04.06.2020

Kleine Kunstwerke verschönern Wartezeit

Die Steinschlange am Teich

Mancherorts bemalen kleine und große Menschen in diesen Tagen eifrig Steine. Reich verziert, sollen sie die Wartezeit verschönern, bis die Corona-Krise ausgestanden ist – wie zum Beispiel in einem Park in Leipzig.

Einige Steine zeigen religiöse Motive: Dieser Gott-Stein soll das Vertrauen auf den Schöpfer zum Ausdruck bringen.    Fotos: Uta Jungmann

 

„Ein Marienkäfer, und da, noch einer,“ ruft die Kleine begeistert ihrer Mutter zu und zeigt auf den Boden. Die Käfer tummeln sich zwischen Blumen, Fröschen, Schutzengeln und dem Sandmann – auf bunt bemalten Kieseln im Leipziger Arthur-Bretschneider-Park. Um den Teich herum, dicht an dicht, schmiegen sich dort die Kunstwerke aneinander. Knapp 400 Meter Umfang hat der Teich, und bald soll ihn eine bunte Steinschlange ganz umschließen – jeden Tag ein bisschen mehr.
An verschiedenen Orten in Sachsen gedeiht derzeit solch steinernes Getier: Ob am Elbradweg in Dresden oder auf einem Brückengeländer in Grimma – vielerorts räkeln sich die Schlangen. Im Leipziger Park haben die beiden Muttis Janine Otto und Sylvie
Goettsching den Kiesel dafür ins Rollen gebracht. „Wir wollten unsere Kinder beschäftigen“, sagen die Nachbarinnen. „Der Jüngste ist ein Jahr alt, die anderen beiden drei und fünf.“ Sonst waren die Spielplätze im Park ihr liebstes Ausflugsziel, doch die hatten ja zu. „Wir wollten etwas anstoßen, was auch andere im Park freut, und wo jeder mitmachen kann“, bemerkt Janine Otto. Als die Erzieherin und ihre Nachbarin mit den Kindern und den ersten 15 bemalten Steinen vor dem großen Teich standen, fragten sie sich freilich schon, ob das zu schaffen sei, einmal rund zu kommen. „Doch es ist unglaublich, wie viele auf unseren Aushang hin gleich mit malten“, schwärmen sie.
 
Das Gefieder der Eule ist mit besonders feinem Pinselstrich gezeichnet.
 
Symbol für das Warten auf das Corona-Ende
Zur großen Kette vereint, zeigen die bunten Steine den Betrachtern im Leipziger Park zugleich an, wie lange sich das Warten in der Corona-Schleife zieht. Mancher verewigt seine Gedanken dazu auf den Steinen – Nachdenkliches wie „Ich liebe das Leben, aber nicht Corona“ bis hin zum beschützenden „Der Herr ist bei Euch“ ist darauf zu lesen.
Die Steinschlange ist auch im Internet zu sehen. Göran Nitsche dokumentiert sie auf seiner Facebook-Seite „Leipzig-Eutritzsch“, wie der Ortsteil im Norden der Stadt heißt. In fünf Wochen ist die Schlange auf mehr als 200 Meter angewachsen: Teils mit aufwendig gestalteten Steinen – etwa eine Eule mit dichtem Gefieder oder einem blühenden Baum. „Ein schönes Projekt“, schwärmt ein Pärchen beim Betrachten der Miniatur-Galerie zu ihren Füßen. Eine Dame mit silbernem Haar-Dutt und krummen Rücken bückt sich, um die Steine genauer zu betrachten. „Wie in einer Ausstellung“, lobt sie. Wie sehr die Leute die Steinschlange mögen, zeigt sich auch daran, dass sie nicht zerstört wird. „Die schöneren Steine werden zwar ab und an weggeschnappt“, klagt Göran Nitsche. „Aber insgesamt flößt das Gemeinschaftswerk Respekt ein.“ Für die Leute steht die Schlange für den Zusammenhalt in der schwierigen Zeit, sind die Ideengeberinnen Otto und Goettsching überzeugt. So viele hätten sich Mühe gegeben, ihre Mitmenschen mit etwas Farbe auf grauem Stein aufzumuntern – so sei die Schlange zu einem Zeichen des Miteinanders geworden.
 
