26.09.2019

Gemeinde von Raguhn feiert 70. Weihe-Jubiläum ihrer Kirche

1949 eigene Kirche gebaut

Die kleine Gemeinde von Raguhn in der Pfarrei Wolfen-Nord feiert das 70. Weihe-Jubiläum ihrer St. Michaels-Kirche. Sie war trotz erheblicher Schwierigkeiten bereits kurz nach dem Krieg errichtet worden.

Jeden Mittwoch treffen sich rund zehn Mitglieder der Gemeinde St. Michael Raguhn zur Werktagsmesse in ihrer 70 Jahre alten Kirche.    Fotos: Eckhard Pohl

 

Jeden Mittwoch um 8.30 Uhr kommen rund zehn Senioren in der St. Michaels-Kirche in Raguhn zur heiligen Messe. Raguhn gehört heute zur Pfarrei Edith Stein Wolfen-Zörbig und so feiert meist Pfarrer Stephan Werner aus dem fünf Kilometer entfernten Wolfen-Nord mit den Versammelten die Eucharistie. Die Mitgliederzahl ist klein, doch die wenigen halten zusammen. „Wir wollen als kleine Ortsgemeinde am 29. September 70 Jahre Kirchweihe feiern und damit an bewegte Zeiten erinnern“, sagt Dorothea Hille, Gemeindereferentin im Ruhestand. „Unsere St. Michaels-Kirche wurde 1949, also nur vier Jahre nach dem Krieg geweiht.“
Im Zuge der Industrialisierung waren schon Jahre vor dem Krieg Menschen bis aus dem Saarland und Rheinland auf der Suche nach Arbeit in die Region gekommen. Unter ihnen waren zahlreiche Katholiken. Sie fanden in Wolfen, wo 1909 die Agfa-Filmfabrik gegründet worden war, aber auch in den anliegenden Ortschaften Wohnung. Und sie suchten zudem eine religiöse Heimat in einer Region, die nach der Reformation weitgehend protestantisch geworden war. 1938 wurde zunächst in Wolfen eine katholische Kirche gebaut. In Raguhn, wo 1906 der erste katholische Gottesdienst nach der Reformation stattgefunden hatte,  kamen die Katholiken in einem Gottesdienstraum zusammen. Am 1. Mai 1940 wurde die Pfarrvikarie Raguhn eröffnet, 1942 erhielten die Raguhner einen eigenen Priester. In den Kriegswirren wurde der Gottesdienstraum im April 1945 zerstört, die Katholiken trafen sich darauf hin in einer Baracke. Schon damals gab es offensichtlich ein gutes ökumenisches Miteinander. „Der evangelische und der katholische Pfarrer haben sich gut verstanden. Sie gründeten 1946 eine christliche Arbeitsgemeinschaft“, so Frau Hille.
 

Wunsch nach eigener Kirche wurde laut
Nach dem Krieg verdoppelte sich durch die Vertriebenen die Zahl der Einwohner in Raguhn und die katholische Gemeinde vergrößerte sich. „Als die Gottesdienstbaracke 1946 von den Sowjets beschlagnahmt wurde, stellten die evangelischen Christen ihre Kirche für den Gottesdienst zur Verfügung“, sagt Hille. „Zugleich wurde der Wunsch nach einer eigenen Kirche laut.
Schon 1936 war ein Grundstück für den Bau einer eigenen Kirche erworben worden. Während des Krieges war jedoch an einen Kirchbau nicht zu denken, so Hille. Und mit dem Einzug des Sozialismus im Osten Deutschlands wurde es nicht einfacher. Im Februar 1949 wurde der Gemeinde schließlich eine „provisorische schriftliche Genehmigung“ erteilt. Die Gemeindemitglieder freuten sich und begannen, Baumaterial zu beschaffen, in dem sie Ziegelsteine zerstörter Häuser in Dessau und im Umspannwerk Marke abklopften und nach Raguhn transportierten. „Zirka 160 Kubikmeter Sand und 300 Kubikmeter Erde zum Auffüllen wurden bewegt“, erzählt Helmut Hille, der Mann von Dorothea Hille. „76 000 Ziegelsteine wurden herangefahren, 20 000 Steine geputzt. Daran waren nicht zuletzt viele Frauen und größere Kinder beteiligt. Die Einsatz- und Spendenbereitschaft war trotz allgemeiner Not groß.“

Seit 1957 hat die Kirche einen freistehenden Turm, an der sich eine Figur des Erzengels Michael, des Kirchenpatrons, befindet.

Am 30. Juni war erster Spatenstich, kurz darauf wurde die Genehmigung zum Entsetzen der Gemeinde zurückgenommen. Dann aber erhielten die Katholiken am 9. Juli die endgültige Zusage des Kreistages Köthen, die Kirche bauen zu dürfen. Am 21. August war Grundsteinlegung. „Der sozialistische Bürgermeister soll vor Zorn gesprüht haben“, sagt Frau Hille. Er habe höchste Stellen bemüht, um den Bau zu stoppen, was ihm aber nicht gelang. Die Angst vor einem Baustopp habe die Gemeinde beflügelt, so dass durch die große Einsatzfreudigkeit die Kirche am 18. Dezember 1949 von Dechant  Franz Carre aus Dessau geweiht werden konnte. In den folgenden Jahren wurden nach und nach farbige Fenster, eine Orgel, die Inneneinrichtung und zwei kleine Glocken angeschafft.
Als 1957 starke Risse in den Wänden sichtbar wurden, wurde der Dachreiter entfernt und ein freistehender Turm als Campanile angebaut, erklärt Helmut Hille. Die Genehmigung wurde unter dem Aspekt erteilt: „die Kirchenmauern brauchen einen starken Halt, um nicht weiter zu zerbrechen“. Zudem wurden drei größere neue Glocken im Turm aufgehängt. Seit 1961 steht der heilige Erzengel Michael am Turm und beschützt Stadt und  Gemeinde. Nach dem Zweiten Vaticanum wurde 1966 der Altarraum umgebaut. Ab 1991 konnte das Gotteshaus umfassend saniert werden.
 

Festgottesdienst und Konzert
Heute ist die Gemeinde recht klein geworden. Die wenigen Kinder und Jugendlichen orientieren sich nach Wolfen-Nord. Etwa 20 Personen kommen nach Angaben von Hilles zum Sonntagsgottesdienst, der im Wechsel mit Pfarrer Werner jeden zweiten Sonntag von Gemeindemitglied Daniel Hüfner als Wortgottesfeier gestaltet wird. Dorothea Hille lädt regelmäßig zum Gesprächskreis ein. Ökumenisch beteiligt sich die Gemeinde zum Beispiel an der Feier des Martinsfestes und der jährlichen Aktion „Offenes Adventsfenster“.
Gefeiert wird am 28. September. 14 Uhr ist Festgottesdienst mit Dechant Andreas Ginzel aus Bitterfeld. Anschließend gibt es Kaffee und Kuchen.

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Von Eckhard Pohl