25.05.2022

Anstoß 21/22

Mir fehlt nichts

„Mir fehlt nichts, wenn ich am Sonntag nicht zur Kirche gehe.“ Das höre ich immer öfter, selbst von eingefleischten Katholiken. Klar gibt es Gründe wie Skandale, Glaubwürdigkeitsverlust, Reformstau oder endlose, alltagsuntaugliche Predigten, gereizte Stimmung in der Pfarrei...


Auch die Anziehungskraft einer offenen Gemeinde mit knackiger Verkündigung und toller Kirchenmusik scheint begrenzt.

Sicher, man muss zwischen Kirchlichkeit und Religiosität unterscheiden. Natürlich, Gottes Gegenwart lässt sich überall entdecken, auch auf dem Sofa und besonders in der Natur. Wozu brauche ich da noch Kirche? Dennoch klingt dieses „mir fehlt nichts“ in meinen Ohren verräterisch, denn es zeugt vom Kreisen um sich selbst.

Beim Gottesdienst geht es doch auch um Gott! Darum, Gott zu ehren, neu zu suchen und vor allem: dem Wort Gottes zuzuhören! Verbunden mit dieser grandiosen Möglichkeit, Jesus im Brot des Lebens zu empfangen. Also wirklich geistige Nahrung zu bekommen, ganz unabhängig von der Predigtlänge.

Die Bibel hält alle Gläubigen dazu an, sich an einem Tag der Woche zu versammeln und gemeinsam Gott in ihrer Mitte zu feiern! Selbst von Jesus heißt es, dass er am Sabbat „nach seiner Gewohnheit“ in die Synagoge ging (Lk 4,16).

„Mir fehlt nichts“ – wenn ich das Statement in meiner Gemeinde höre, wage ich mittlerweile die Konfrontation: „Hey, aber du fehlst! Da ist eine Leerstelle in der Gemeinde, ein Platz unter den Kindern, den Jugendlichen, den Erwachsenen, den Senioren, der ganz für dich reserviert ist. Teil der Familie Gottes ist man nicht nur im Gottesdienst: Das gilt auch für die Chorprobe, die Sonntagsrunde, den Gruppentreffs, ... Außerdem fehlst du mir und mit Sicherheit fehlst du auch Gott.“

Was suchen wir denn wirklich? Einen anderen, neuen Sinn, der im Gottesdienst offenbar wird? Einen Eindruck, der womöglich meinen Lebensstil ändert? Wenn Jesus in die Synagogen oder in den Tempel ging, passierte oft etwas – Befreiungen und Heilungen, auch Streit und Konflikte bis zur Tempelreinigung. Kirche als „Gebetshaus für alle Völker“ (vgl. Mk 11,17). Das sollte heute immer noch möglich sein! Quasi ein biblisches Reload. Blöd, wer das verpasst, oder? Salopp übersetzt: Bewegt euch zum Gottesdienst! Ihr fehlt!

Von Lissy Eichert, Berlin