08.05.2019

Bis ans Ende der Erde

Einst eine winzige Gruppe am Ostrand des Mittelmeeres, heute eine weltweite Gemeinschaft – die Kirche ist „bis an das Ende der Erde“ gelangt, wie Paulus es in der Lesung fordert. Weltkirche erlebt hat Hildesheims Bischof Heiner Wilmer.

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Kirche in Südamerika: Papst Franziskus trifft in Kolumbien Vertreter einheimischer Völker. Foto: kna


Als junger Mann trat Heiner Wilmer in die Ordensgemeinschaft der Herz-Jesu-Priester ein, die auf allen Kontinenten tätig ist. Wilmer ging für seinen Orden unter anderem nach Kanada und in die USA und wurde 2015 schließlich Generaloberer mit Sitz in Rom. Die Weltkirche sieht er als Bereicherung: „Es wäre doch fürchterlich, wenn wir alle wie eine europäische Einheitstomate wären.“ Ohne die Buntheit der Weltkirche „würden wir verkümmern. Aber die Verschiedenheit macht das Leben natürlich nicht leichter“. 

Es gibt viele Unterschiede, aber entscheidend ist, dass die gemeinsame Botschaft auf allen Erdteilen funktioniert. Für Wilmer tut sie das. „Die Botschaft Jesu ist die Botschaft eines Gottes, der Mensch wird, Fleisch angenommen hat, vom Thron gestiegen ist, sich klein und gemein gemacht hat mit uns“, sagt er. In seinen drei Jahren als Generaloberer war Wilmer in gut 40 Ländern und hat gemerkt: „Alle Menschen auf der Welt sehnen sich nach Respekt, nach Geborgenheit, Gemeinschaft und Liebe. Und Jesus spricht diese Sehnsüchte an.“ Wenn Wilmer von Jesus spricht, merkt man, wie fasziniert er selbst vom Gottessohn ist. „Jesus hatte die unglaublich starke Gabe, die Schönheit der anderen Menschen zu sehen. Die ließ er auf die Menschen zurückstrahlen. In der Begegnung mit Jesus konnten sie ihre eigene Schönheit entdecken“, sagt er. „Diese Antwort auf Ursehnsüchte funktioniert weltweit.“ 

Doch sie muss unterschiedlich verpackt werden. „In Europa und Amerika ist alles ein bisschen wie im Emsland“, sagt Wilmer schmunzelnd mit Blick auf seine Heimatregion in Niedersachsen. „Da gibt es auch Unterschiede. Richtig anders ist es aber in Afrika und Asien. Erst in Asien war ich das erste Mal richtig im Ausland.“ Weil die Unterschiede viel größer waren, als er es bislang erlebt hatte. „Ich habe in Konferenzen von asiatischen Mitbrüdern nie ein Nein gehört, keine kritische Stimme. Asiaten würden dem Generaloberen nie widersprechen.“ Aufmerksam wurde er aber, wenn Mitbrüder aus Asien länger schwiegen. „Dann musste ich noch einmal nachfragen. Wir Europäer sind da viel deutlicher.“ 
An Grenzen kommen auch wichtige religiöse Bilder: Wenn im Vaterunser vom täglichen Brot gesprochen wird oder wir in der Eucharistie selbstverständlich das Brot brechen. In unseren Breiten ist Brot ein Grundnahrungsmittel. In Asien ist das eher Reis, Brot gibt es dort oft nicht. Vor der Amazonassynode im Herbst in Rom entstand vor kurzem eine kleine Diskussion über die Art des eucharistischen Brotes. Nach katholischer Lehre muss es aus Weizenmehl sein. Hostien aus Weizenmehl können im feuchtwarmen Klima des Regenwaldes aber verkleben und zu einem Brei zusammenpappen. Besser wären Hostien aus Maniokmehl, schlug ein brasilianischer Liturgiewissenschaftler vor. Das ist bisher weltkirchlich nicht zulässig. 

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Bischof Heiner Wilmer
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Sensibilität im Umgang mit anderen Kulturen ist nötig

Gerade in der Liturgie ist Sensibilität im Umgang mit anderen Kulturen nötig. In Europa sei man sehr auf das Wort ausgerichtet, sagt Wilmer. In Afrika etwa sei der Tanz viel wichtiger. Dort habe er die Frage „Was kann ich aus der Predigt mitnehmen?“ nie gehört. Gleichwohl: Die Gläubigen erwarteten, dass die Predigt eine gewisse Länge habe. Ist sie kürzer als 20, 30 Minuten, würden manche das als Geringschätzung verstehen. 

Von einem anderen weltkirchlichen Missverständnis berichtete einmal ein anderer Ordensmann, ein chilenischer Jesuit. Als er in seine indigene Gemeinde im Süden des Landes kam, benutzte er das Messbuch, um Texte und Gebete vorzutragen. „Wer liest, betet nicht“, sagten seine Gemeindemitglieder vom Volk der Mapuche. Also lernte der junge Jesuit die Texte auswendig, um zu zeigen, dass sie wirklich aus dem Herzen kommen.

Manche kulturellen Unterschiede sind Kleinigkeiten. Andere sind schwieriger. Für die meisten Europäer etwa gibt es keine Alternative zur Demokratie. „Weltweit leben viele Menschen aber gar nicht in demokratischen Strukturen“, sagt Wilmer. Daher müssten sich Europäer mit einem Urteil über das Zusammenleben in nichtdemokratischen Ländern zurückhalten. „Das darf man nicht bewerten“, sagt Wilmer. 

Um kulturelle Eigenarten gut zu integrieren, bilden die Herz-Jesu-Priester gemischte Gemeinschaften. Wenn zum Beispiel neue Gruppen für eine bestimmte Aufgabe zusammengestellt werden, bekommen sie ein Jahr Zeit, „um sich ihre Geschichten zu erzählen“, sagt Wilmer. Um zu lernen, wie der andere betet, was er isst, welche Beziehungen er hat. Erst dann geht die neue Gemeinschaft ihre Aufgabe an. „Solche Gruppen sind immer dann gescheitert, wenn sie menschlich nicht zusammengekommen sind – und nicht, weil sie zu wenig gebetet haben“, sagt Wilmer.

Er plädiert für Gelassenheit im Umgang mit Unterschieden. Die Kirche sei immer auch Kind ihrer jeweiligen Gesellschaft. Daher müsse es unterschiedliche Wege im Leben mit der universalen Botschaft geben. Bei den Herz-Jesu-Priestern gibt es je nach Weltregion verschiedene Regelwerke. Das wäre auch im Kirchenrecht für die ganze Kirche möglich: bestimmte Regeln nach Regionen zu unterscheiden. „Diese Grammatik stärker für die ganze Kirche anzudenken, hielte ich für geboten“, sagt Wilmer.  

Ulrich Waschki