05.05.2022

Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen

Ökumene der Märtyrer

Am 1. Mai jährte sich die Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen zum 77. Mal. Katholische und evangelische Geistliche erinnerten an christliche Nazi-Opfer und setzen sich für den Erhalt der Erinnerungskultur ein.

Die zynische Inschrift „Arbeit macht frei“ am Eingangstor zum früheren Konzentrationslager Sachsenhausen.    Fotos: Oliver Gierens

 

Eine enge, kalte Gefängniszelle. Oben ein kleines, vergittertes Fenster, ansonsten kahle, weiße Wände. Unter dem Fenster weist eine Tafel auf den prominenten Geistlichen hin, der hier im Zellenbau des früheren Konzentrationslagers Sachsenhausen in Oranienburg nördlich von Berlin gefangen war: Martin Niemöller, evangelischer Pfarrer und bekanntes Mitglied der „Bekennenden Kirche“, die in Opposition zum Nazi-Regime stand. Am 1. Mai, dem Jahrestag der Befreiung des KZs durch sowjetische und polnische Truppen, haben Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche in einer Andacht in der Zelle Niemöllers der zahlreichen Geistlichen gedacht, die in den Konzentrationslagern gefangen waren, gefoltert, misshandelt oder ermordet wurden.
Gerade im Zellenbau in Sachsenhausen wird die oft beschworene „Ökumene der Märtyrer“ besonders deutlich. Gleich eine Zelle weiter ist eine weitere Gedenktafel angebracht: Hier war der Münchner Pater Rupert Mayer von 1939 bis 1940 inhaftiert. Der Jesuit hatte wiederholt öffentlich Stellung gegen den Nationalsozialismus bezogen und war mehrmals verhaftet worden. Aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands wurde er 1940 in das bayerische Kloster Ettal verlegt und dort interniert. Pater Mayer starb kurz nach Kriegsende an den Folgen der Haft.
Martin Niemöller blieb bis 1945 Gefangener in Sachsenhausen. Nach dem Krieg engagierte er sich für den kirchlichen und politischen Wiederaufbau, wurde Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik kritisierte er scharf, wandte sich pazifistischen Positionen zu. Damit blieb er ein politischer Außenseiter, stellte sich bewusst nicht an die Seite der Mächtigen. Neben Pfarrer Lutz Nehk, Beauftragter für Erinnerungskultur des Erzbistums Berlin, erinnerten auch der evangelische Potsdamer Generalsuperintendent Kristóf Bálint und die Beauftragte für Erinnerungskultur der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Pfarrerin Marion Gardei, an diesen Märtyrer. Doch das Gedenken ging über dessen Person hinaus: „Wir erinneren an alle katholischen und evangelischen Christen, die hier gelitten haben“, sagte Gardei.
Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden überwiegend deutsche Staatsbürger in dem Konzentrationslager nahe Berlin inhaftiert, darunter zahlreiche politische Gegner des NS-Regimes. Nach Kriegsausbruch kamen mehrere zehntausend Menschen aus besetzten Gebieten hinzu.

Erinnerungskultur muss neu gedacht werden
Zu ihnen gehörte auch der polnische Priester Wacław Zienkowski, an den Pfarrer Lutz Nehk besonders erinnerte. Zienkowski engagierte sich im polnischen Widerstand gegen die Besatzung, half bei der Befreiung von Kriegsgefangenen aus seinem Heimatland. Am 5. August 1940 starb er an den Folgen der Folter, die er in Sachsenhausen erlitt. Erst 2016 wurden seine sterblichen Überreste auf einem Grabfeld in Berlin-Altglieniecke entdeckt.
In Sachsenhausen ist sein Name bereits seit einigen Jahren auf einem großen Kreuz eingraviert, das zu der Gedenkstele gehört, die das Erzbistum Berlin in einem kleinen Waldstück hinter dem Neuen Museum aufgestellt hat.
77 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager stellt sich zudem die Frage, wie das Erbe der christlichen Märtyrer für die Nachwelt erhalten werden kann. Denn Zeitzeugen gibt es fast keine mehr. Wie ist Erinnerungskultur unter diesen Bedingungen noch möglich? „Dadurch, dass man sie gut organisiert“, betont Pfarrer Nehk. In Plötzensee, Berlin-Charlottenburg, sei bereits vor über zehn Jahren ein ökumenisches Gedenkzentrum eingerichtet worden, um an die Opfer des früheren NS-Strafgefängnisses zu erinnern. „Wir müssen weitere Gruppen und Einrichtungen schaffen, die sich besonders um das Erinnern kümmern.“
Zwischen der Gedenkstätte und den benachbarten Kirchen, darunter ist die katholische Gedenkkirche Maria Regina Martyrum, gibt es zudem einen „Pfad der Erinnerung“, der sich auf NS-Opfer fokussiert. Doch Nehk  gibt zu bedenken: „Bei den Zeitzeugen ist nicht viel getan worden im Hinblick auf moderne Methoden, zum Beispiel Videointerviews.“ So gilt es, das noch vorhandene Material zu sichern und für die Nachwelt zu bewahren.
Große Pontenziale sieht Nehk in den Schulen. Spätestens in der Oberstufe sollten Schüler die Gedenkorte besuchen. „Da gibt es sehr gute Schüler-Arbeiten zum Beispiel zum Thema Widerstand.“

Auf dem Kreuz der Gedenkstele des Erzbistums Berlin sind die Namen der ermordeten Geistlichen eingraviert.

 

Wer Vergessen zulässt, lädt Schuld auf sich
Auf der zentralen Gedenkveranstaltung in Sachsenhausen erinnerte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) daran, wie wichtig es sei, „das Handeln unserer Eltern- und Großelterngeneration zu kennen, sich kritisch damit auseinanderzusetzen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.“ Die Nazi-Verbrechen begründeten eine bleibende Verantwortung. Auch der frühere EU-Kommissionspräsident und luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker erinnerte an die Verpflichtung, das Erbe der NS-Opfer zu bewahren. „Die junge Generation hat keine Schuld auf sich geladen“, betonte Juncker. Aber wenn sie die Erinnerung vernachlässigten, „hätten sie Schuld auf sich geladen“. Diese bleibende Erinnerungskultur sei notwendig, damit sich Geschichte nicht wiederhole: „Sorgen wir dafür, dass das Einmalige einmalig bleibt, denn einmal war einmal zuviel“, so Juncker abschließend.

Von Oliver Gierens