23.07.2019

Die Katechesen des Papstes zum Vaterunser

So sollt ihr beten

Papst Franziskus hat es sich zur Gewohnheit gemacht, jede Woche eine öffentliche Katechese zu halten. In der ersten Jahreshälfte widmete er sich dabei den einzelnen Bitten des Vaterunsers. Eine Zusammenfassung.

Foto: kna/Markus Nowak
In der Kapelle des Berliner Olympiastadions kann man das Vaterunser in 17 Sprachen lesen. Foto: kna/Markus Nowak


Vater unser im Himmel
Diese Worte, sagt Papst Franziskus, erinnern uns zunächst an die eigenen Eltern. An ihre guten Seiten, aber auch an ihre Unzulänglichkeiten. „Keiner von uns hat perfekte Eltern gehabt, niemand; so wie wir unsererseits niemals perfekte Eltern oder Hirten sein werden“, so der Papst. Deshalb müsse man über die eigenen Eltern hinausgehen. Gottes Liebe gelte, „selbst wenn uns unsere leiblichen Eltern nicht geliebt haben sollten“. 

Die Formulierung „im Himmel“ sei deshalb kein Zeichen von Ferne, sondern das Signal für eine Liebe, die frei ist von irdischer Unzulänglichkeit. „Eine unermüdliche Liebe, eine Liebe, die für immer bleibt, die immer bereitsteht. Es genügt zu sagen: ,Vater unser, der du bist im Himmel‘, und diese Liebe kommt.“ Übrigens ist Gott für Franziskus nicht nur Vater, sondern auch „wie eine Mutter, der ein Blick genügt, um alles über ihre Kinder zu wissen“.

 

Geheiligt werde dein Name
Die erste Bitte des Vaterunsers zeige, so Papst Franziskus: Bevor der Mensch mit seinen eigenen Bedürfnissen zu Gott kommt, soll er ihm die Ehre geben. Sie sei aber zugleich eine Selbstverpflichtung des Beters. „Gott ist heilig, aber wenn wir, wenn unser Leben nicht heilig sind, dann ist das ein großer Widerspruch! Die Heiligkeit Gottes muss sich in unseren Handlungen widerspiegeln.“ Daher dürfe man den Namen Gottes auch nicht politisch oder religiös missbrauchen. „Den Namen Gottes anzurufen, verfolgt nur ein einziges Ziel: ihn zu heiligen und nicht, ihn zu instrumentalisieren. ,Dein Name werde geheiligt‘ bedeutet, sich dafür einzusetzen, dass mein Leben ein Lobpreis der Größe Gottes sei.“

 

Dein Reich komme
„Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe“, so beginnt Jesus seine Predigt. Nicht als Drohung, sagt Franziskus, sondern als „freudige Ankündigung“. Die Zeichen des Gottesreiches seien positiv: Kranke werden gesund, Sünder werden in die Gemeinschaft aufgenommen. Doch tatsächlich herrschen Krieg und Gewalt. „Es ist vor allem in diesen Situationen, dass dem Christen die zweite Bitte des Vaterunsers über die Lippen kommt: ,Dein Reich komme.‘ Was so viel bedeutet wie: Vater, wir brauchen dich! Jesus, wir haben es nötig, dass du überall und für immer der Herr in unserer Mitte bist.“

Und warum kommt das Reich so langsam? Franziskus erinnert an das Gleichnis von Unkraut und Weizen: „Es wäre der größte Fehler, sofort eingreifen zu wollen und von der Welt das zu entfernen, was Unkraut zu sein scheint. Gott ist nicht wie wir, Gott ist geduldig. Man kann das Himmelreich nicht mit Gewalt einsetzen; es wird mit Sanftmut verbreitet.“

 

Dein Wille geschehe
Diese Bitte bedeute nicht, sagt Papst Franziskus, dass wir uns hilflos dem Willen Gottes ergeben müssten. „Wehe uns, wenn wir bei diesen Worten mit den Schultern zucken als Zeichen der Kapitulation vor einem Schicksal, das uns abzustoßen scheint und von dem wir meinen, es nicht ändern zu können.“ Gottes Wille sei immer ein guter, liebevoller. „Wir bitten dich: Dein Wille geschehe! Herr, untergrabe die Pläne der Welt, verwandle Schwerter in Pflugscharen und Speere in Winzermesser!“

Mit der Bitte verbunden sei der Auftrag, am Willen Gottes mitzuarbeiten. In der Welt, aber vor allem bei uns selbst. „Hast du darüber nachgedacht, was es für Gott bedeutet, auf der Suche nach dir zu sein? Jeder von uns kann sagen: Sucht Gott mich? – Ja! Er sucht nach dir! Er sucht nach mir. Nach jedem von uns.“ Sein Wille ist es, dass wir uns finden lassen.

 

Unser tägliches Brot gib uns heute
In dieser Bitte, sagt der Papst, gehe es nicht nur um Brot, sondern um „alle menschlichen Bedürfnisse mit ihren konkretesten und alltäglichsten Problemen“. Doch zugleich dürfe man nicht vergessen: „Es heißt nicht: mein tägliches Brot, sondern: unser tägliches Brot gib uns heute“.

Wieder sei die Bitte verbunden mit dem eigenen Tun. Das größte Wunder Jesu sei nicht die Brotvermehrung gewesen, sondern, dass jeder etwas gegeben habe. „Auf diese Weise konnte er das Wunder vollbringen, durch die Beteiligung aller.“ Das gelte auch heute. Gott könne „es nicht ausstehen“, wenn das zur Verfügung stehende Brot nicht gerecht verteilt werde. „Wir müssen es uns gut merken: Die Nahrung ist kein privates Gut!“

 

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
Jeder Christ glaube zu wissen, sagt Franziskus, dass Gott ihm die Schuld vergebe. „Gott vergibt alles, und er vergibt immer.“ Eigentlich hätte Jesus es dabei belassen können. „Das wäre schön gewesen.“ Aber er habe „eine Horizontale eingezogen“: Gott vergibt, „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Das sei, sagt Franziskus, eine „unbarmherzige Konjunktion“, die aber sehr ernstzunehmen ist: „Manchmal habe ich Leute sagen hören: ,Ich werde diesem Menschen niemals vergeben!‘ Aber wenn du nicht vergibst, dann wird Gott dir auch nicht vergeben!“

 

Führe uns nicht in Versuchung
Diese Bitte sei schwierig, sagt der Papst, „und alle modernen Übersetzungen humpeln da ein bisschen“. Ausschließen könnten wir aber, „dass es Gott wäre, der die Versuchungen auf dem Weg des Menschen auslöst. Als ob Gott seinen Kindern einen Hinterhalt legen würde!“ Vielmehr stehe Gott uns gerade in den Versuchungen bei. „In den hässlichsten Momenten unseres Lebens, den leidvollsten, ängstlichsten Momenten wacht Gott mit uns, er kämpft mit uns.“

 

Sondern erlöse uns von dem Bösen
„Es gibt etwas Böses in unserem Leben, das uns immer begleitet“, sagt Papst Franziskus. Der Mensch sei ein Wesen, „das von Liebe und Güte träumt, aber sich selbst und seine Mitmenschen ständig dem Bösen aussetzt“. Das erkenne diese letzte Bitte an. „Der letzte Schrei im Vaterunser wird aus der Tiefe gegen dieses Übel geschleudert.“ Gegen dieses Übel in uns selbst, das wir nur mit Gottes Hilfe besiegen können.

Susanne Haverkamp