Kinderpost für Heimbewohner
Neugierig schaut auch ein Steppke auf dem Dreirad vorbei, ob seine Steine noch liegen. „Schau mal, sieben Stück“, zählt der Vater ihm vor. „Deine Autoschlange ist ganz geblieben, und heute Mittag kannst du ein paar Autos dazu malen.“ Er lächelt die zufällig neben ihm stehende Spaziergängerin an. „Wir schauen jeden Tag, wie weit die Schlange gewachsen ist“, berichtet der Vater. Sein Sohn wolle immer vorgezählt bekommen, wie viele Steine dazu gekommen seien. „Da ist ruckzuck eine Stunde im Park weg.“
Auch Heide Reinhold-Wolf, Ergotherapeutin im Malteserstift St. Mechthild, ist beim Spaziergang auf die bunte Schlange gestoßen. Sie fotografierte die Steine, erklärte den Heimbewohnern die Idee dahinter und fragte, ob sie malen möchten. Sechs Frauen begeisterten sich sofort dafür, obwohl die Feinmotorik an ihren Händen eingeschränkt ist. „Doch ich habe die rote Farbe auf meinen Stein bekommen“, schildert die 88 Jahre alte Gerda Kutzner stolz. Früher war sie Vorarbeiterin in einer Brotfabrik. „Rot liebe ich; das ist so schön lebendig“, ergänzt sie. „Unsere Ergotherapeutin hat es noch mit ein paar Pünktchen verschönert.“ Die Leipzigerin freut sich, wenn sie am Rollator wieder in den Park darf und die Schlange zu sehen bekommt. „Hoffentlich bleibt sie solange dort liegen“, sagt Kutzner.
Noch müssen sie und die anderen Heimbesucher darauf warten, auch auf regelmäßigen Besuch wie in Vor-Corona-Zeiten: Das schlägt manchem aufs Gemüt und im Haus auf die Stimmung. Umso mehr freuen sich die Menschen im Stift über die Post, die sie seit der Malaktion bekommen. Denn Ergotherapeutin Reinhold-Wolf hatte noch einen Einfall: Sie hinterließ am Parkteich eine Botschaft, berichtete von den Mitmalern im Heim und davon, dass sie sich über ein Grußkärtchen freuen würden. „Die Resonanz war kolossal“, schwärmt Gerda Kutzner. In drei Wochen sind rund 25 Kärtchen angekommen, zudem ein paar lange Briefe, ein 50-Euro-Schein für Eis, ein Blumenstrauß und ein musikalischer DVD-Gruß mit Volksliedern sowie ein ganzes Paket mit einer Karte für jeden Heimbewohner, mit einem Gedicht oder Rätsel. „Die haben wir alle gelöst“, sagt Stiftsbewohnerin Kutzner.
 
Die Steinschlange soll auf rund 400 Meter Länge wachsen.
 
Am meisten gefreut hat sie sich über die Karten von Erst- und Zweitklässlern, mit selbst gemalten Bildern, krakeliger Schrift und der Anrede „Liebe Omas, liebe Opas, was macht ihr denn so?“. „Wir haben alle Enkel und Urenkel, die wir gerade nicht sehen können“, sagt sie. „Da tröstet so schöne Kinderpost ein wenig.“ In ihren Antworten an die Kleinen berichten die Alten von ihrem Gedächtnistraining, der Gymnastik, dem Garten und wie sehr sie ihre Familien vermissen. „Umgekehrt fragen wir die Kinder, wie es ihnen ohne die Freunde geht und mit dem zuhause Lernen“, berichtet Gerda Kutzner. „Eben alles, was Omas so wissen wollen.“
Dank der Steinschlange und der vielen Post hat sich unter den Heimbewohnern der Eindruck verbreitet, nicht vergessen zu sein. „Gerade jene, die für 14 Tage zur Quarantäne in ihrem Zimmer bleiben müssen, spüren – sie sind doch nicht so allein“, bemerkt Ergotherapeutin Reinhold-Wolf. Oma Kutzner fügt hinzu: „Für die Schlange haben viele Kinder und Muttis gemalt; wir alle haben etwas Schönes gemacht aus dieser tristen Zeit.“
 
Von Uta Jungmann