13.05.2018

Schwierige Entscheidungen treffen

Was soll ich bloß tun?

Wer soll für Judas nachrücken? Die elf Apostel stehen vor einer schwierigen Entscheidung. Also beten sie. Und losen. Zumindest das Beten kann auch heute ein Weg zur Entscheidungsfindung sein, meint der Jesuit Stefan Kiechle.

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Wo soll es hingegen im Leben? Manchmal muss man sich entscheiden, manches lassen, um anderes zu tun. Aber wie kommt man zu einer guten Entscheidung? Foto: fotolia

Der Manager, der überlegt, beruflich kürzerzutreten, weil das Leben doch mehr bieten müsste, als fast nur für den Job zu leben; die Frau, die überlegt, sich zu trennen, weil es mit dem Partner einfach nicht mehr auszuhalten ist; der Priester, der überlegt, sein Amt aufzugeben, weil die Kluft zwischen Sehnsucht und Alltag ihn krank macht; das Ehepaar, das darüber nachdenkt, ein Pflegekind anzunehmen, auch wenn damit der Alltag völlig umgekrempelt wird. Es sind Überlegungen wie diese, die eine klare Entscheidung brauchen: Ja oder Nein!


Viele Möglichkeiten –viele Entscheidungen

Doch auch sonst ist das Leben voller Entscheidungen. Oft sind sie banal, manchmal haben sie weitreichende Folgen für sich selbst und für andere. Für manche Probleme gibt es scheinbar nur eine Möglichkeit, für andere scheinen die Alternativen unbegrenzt zu sein. „Gerade weil wir oft so viele Möglichkeiten haben, ist eine Entscheidung so schwer“, sagt Stefan Kiechle. Da mache es zunächst keinen Unterschied, ob es das Studienfach ist oder das Warensortiment im Supermarktregal. Aber die Konsequenzen sind unterschiedlich.

Der Jesuit, der heute in Frankfurt lebt, leitete viele Jahre die Deutsche Provinz der Jesuiten, hatte täglich Entscheidungen zu treffen, die nicht nur ihn persönlich, sondern auch den Orden und andere Menschen betrafen. Schon vor dieser Zeit hat er ein Buch geschrieben, das bis heute viele Auflagen erfahren hat, in andere Sprachen übersetzt wurde und alleine auf Deutsch mehr als 17 000-mal verkauft wurde: „Sich entscheiden“ heißt es.

Mit dem Buch hat Pater Kiechle einen Nerv getroffen. Und er greift auf eine alte Tradition zurück. Der heilige Ignatius, der Gründer des Jesuitenordens, hat schon vor fast 500 Jahren dieselbe Not
vieler Menschen erkannt, zu guten Entscheidungen für sich und ihren weiteren Lebensweg zu kommen. In sogenannten ignatianischen Exerzitien suchen damals und heute Menschen nach der richtigen Entscheidung für ihr Leben.

Auch wenn es keine Checkliste ist, so bietet die ignatianische Spiritualität doch einige Kriterien, Methoden und Wege, als Hilfe an: „Frei werden“ ist ein erster Schritt. Das ist leichter gesagt als getan, denn viele Zwänge von außen stürmen auf uns ein: Zeitdruck, Erwartungen von anderen, finanzielle Rahmenbedingungen, die bewusste oder unbewusste Vorliebe, den eigenen Vorteil zu suchen. Sich davon frei zu machen oder zumindest nicht bestimmen zu lassen, ist wichtig, denn entscheiden setzt das Unterscheiden voraus: Was sagt das Herz? Was fürchte ich? Was blockiert? Wo sind Vorlieben, wo äußere Einflüsse? Was fühle ich? Wie kann ich in widerstreitenden Gedanken Ordnung schaffen? Dabei können geistliche Begleiter helfen. Die Entscheidung abnehmen können sie nicht.

In der ignatianischen Spiritualität gibt es verschiedene Kriterien, die es erleichtern können, sich gut zu entscheiden. Ein Kriterium ist das „Mehr“. Gemeint ist nicht ein Mehr an Gewinn, Prestige und Erfüllung von Eitelkeiten, sondern etwas, das für die Gemeinschaft und das eigene Wachsen gleichermaßen förderlich ist: mehr Friede, mehr Gerechtigkeit, mehr Liebe.

Wie beim Wachstum in der Natur kann man solche Früchte nicht machen, aber man kann dazu beitragen, dass sie entstehen, selbst bei  Alltagsentscheidungen: „Wenn ich im Supermarkt aus dem Sortiment auswähle, dann kann ich das als banale Einzelentscheidung sehen – ich kann es aber auch in einen größeren Zusammenhang stellen“, erklärt Pater Kiechle. „Die Produktionsbedingungen, die Belastung für die Umwelt, die Handelskette und die Auswirkungen auf die Situation der Produzenten und so weiter.“ Dann kommen Fragen nach Früchten wie Gerechtigkeit und Frieden auf. „Die globale Sicht macht die Einzelentscheidung leichter“, sagt Pater Kiechle.


Was bringt mehr inneren Frieden?

Ein weiteres Kriterium ist bei Ignatius der „größere Trost“: Was bringt mehr Erfüllung, inneren Frieden und Zufriedenheit für mich und meine Nächsten?

Mit diesen Kriterien an der Hand geht es zu konkreten Methoden. Und auch hier hat Ignatius Hilfen: „Still werden und beten“ ist ein solcher Schritt. In ignatianischer Tradition gibt es die Schweigeexerzitien. Das hilft, um in Stille und Gebet noch freier zu werden, um den Willen Gottes besser zu erkennen.

Beten – das tun auch die Jünger Jesu, als sie zur Wahl des Matthias zusammenkommen. Danach das Los zu werfen, ist eine Möglichkeit. Der heilige Ignatius bietet Jahrhunderte später eine andere Möglichkeit an. Welche davon für die eigene Lebensentscheidungen heute die bessere Alternative ist: Das ist schon wieder eine eigene Entscheidung.

Von Michael Kinnen