10.04.2019

Serie zur Fastenzeit, Teil 6

Lob der kleinen Dinge

Österliche Bußzeit – so heißen die Wochen vor Ostern. Es ist die Zeit, das eigene Leben zu hinterfragen, falsche Wege zu verlassen und neu zu beginnen. Zum Beispiel beim Essen oder beim Konsum. Teil 6 unserer Fastenserie.

Foto: istockphoto
Foto: istockphoto


„Essen ist für uns nicht die Zufuhr von Kalorien. Es bedeutet: Mahl halten.“ Was Pater Abraham Fischer, Prior der Benediktinerabtei Königsmünster, damit meint, lässt sich schon im Vorraum des Refektoriums, des Speisesaals der Mönche, erahnen: Der Besucher wird persönlich vom Gastpater begrüßt und zu seinem Platz geführt, wo bereits eingedeckt ist; Teller, Besteck, Becher, Serviette – alles schlicht, alles akkurat angeordnet.

Mönche und Gäste erheben sich zum Tischgebet. Hernach rollen zwei Brüder, Schürzen über dem Habit, Servierwagen herein und verteilen Schüsseln und Wasserflaschen. Heute ist vegetarischer Tag im Kloster: Es gibt einen Auflauf aus Schupfnudeln und Sauerkraut, dazu Gurkensalat. 

Gegessen wird schweigend, man lauscht der Tischlesung. Ein unterhaltsames Buch hat der zuständige Pater ausgewählt: „Aus dem Leben der Familie Bonhoeffer. Die Aufzeichnungen von Dietrich Bonhoeffers jüngster Schwester Susanne Dreß“. Als alle aufgegessen haben, steckt der Pater ein Lesezeichen ins Buch. Zum Abschluss noch ein Gebet, dann geht man gemächlich auseinander.

Was macht dieses Mittagessen im Kloster nun zum Mahl? Am auffälligsten vielleicht: Es wird ruhig und konzentriert gegessen und getrunken. Sonst nichts. Gut, man lauscht dem Vortrag des Lesepaters. Aber da plärrt kein Radio, niemand daddelt auf dem Smartphone, keiner hat Hummeln im Hintern und stopft die Mahlzeit hektisch in sich hinein. Da wird nicht die Abendplanung abgesprochen oder nebenbei die Zeitung überflogen, keiner verlässt zwischendurch den Raum.

Den Wert einer Mahlzeit einfach nur schätzen

Man isst mit Achtung. Nimmt das Essen ernst. Würdigt so die Speisen und alle, die sie hergestellt und zubereitet haben. Um Mahl zu halten, braucht es keine Silberlöffel und kein Meißner Porzellan und keinen Kaviar; es müssen sich nicht die Tische biegen, weil so üppig aufgefahren wurde. Es reicht, den Wert einer Mahlzeit einfach nur zu schätzen.

Am Vormittag hat Pater Abraham Arbeitskluft getragen. Zweckmäßig für seine Tätigkeit in der Klosterschmiede. Plötzlich bricht er das Gespräch ab; unmerklich hat er die Uhr im Blick behalten. Vor dem Essen beginnt Punkt Viertel nach zwölf die Mittagshore. Der Pater verschwindet kurz und kehrt im Ordensgewand zurück. Auf dem Weg zur Abteikirche sagt er: „Ich gehe anders im Habit.“ Das stimmt. Er stiefelt nicht, latscht nicht, hastet nicht. Pater Abraham schreitet.

Unwillkürlich kommt einem der Spruch von Karl Lagerfeld in den Sinn: „Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Mag sein, dass der Modeschöpfer mit seiner Bemerkung nur etwas mehr Selbstdiziplin anmahnen wollte. Aber die Jogginghosen können symbolisch ja auch für eine bedenklich laxe innere Haltung ihrer Träger stehen: Was soll’s? Ist doch sowieso alles egal. Komm’ ich heut’ nicht, komm’ ich morgen. Bloß alles nicht so eng sehen. 

Mit einem Wort: Gleichgültigkeit. In Alltagsdingen vor allem. Wo Sorgfalt einem oft überflüssig erscheint. 

Einen Merksatz im Hinterkopf speichern

Um bei der Kleidung zu bleiben: Es gibt gewiss eine passende Zeit für die Jogginghose, aber was signalisiert man einem Besucher, wenn man ihn im Schlabberlook empfängt? Weiter: Wie läuft das beim Klamottenkauf? Hauptsache billig? Egal, wo und von wem die Sachen hergestellt worden sind? Aus welchem Material? Geht man pfleglich mit Textilien und Schuhen um? Wird immer sofort weggeworfen, wenn sich ein Löchlein zeigt oder der Stil nicht mehr angesagt ist?

Dieser Katalog der Gewissensfragen ließe sich verlängern. Oder ausweiten auf tausend andere kleine Dinge und ihren unterschätzten oder ignorierten Wert. Und, bitteschön, auf Menschen auch: namentlich auf die, die jeden Tag um uns sind und um die wir uns daher nicht mehr bemühen zu müssen glauben.

Doch die Fastenzeit geht zu Ende. Keine neuen Aktionen mehr. Oft hilft es ja schon, Merksätze oder Schlagworte im Hinterkopf zu speichern, die einem dann unversehens wieder in den Sinn kommen.
Für diesmal vielleicht nur diese zwei, frei nach Pater Abraham: Mampfen oder Mahl halten? Schlurfen oder schreiten?

Hubertus Büker