23.11.2018

Patronatsfest der Theologischen Fakultät Erfurt

Für eine lebensnahe Theologie

Patronatsfest der Theologischen Fakultät Erfurt: Liturgiewissenschaftler Kranemann mahnt die Theologie, unbequeme Fragen zu stellen und unkonventionell zu denken, und kann sich dabei auf Papst Franziskus berufen.

Begrüßung der Erstsemester beim Patronatsfest der Katholisch-Theologischen Fakulät Erfurt. | Foto: Eckhard Pohl
 
Für eine Theologie, die sich den Herausforderungen in Kirche und Gesellschaft stellt und dies ohne Eingriffe durch das kirchliche Lehramt tun kann, hat der Erfurter Theologie-Professor Benedikt Kranemann plädiert. „Wenn von der Theologie heute zum Reformwerk der Kirche ein Beitrag erwartet wird, dann muss man ihr die Freiheit des Denkens und Sprechens zugestehen“, betonte der Liturgiewissenschaftler in seinem Festvortrag beim Patronatsfest Albertus Magnus der Katholisch-Theologischen Fakultät Erfurt am 15. November. Hochschul-Theologie müsse „mehr denn je unbequeme Fragen stellen und theologisch Unkonventionelles denken, um zu überzeugenden Zukunftsgestalten von Kirche wie Gesellschaft beitragen zu können“.
 
Herausforderung Missbrauchsskandal
Kranemann, der auch Vizepräsident der Universität Erfurt ist, sieht die Theologie auf zahlreichen Feldern gefordert. Dazu gehören etwa der Rechtspopulismus, die Zuwanderung von Menschen auch anderer Religionen und die damit verbundenen sozialen und ethischen Fragen, die rückläufige kirchliche Praxis, die „zeitweise horrenden Kirchenaustritte“ und nicht zuletzt der Missbrauchsskandal in der Kirche. Gerade im Blick auf letzteres sei die Theologie als „kritische Instanz mehr denn je gefordert“. Die Theologie „muss zum einen die kritische Reflexion in der öffentlichen Debatte mitbetreiben, sie muss zum anderen innerhalb der Kirche das kritische Fragen als Dienstleistung anbieten“. Das sei in diesem Fall nicht einfach: „Denn gerade bei diesem Skandal haben viele, auch Theologinnen und Theologen, auch in der Wissenschaft, heute den Eindruck, ein Stück Heimat verloren zu haben.“
Kranemann bezog sich bei seinem Vortrag auf das Anfang des Jahres veröffentlichte Schreiben „Veritatis Gaudium“ (Die Freude der Wahrheit), genauer auf die von Papst Franziskus zu der Apostolischen Konstitution „Über die kirchlichen Universitäten und Fakultäten“ geschriebene Einleitung. Franziskus versteht darin die Theologie als „kulturelles Laboratorium der Gegenwart“ und mahnt im Einklang mit dem Evangelium eine „stärkere Gegenwartsrelevanz der Theologie“ an. Der Papst fordert „die Theologie heraus, sich ohne Selbstschonung den Fragen unserer Gesellschaft zu stellen und kreativ nach Antworten zu suchen“. Spannungen und Widersprüche müssten dabei ausgehalten werden. Kranemann: Damit Theologie in diesem Sinne arbeiten kann, „ist ein offenes Denken unumgänglich, das sich nicht selbst hermetisch abschließt, sich aber auch nicht kirchlich-institutionell abschotten lässt“.
Doch dies sei nicht selbstverständlich gegeben. Die deutschsprachige Theologie, die Franziskus in ihrer überwiegenden Mehrheit folgen möchte, sehe sich zum Teil innerkirchlich „mit einem ganz anderen Verständnis von Kirche und Wissenschaft konfrontiert“. Kranemann: „Wenn Angst und Verzagtheit vor Eingriffen des Lehramts die Szene bestimmen – und in Teilen der Theologie und insbesondere beim wissenschaftlichen Nachwuchs ist das längst zu beobachten – beschädigt das nicht nur das Ansehen der Theologie in den Wissenschaften. Es dient auch der Kirche nicht, die in ihrer derzeitigen Krise eine kritsch begleitende Theologie dringender denn je benötigt.“ Zuletzt hatte die ausbleibende Bestätigung des Vatikans für eine weitere Amtszeit des Jesuiten Ansgar Wucherpfennig als Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen für Diskussionen gesorgt. Erst am 15. November wurde bekannt, dass die Unbedenklichkeitserklärung („Nihil obstat“) nun doch erteilt wurde.
 
Theologie im „kulturellen Laboratorium“
Im Blick auf sein eigenes Fach, die Liturgiewissenschaft, sieht Kranemann etwa hinsichtlich der Begleitung von Menschen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen, darunter auch gleichgeschlechtlichen Paaren, durch entsprechende Riten die Theologie im Sinne eines „kulturellen Laboratoriums der Gegenwart“ gefordert.
Die Katholisch-Theologische Fakultät kann 2018 ihr 15-jähriges Bestehen an der Universität Erfurt begehen. Zu Festgottesdienst und Festakademie zum Patronatsfest war neben den Bischöfen der fünf Ostbistümer, die Träger des Erfurter Priesterseminars sind, auch der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterović, gekommen. In seiner Predigt erinnerte Eterović an die gerade auch für Ostdeutschland geltende Herausforderung der Theologie, im Einklang mit Evangelium und kirchlicher Tradition die Gottesfrage wach zu halten und die Unterscheidung von Gut und Böse zu praktizieren, also etwa Böses anzuprangern, „gerade wenn es versteckte Formen annimmt hinsichtlich der Verstöße gegen ethische und moralische Werte oder bei sozialer Ausbeutung, beziehungsweise bei der Verletzung der Menschenrechte“.
Der Dekan der Fakultät, Thomas Johann Bauer, mahnte zum sensiblen und aufmerksamen Dialog mit dem Glauben fernstehenden Zeitgenossen. „Warum sollten Atheismus und Nihilismus nicht ein Anruf Gottes sein, ein Dunkel, auf das wir uns einlassen müssen?“ Vielleicht erwarteten Menschen von Theologie und Kirche auch, dass sie in mancher Situation ihre Ratlosigkeit eingestehen, so Bauer.
Traditionell wurden zum Patronatsfest die Erstsemester begrüßt. Der Förderpreis der Fakultät wurde Philipp Spangenberg für seine Magister-Abschlussarbeit zum Thema „Darstellungstendenzen in der Kirchengeschichte des Eusebius von Caesarea. Eine Analyse am Beispiel von Antiochia“ verliehen. In einem Grußwort am Ende der Festakakdemie ging der Erfurter Ortsbischof Ulrich Neymeyr noch einmal auf den Missbrauchsskandal ein. Die Kirche müsse daran lernen, was es heißt, mit der Tatsache, Institution zu sein, umzugehen. Die Theologie könne ihr dabei helfen.
 
Von Eckhard Pohl