07.02.2020

Unter den Teilnehmern der Synodalversammlung in Frankfurt/Main waren auch eine Reihe Vertreter der ostdeutschen Bistümer.

Auf dem Weg ins Ungewisse

Unter den Teilnehmern der Synodalversammlung in Frankfurt/Main waren auch eine Reihe Vertreter der ostdeutschen Bistümer. Der Tag des Herrn hat einige nach ihren Eindrücken gefragt.

Zum ersten Mal hat in Frankfurt/Main die Synodalversammlung getagt. Unter den Teilnehmern sind auch die ostdeutschen Bischöfe sowie Priester und Laien aus den Ost-Bistümern. Mit welchen Eindrücken sie zurückgekehrt sind, schildern sie im folgenden Beitrag. - Foto Harald Opitz /kna

Von Matthias Holluba
Mit vielfältigen Eindrücken sind die ostdeutschen Teilnehmer der Synodalversammlung in Frankfurt/Main zurückgekehrt (Berichterstattung Seiten 1 und 2). Besonders beeindruckt zeigten sie sich von der Offenheit und dem Freimut, mit dem die in der Kirche bestehenden Probleme angesprochen wurden. „Ich habe eine Synodalversammlung erlebt, in der offen und ehrlich gesprochen wurde. Alle sind sich der hohen Verantwortung bewusst“, sagt Martina Breyer vom Diözesanrat Dresden-Meißen. Regina Masur vom Katholikenrat im Bistum Magdeburg ist beeindruckt vom fairen Meinungsaustausch: „Es gab keine Tabuthemen. Jeder, der es wollte, ist zu Wort gekommen.“ Man habe aufeinander gehört – auch bei unterschiedlichen Auffassungen.
Der Theologe Eberhard Tiefensee, der für den Priesterrat des Bistums Dresden-Meißen an der Versammlung teilnimmt, gesteht eine anfänglich Skepsis: „Aber ich habe gespürt: Der Pfingstgeist war zweifellos gegenwärtig. Besonders nehme ich den Eindruck großer, auch spiritueller Ernsthaftigkeit mit. Alle sind sich bewusst, dass dringend etwas konkret passieren muss und nicht nur geredet werden darf. Wir sind Volk Gottes auf dem Weg ins Unbekannte und wissen, dass es schwer werden wird.“ In seiner Beurteilung, die erste Synodalversammlung sei ein wirklich geistliches Ereignis gewesen, stimmt er mit vielen anderen Teilnehmern überein.


Nicht hierarchisch, sondern alphabetisch
Eindrücklich war die Erfahrung, dass Bischöfe und Laien sich gemeinsam auf den Weg machen. Nicht nur für den Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr kam das sehr beeindruckend in der alphabetischen Sitzordnung zum Ausdruck. Martina Breyer verweist auch auf den gemeinsamen Einzug aller Synodalen – Bischöfe, Priester und Laien – beim Eröffnungsgottesdienst. Dennoch habe er deutlich die tiefen Gräben gespürt, die die Vorfälle des Missbrauchs in der Kirche in verschiedener Hinsicht – Machtmissbrauch, sexueller Missbrauch, geistlicher Missbrauch – verursacht haben, sagt der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt.
Die Erfurter Theologin Julia Knop ist froh, dass es keine Zensur im Kopf gab, sondern viel Freimut und eine gute Debattenkultur: „Das war nicht selbstverständlich, zumal unter den Delegierten viele kirchliche Mitarbeiter sind, die alle ihren Dienstvorgesetzten im Raum wussten. Man hat einander nicht geschont, sondern sich einander zugemutet. Dazu braucht es Mut und da muss sich jeder persönlich investieren. Dass das so viele, gerade auch viele Frauen, getan haben – mit ihrem Glauben an Gott und ihrem Leiden an der Kirche, mit ihrer Empörung und ihrer Hoffnung – zeigte, wie viel ihnen Glaube und Kirche immer noch bedeuten.“


