05.06.2019

Missionarische Gemeinde sein

Mut zur Mission

Die katholische Gemeinde in einem kleinen Ort im Münsterland hat begonnen, auf andere Menschen zuzugehen. Mission im besten Sinne. Wie es dazu kam und welche Konsequenzen der neue Umgang miteinander hat.

Foto: Matthias Petersen
Pantomime in der Kirche: Junge Leute erzählen beim Gebetsabend auf ihre Weise von ihrem Glauben. Foto: Matthias Petersen


Pastoralplan. In den Augen von Pfarrer Timo Holtmann ein schreckliches Wort. Allzu bürokratisch. Und doch steht die Beschäftigung mit einem Pastoralplan ganz am Anfang der Geschichte, die die Pfarrei St. Agatha in Mettingen, gelegen zwischen Münster und Osnabrück, derzeit schreibt. Das Bistum Münster hatte dazu angeregt, in einem solchen Plan aufzuschreiben, wie die Gemeinde in die Zukunft gehen möchte. Neun Punkte hat eine Arbeitsgruppe notiert, die der Pfarrer mit einem Satz zusammenfasst: „Wir wollen eine missionarische Gemeinde werden.“

„Mission“ erinnert viele an ungute Zeiten

Bei dem Wort Mission zuckt Elisabeth Engelbert unwillkürlich zusammen. Mission, da denkt die Seniorin an ungute Zeiten, in denen Kirchenvertreter mit Gewalt den Glauben weitergaben. Doch nichts ist davon zu spüren in Mettingen, einer traditionsreichen Pfarrei, die Kirche mitten im Ort, unübersehbar mit dem hohen Kirchturm. Aber auch mit einer Kirche, die immer leerer wird, einer Gemeinde, der sich immer weniger Menschen im Ort verbunden fühlen.

„Wir sind begeistert, strahlen Glaubensfreude aus und tragen sie nach außen“, heißt es im Pastoralplan. Wie geht das? „Wir wollen Jesus und seine Botschaft in unsere Mitte nehmen“, sagt der Pfarrer. Hilfe bekam die Gemeinde im Bischöflichen Generalvikariat und bei der Gemeinschaft Emmanuel, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Glauben weiterzugeben, Mission zu leben.

„Wenn Jesus nach Mettingen käme, wo würde er hingehen?“ Die Frage von Otto Neubauer von der Gemeinschaft Emmanuel stand am Beginn eines Ausbildungskurses „Mission“. Jeder, der wollte, konnte mitmachen. Die Antworten lassen sich leicht zusammenfassen: Er würde keinen Menschen ausschließen. In die Schule würde er gehen, ins Rathaus, in die Geschäfte, auf den Sportplatz, in die Kneipe.

„Wir möchten das Leben der Menschen mit dem Evangelium in Verbindung bringen“, sagt Pfarrer Holtmann. „Es gibt viele Menschen im Ort, die zu uns gehören, aber es findet gar keine Begegnung mehr statt.“ Also gilt es, Kreativität zu entwickeln, um sich wieder ins Gespräch zu bringen, aber nicht, um die Kirche um jeden Preis wieder zu füllen. „Wir haben etwas, das wir teilen wollen. Es ist ein Glück, mit Jesus zu leben“, sagt der Pfarrer.

„600 Kerzen haben gebrannt.“ Elisabeth Engelbert ist noch heute begeistert von der Aktion, die St. Agatha Anfang November 2018 zum ersten Mal anbot. Am verkaufsoffenen Sonntag protestierte die Gemeinde nicht gegen die Ladenöffnung, sondern reagierte unerwartet: Sie machte auch auf. Und zwar die Kirchentür. Davor postierten sich ein paar Engagierte, luden Passanten ein, doch in die Kirche zu kommen, einen Moment zu verweilen, ein Teelicht zu entzünden. „Ich war überwältigt, wie viele Menschen da in die Kirche gekommen sind“, sagt Elisabeth Engelbert.

Der Pfarrer spendete den persönlichen Segen

Von solchen Aktionen kann die Seniorin noch mehr erzählen. Zum Beispiel von der „leeren Krippe“, als die Gemeinde auf dem Adventsmarkt einen Stand aufbaute, an dem jeder Wünsche an das Christkind aufschreiben konnte. Viele Gespräche haben sich dabei ergeben. Oder der „Feierabend“ vor einigen Wochen, als zum Gebet in die Kirche eingeladen wurde. Geschmückt, mit schönem Lichtkonzept, leiser Musik – und vor dem ausgesetzten Allerheiligsten spendete der Pfarrer den persönlichen Segen. Eigentlich ganz einfach, und doch für viele Menschen so bedeutsam.

Es gibt Orte wie Mettingen, da ist man katholisch, da ist der Glaube selbstverständlich. Manchmal entwickelt er sich nicht weiter, bleibt in den Kinderschuhen stecken. Manchmal wird er genutzt, um sich abzugrenzen. Aber wird er überzeugend gelebt? Oder ist er nur präsent am Sonntag, wenn in der Kirche die Eucharistie gefeiert wird? 

Angela Braun hat auch den Missionskurs von Otto Neubauer mitgemacht. Aber sie hat danach nicht in der Öffentlichkeit von ihrem Glauben erzählt. Noch nicht. Stattdessen hat sie sich Mitstreiter gesucht, hat dazu aufgerufen, sich in einem Hauskreis zunächst einmal mit dem eigenen Glauben zu beschäftigen. „Wir tun uns schwer, darüber zu reden“, sagt sie. So sind Treffen entstanden, in denen ein Bibeltext im Zentrum steht. „Wir reden darüber, was uns anspricht. Da öffnet sich inzwischen jeder ohne Scheu.“ Und vielleicht könnten sie ja auch eines Tages „diese Freude, die uns erfüllt, nach außen strahlen“.

Diese veränderte Sichtweise, diese Öffnung nach außen soll auch im nächsten Jahr an einem ganz bestimmten Punkt sichtbar werden. Ende Mai 2020 wird das Gotteshaus 125 Jahre alt. „Vor 25 Jahren haben wir aus Anlass des Jubiläums noch uns selbst gefeiert. Das soll 2020 anders werden“, sagt Pfarrer Holtmann. Es werde ein Glaubensfestival sein – auch mit dem Bischof und einem Pontifikalamt, aber eher mit dem Blick auf die anderen Menschen. Mitglieder der Gemeinschaft Emmanuel werden zusammen mit den Gemeindemitgliedern Jesus zu den Menschen tragen. Ganz unaufdringlich, aber voller Überzeugung. Weil das Leben im Glauben ein Glück ist, das geteilt werden muss. Und nach dem Glaubensfestival? Da geht der Weg als missionarische Gemeinde weiter.

Buchtipp:
Otto Neubauer: Mission possible. Praxishandbuch für Dialog und Evangelisation. Herder, 288 Seiten, 25 Euro.
Internet: www.akademie-wien.de

Matthias Petersen