19.05.2022

Anstoß 20/22

Gedanken aus der Fuge gekratzt

Es ist Mai und der Garten explodiert förmlich. Die Wiese wächst rasend schnell und die Bäume haben über Nacht ihr grünes Kleid angelegt. Leider beginnt damit auch die Unkrautsaison. Manche nehmen die chemische Keule. Andere entscheiden sich fürs Abflammen. Ich versuche es traditionell.


Also bewaffne ich mich regelmäßig mit dem Fugenkratzer und lege los. Wie ich da in den Fugen herumkratze, geht mir das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen durch den Kopf. Auf die Frage der Knechte, ob sie das Unkraut ausreißen sollen, antwortet der Herr: „Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus.“ (Matthäus 13,24-30)

Beim Weiterarbeiten denke ich an die Kirche. Nach wie vor finde ich sie wunderschön. Damit meine ich nicht nur das Gebäude, obwohl auch das in Lübbenau ein echtes Schmuckstück ist. Die Kirche ist schön, weil sie der Versuch ist, gemeinsam mit Jesus Christus unterwegs zu sein. Aber es ist wie mit dem Pflaster unter meinen Händen. Wenn überall das Unkraut wuchert, sieht auch der schönste Weg irgendwann heruntergekommen aus.

Es gibt Unkraut, dass die Kirche zuwuchert. Der Missbrauch in verschiedenen Formen gehört dazu. Zum Glück tun wir inzwischen einiges gegen dieses Unkraut.

Dann gibt es Kräuter, die halten die einen für lästiges Unkraut und andere für besten Weizen: Ich denke an das wachsende Bewusstsein dafür, dass der Umgang mit der Macht in der Kirche ein anderer werden muss. Ich denke an die Diskussionen um die Rolle der Frau in der Kirche. Und ich denke an die Freiheit, mit der viele Schwestern und Brüder selbstverständlich anders leben als es die Kirche im Katechismus in Bezug auf das Thema Sexualität vorsieht.

Passt die Antwort aus dem Evangelium vielleicht auch zu diesen Themen: Lasst es doch bis zur Ernte wachsen. Was Unkraut ist, wird man daran erkennen, dass es keine Frucht bringt. Dann kann man es immer noch entfernen. Vielleicht ist der explodierende Garten, in dem Unkraut und Weizen nicht immer zu unterscheiden sind, ein gutes Bild für die Kirche.

Von Pfarrer Marko Dutzschke, Lübbenau