„Wie bisher können wir nicht weitermachen …“
Dass der Synodale Weg schwierig wird, sogar die Gefahr des Scheiterns besteht, ist den Befragten bewusst. Es gäbe aber angesichts des massiven Vertrauensverlustes keine Alternative. „Ich bin mit viel Freude und Hoffnung zu dieser Tagung gekommen und habe sie auch danach nicht verloren. Es wird kein einfacher Weg sein“, sagt Regina Masur. Aber der eingeschlagene Weg müsse fortgesetzt werden. Er müsse aufzeigen, „dass wir wie bisher nicht mehr weiter machen können“. Dabei komme es nicht nur auf die Delegierten an, sondern „auf jeden, dem die Kirche am Herzen liegt“.
Dass es auf jeden Einzelnen ankommt, unterstreicht auch Bischof Ipolt: Ein Neuanfang und ein Wiedergewinnen des Vertrauens sei „nur durch Umkehr möglich – und die muss bei jedem persönlich beginnen. Das erhoffe ich mir vom Synodalen Weg, weil es letztlich das ist, was uns Papst Franziskus mit dem Stichwort ,Evangelisierung‘ ans Herz gelegt hat.“ Zugleich weist er auf die Probleme hin, die unterschiedliche Kirchenbilder mit sich bringen.
Angesichts dieser unterschiedlichen Vorstellungen von Kirche, stehen für Bischof Neymeyr die Bischöfe vor einer besonderen Herausforderung: „Die Aufgabe der Bischöfe besteht nicht nur darin, ihre Bistümer zu leiten, sondern sie auch in Gemeinschaft mit der katholischen Weltkirche und dem Papst zu halten. Ich fürchte, dass es Enttäuschungen geben wird, wenn die Gemeinsamkeit mit der Weltkirche als Einschränkung der Gestaltungsmöglichkeit gesehen wird. Daher halte ich es für wichtig, gerade in Zeiten wachsender Globalisierung den Dialog mit Katholiken anderer Länder zu pflegen, vor allem mit denjenigen, die als Migranten hier bei uns leben.“
Julia Knop hat die Hoffnung, dass der Synodale Weg „die Kirche auf einen guten Weg bringt“. Voraussetzung dafür seien Ernsthaftigkeit und theologische Qualität der Debatte. Eine Polarisierung sei freilich sichtbar. „Sie wird vor allem von Seiten der konservativen Kritiker des Synodalen Wegs angeheizt. Das geht so weit, dass man denen, die Reformen gestalten wollen, abspricht, noch katholisch zu sein. Das ist ungerecht und unsachgemäß und hilft überhaupt nicht weiter. Was auch nicht hilft, ist der bloße Verweis auf Autorität. In Frankfurt wurde deutlich, dass nicht Autorität überzeugte, sondern Authentizität und gute Argumente.“
Sie sei mit Blick auf den Erfolg des Synodalen Weges „vorsichtig optimistisch“, sagt Martina Breyer. „Es wird keinen Königsweg aus der Krise geben. Der Synodale Weg kann auch scheitern, aber wir müssen es versuchen. Der Weg führt bestimmt nicht zu einer Kirche, wie wir sie vor Jahrzehnten erleben konnten. Diese Zeit ist vorbei. Sie wird eine neue Gestalt haben, und wir müssen es aushalten, dass wir heute noch nicht wissen, wie sie aussehen wird.“
Auch Eberhard Tiefensee sieht den Synodalen Weg alternativ-los. Nach der Diagnose müssten Therapien diskutiert werden. Vielleicht müsse dann „das bisher Unvorstellbare gedacht werden – und getan! Das heißt ,Metánoia‘ – Anders-Denken, Umkehr. In der Kirche gibt es genauso wenig ein ,Weiter so!‘ wie im Leben jedes einzelnen Getauften. So gesehen werden wir in der Krise bleiben. Aber das ist meine Hoffnung: Der Heilige Geist ist gerade in der Krise am Werk.“
Wann wäre der Synodale Weg erfolgreich? Martina Breyer bringt es auf einen knappen Satz: „... wenn er unsere Kirche authentischer werden lässt!“ Dazu gehören für sie konkrete Beschlüsse und ihre Umsetzung sowie die eindrückliche Weiterleitung der Beschlüsse zu Themen, die weltkirchlich zu lösen sind, nach Rom. Ähnlich ist es für Regina Masur. Ein Erfolg wäre, wenn das gemeinsame Miteinander und Ringen um die „Gestalt der Kirche“ in allen Themen sichtbar und umgesetzt wird.


„Kirche darf nicht stehenbleiben“
Für Eberhard Tiefensee wäre es ein Erfolg, „wenn alle Kräfte in der Kirche – oben und unten, jung und alt, männlich, weiblich und divers, konservativ und progressiv – begreifen, dass wir um des Reiches Gottes willen nicht stehenbleiben dürfen“. Die nächsten Schritte müssten dabei „nach vorn gerichtet sein, nicht zurück. Die ,guten alten Zeiten‘ kommen nie wieder.“
Eine ganze Reihe von konkreten Punkten nennt Julia Knop: eine freimütige Gesprächskultur, die strukturelle Verstetigung von Synodalität, belastbare Reformen in Fragen der Personal- und Finanzhoheit, des Arbeitsrechts, die Einführung einer Verwaltungsgerichtsbarkeit, öffentliche Entschuldigungen und mutige Korrekturen im Umgang mit Frauen, mit Homosexuellen, mit denen, die kirchlichen Vorgaben nicht entsprechen, sowie ein nachdrückliches Einbringen der Ergebnisse des Synodalen Weges durch die Bischöfe in Rom.
Auf die Sendung der Kirche weist Bischof Wolfgang Ipolt hin. Für ihn wäre ein Erfolg, „wenn wir als katholische Kirche durch diesen Weg missionarischer geworden sind und uns nicht mehr so viel mit uns selbst beschäftigen.“
Bischof Neymeyr sieht schon jetzt einen Erfolg, weil „Katholiken in verschiedener Verantwortung für die Kirche miteinander einen Weg in die Zukunft unserer Kirche suchen. Dass es dabei verschiedene und auch konträre Vorstellungen gibt, ist nicht neu. Wenn der Synodale Weg als geistlicher Weg verstanden und begangen wird, bin ich zuversichtlich, dass er einen wichtigen Beitrag für die Zukunft der katholischen Kirche in unserem Land leisten wird.“