07.10.2021

Ausstellung „Mit Bibel und Spaten“ in Magdeburg

Prägend für die Region

In Magdeburg erinnert die Ausstellung „Mit Bibel und Spaten“ an die Gründung der Prämonstratenser vor 900 Jahren. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Wirken des Ordens im mittel- und nordostdeutschen Raum.

Auf 750 Quadratmetern werden in der Ausstellung „Mit Bibel und Spaten“ 164 Exponate wie Gemälde, Drucke, liturgische Gewänder, Monstranzen, Reliquiare und andere liturgische Geräte gezeigt, darunter ein Gemälde des heiligen Norbert von Peter Paul Rubens oder das Brandenburger Evangelistar.    Foto: Eckhard Pohl

 

Magdeburg, Brandenburg, Quedlinburg, aber auch Havelberg, Ratzeburg oder Broda (Neubrandenburg) sind Orte, in denen hierzulande Prämonstratenser wirkten. Vor 900 Jahren, zu Weihnachten 1121, entstand die erste Niederlassung des Reform-Ordens im nordfranzösischen Prémontré. Mit einer Sonderausstellung erinnert das Kulturhistorische Museum in Magdeburg an die lange Geschichte der Prämonstratenser. In der Elbestadt wurde 1126 deren Gründer, Norbert von Xanten (um 1082-1134), Erzbischof und etablierte die Gemeinschaft in der Region. Heute sind wieder vier der Chorherren in Magdeburg als Seelsorger tätig.
 
Kopfreliquiar Johannes des Evangelisten. Die Bronzeskulptur war eine Schenkung Kaiser Friedrich Barbarossas an seinen Taufpaten Otto von Cappenberg. Cappenberg gehörte 1124 zu den frühen Klostergründungen.    Foto: Stephan Kube/khm
Monstranz aus Gurkenbüchsen-Weißblech, teils vergoldet. Das Schaugefäß wurde von seit 1950 inhaftierten Geistlichen im Kloster Želiv (Selau) verwendet. Das Kloster war zum Internierungslager gemacht worden.    Foto: Kloster Želiv/khm

Magdeburg wurde zum zweiten Prémontré
„In vielfältiger Weise haben die Prämonstratenser die ihnen zuerkannte Landschaft kulturell, wirtschaftlich und baulich bis heute spürbar beeinflusst und nachhaltig geprägt“, sagt die Direktorin der Magdeburger Museen, Gabriele Köster, im Blick auf das Gebiet der einstigen Sächsischen Zirkarie des Ordens. Denn die Ausstellung beleuchtet die gesamte Ordensgeschichte, legt aber einen Schwerpunkt auf das Gebiet zwischen Elbe und Oder.
Unter der Überschrift „Neuanfang in Magdeburg“ etwa geht es in einem Teil um Norberts Wirken als Erzbischof und Ordensmann im damaligen Sachsen und Richtung Osten. Unter den Exponaten erinnern zum Beispiel vier Bodenfliesen aus dem Magdeburger Kloster Unser Lieben Frauen daran, dass Norbert das Kloster 1129 in ein  Prämonstratenserstift umwandelte, das sich neben Prémontré zu einem zweiten Zentrum der Chorherren entwickelte, sagt Sascha Bütow, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Mittelalterausstellungen in Magdeburg und mit dem Korrespondenzortprojekt der Ausstellung befasst. Ein ebenfalls ausgestellter, zwischen 1130 und 1140 gefertigter Bronze-Fuß eines Standkreuzes trägt eine Inschrift, die auf Norbert als Auftraggeber verweist. „Es ist das einzige Objekt, das direkt mit seiner Person in Verbindung gebracht werden kann“, so der Historiker.
Andere Ausstellungsstücke verweisen auf die Ordensniederlassungen in Jerichow, Havelberg, Brandenburg, Ratzeburg ..., die von Magdeburg ausgehend gegründet wurden. Sie und weitere einstige Wirkungsstätten der Chorherren beteiligen sich jetzt unter dem Motto „Das Erbe der Prämonstratenser“ als Korrespondenzorte an der Sonderausstellung und können besucht werden.
Norbert wollte in einer Zeit großer Umbrüche zurück zu einem Leben und Glauben wie zur Zeit der Apostel. Mit diesem Anliegen sammelte der junge, charismatisch begabte Wanderprediger aus adliger Familie gleichgesinnte Männer und Frauen um sich. Für die Lebensgestaltung wählte er die strenge Fassung der Augustinusregel. In einem Teil der Ausstellung wird das Entstehen der Orden im Mittelalter allgemein und der Prämonstratenser im Besonderen thematisiert.

