskonferenz, offeriert sie das „LIVT“-Programm, drei Beratungsangebote zur Vitalisierung von Gemeinden. Die österreichischen Pastoralprofis hätten sich dazu intensiv mit den zahlreichen Ideen der modernen Pastoraltheologie befasst, praktische Beispiele nachhaltig wachsender Gemeinden studiert und schließlich aus dieser Vielzahl der pastoralen Möglichkeiten zentrale Wachstumsaspekte destilliert, meint Plank.
Mit diesem Knowhow möchten Pastoralinnovation und MDG nun Gemeinden dabei unterstützen, ihren Weg des Wachstums zu entdecken. Im Prospekt heißt es vielversprechend: „Lernen Sie die entscheidenden Wachstumsfaktoren kennen.“ Oder: „Wir führen mit Ihnen ,Acht Bausteine‘ der Vitalisierung ein“. Das Ganze hat natürlich seinen Preis, wie bereits der Erlebnistag. Auch in pastoralen Fragen bleibt eben guter Rat teuer.

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Von Alfred Herrmann