09.09.2019

Anfrage

Müssen wir die Leiden Christi ergänzen?

Paulus sagt im Kolosserbrief (1,24): „Ich ergänze in meinem irdischen Leben, was an den Bedrängnissen Christi noch fehlt ...“ Wie kann ich durch mein Leben oder mein Leiden dem Sühneopfer Christi noch etwas hinzufügen? Uta Köcher, Eisenach

Bei Bibelstellen, die schwierig zu verstehen sind, muss man zwei Dinge berücksichtigen: Dass eine genaue Übersetzung des Altgriechischen heute immer mit Unsicherheiten verbunden ist; und dass es Stellen gibt, die unseren Glauben verunsichern können. 

Aus dem Text lässt sich durchaus herauslesen, dass Paulus durch sein eigenes Leiden den Leiden, die Christus ertragen hat, noch das hinzufügt, was an diesen fehlt. Das scheint aber seltsam, da Jesu Leben und Sterben weder wiederholbar noch steigerbar ist. 

Tatsächlich sind sich die Bibelausleger nicht einig darüber, was der Text zu bedeuten hat. Die „Bedrängnisse Christi“ werden auf mindestens vier verschiedene Weisen gedeutet: Erstens können das die Leiden sein, die man in der Nachfolge Christi auszuhalten hat, indem man sein Evangelium verkündet und nach seinen Worten handelt. Der Vers könnte also auf die Worte Jesu verweisen, in denen er angekündigt hat, dass seine Jünger wie er verfolgt und gehasst werden würden (Joh 15,18ff).

Eine zweite Deutung ist die, dass es in einem übertragenen Sinn um den Leib Christi geht, der die Kirche ist. Paulus leistet demnach seinen eigenen Beitrag zum Leiden der Kirche. Und damit ist auch jeder andere aufgerufen, sich wie Paulus für die Frohe Botschaft und die Kirche einzusetzen und auch Bedrängnisse auf sich zu nehmen.

Eine dritte Deutung hat mit dem baldigen Ende der Welt zu tun. Denn dazu gehörte nach damaliger Vorstellung, dass alle Gerechten der Welt ein gewisses Maß an Leiden erfüllen müssten, damit Christus wiederkommen könne.

Die vierte Deutung schließlich sieht Paulus als den, der das Leiden Christi für alle Menschen dadurch ergänzt, dass er sein Evangelium zu allen Menschen in der damals bekannten Welt gebracht hat – und dabei viele Qualen und Leiden auf sich nehmen musste. So habe Paulus die Leiden Christi durch seine Mühen für die Verbreitung der Botschaft und die Entstehung der Kirche ergänzt.

Christoph Buysch