 
Wechselvolle Geschichte des Reformordens
Die ersten Prämonstratenserklöster entstanden in Nordfrankreich, im belgisch-niederländischen und westfälischen Raum, aber auch im mittel- und norddeutschen Raum, nachdem Norbert dort Erzbischof geworden war. Die Prämonstratenser hier kümmerten sich um die Ausbreitung des Glaubens auch unter den Slawen und prägten Landschaft und Kultur. An den Bischofssitzen Havelberg, Brandenburg und Ratzeburg bildeten sie zeitweise nur aus ihren Mitbrüdern bestehende Domkapitel und stellten einige der Bischöfe, so Historiker Bütow.
Sascha Bütow vom Zentrum für Mittelalterausstellungen.    Foto: Eckhard Pohl

Diese frühen Phasen, aber auch die weitere Geschichte kommen in der Ausstellung zur Sprache. Die Themen reichen von den Armutsidealen der Prämonstratenser und vielen Schenkungen über die christliche Mission zwischen Elbe und Oder, die Reformationszeit mit dem Ende vieler Klöster, die darauf folgende geistige Erneuerung und barocke Blüte bis in die Gegenwart. Es geht um das Aus für viele Klöster in Folge der Französischen Revolution
und der Säkularisation. Von rund 250 Ordenshäusern in Europa überlebte nur gut ein Dutzend vor allem in Böhmen und Österreich. Als neues Zentrum etablierte sich nach der Auflösung von Prémontré im Jahr 1790 Kloster Strahov in Prag, wo seit 1627 die Gebeine des heilig gesprochenen Ordensgründers Norbert ruhen. In der Ausstellung erinnert unter anderem die Gitterkapelle, die einst die Grablege Norberts in Strahov umgab, daran.
Auch die schwierige Situation im 19. und 20. Jahrhundert ist Thema. Im Zuge der Auswanderungswellen ließen sich erstmals 1810 Prämonstratenser aus Belgien in Nordamerika nieder. Später gingen Ordensleute zum Beispiel nach Lateinamerika, Indien und Afrika. In der Ausstellung geht es unter anderem um die aus heutiger Sicht kritisch zu bewertende Missionsarbeit in belgisch Kongo. Aber auch schwierige Neuaufbrüche in Deutschland werden thematisiert. Zudem wird über die leidvolle Geschichte in der sozialistischen Tschechoslowakei informiert, wo viele Ordensleute inhaftiert wurden.

 
v.l.: Kreuzfuß mit Erwähnung Norberts, Teile eines romanischen Frieses und Kacheln (Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg).    Foto: Eckhard Pohl

 

Ganz am Ende ist noch einmal Mitteldeutschland im Blick: Seit 1982 ist Norbert Patron des Magdeburger Landes, seit Gründung des Bistums Magdeburg 1994 der Diözesan-Patron. Nur hier wird Norbert ikonografisch mit einem Spaten gezeigt. Die ursprüngliche Grablege Norberts in der Kirche des Klosters Unser Lieben Frauen wurde neu gestaltet. Seit 1991 sind wieder Prämonstratenser in Magdeburg. Derzeit entsteht ein neues Klostergebäude.

Geöffnet: Di bis Fr, 10 bis 17 Uhr, und Sa und So, 10 bis 18 Uhr. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Führer erschienen. Ein Heft stellt die Korrespondenzorte vor. Die Ergebnisse einer Tagung zur Ausstellung hat der Mitteldeutsche Verlag Halle 2021 vorgelegt: Claus-Peter Hasse, Gabriele Köster und Bernd Schneidmüller (Hg.): „Mit Bibel und Spaten. 900 Jahre Prämonstratenser-Orden“, ISBN 978-3-96311-564-6; Preis: 48 Euro
 
Von Eckhard Pohl