16.06.2022

Vor 300 Jahren begann der Aufbau der Herrnhuter Brüdergemeine

Offene Türen der Ökumene

Die Stadt Herrnhut ist eine Gründung mährischer und böhmischer Glaubensflüchtlinge. Vor 300 Jahren wurde der erste Baum für die Siedlung gefällt. Der Ort ist das Zentrum der Herrnhuter Brüdergemeine.


Gästepfarrerin Erdmute Frank hält die Türen des Herrnhuter Kirchsaals weit offen. Er ist die „gute Stube“ des Ortes und der Brüdergemeine, die sich von hier aus in alle Welt ausbreitete.    Foto:kna-bild


„Herrnhut ist Ursprung und Namensgeber einer weltweiten, lebendigen Kirche“, sagt die Gästepfarrerin der evangelischen Herrnhuter Brüdergemeine, Erdmute Frank. „Überall leben Schwestern und Brüder. Uns verbindet eine gemeinsame Geschichte und eine Freiheit, in der ich meine Gaben einbringen kann.“ Im Ort selbst ist die Gemeine allerdings mit zirka 530 Mitgliedern eher klein. Weltweit gibt es heute 1,3 Millionen Herrnhuter. Tendenz steigend. Wie der Gründergeneration ist ihnen eine persönliche, innerliche Freundschaft mit Jesus Christus wichtig. „Ohne sie geht es nicht, wir leben daraus“, sagt Erdmute Frank.
Begonnen hatte alles vor 300 Jahren. Reichsgraf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf rührte die Not der evangelischen Christen der alten Brüder-Unität. Ihre Gründung im ostböhmischen Kunwald erfolgte 1457. Anfang des 16. Jahrhunderts kam es zu einer Blütezeit in Böhmen und Mähren. 100 Jahre später wurde die Unität zerstört, ihre Mitglieder verfolgt. In Deutschland fanden die Glaubensflüchtlinge eine neue Heimat in der Oberlausitz.
Zinzendorf stellte Land zur Verfügung und so griff der aus Mähren stammende Christian David am 17. Juni 1722 zur Axt, um den ersten Baum für die neue Siedlung zu fällen. Die Axt ist in der Jubiläumsausstellung im Völkerkundemuseum zu sehen. Der Ort des Baumfällens befindet sich an der ehemaligen Bundesstraße 176, etwa 500 Meter außerhalb der Stadt in Richtung Zittau. Am 13. August 1727 fanden die Neusiedler auch geistlich zusammen. Nach starken inneren Spannungen erlebte die Gemeinde an diesem Tag ihre Einheit in einer Abendmahlsfeier in der Berthelsdorfer Kirche. Das damals übliche „Gemeine“ wird bis heute im Namen der Kirche beibehalten. 1741 bekennt die Synode der Brüder-Unität in London Jesus Christus als Herrn und Ältesten der Gemeinde.
Gästepfarrerin Frank beginnt ihre Führungen im Kirchensaal. Über die Architektur kann sie das Gemeindeleben gut erklären. Hier finden die  Predigtversammlungen, das gemeinsame Gebet, das Liebesmahl, die Singstunden und die Feier des Abendmahls statt. „Zinzendorf war es mit der neuen Brüder-Unität wichtig, das ganze Leben als Gottesdienst zu sehen. Brüder und Schwestern trennten ihren Glauben nicht in Alltag und Sonntag. Sie blieben mit Jesus in Kontakt. Von daher verstanden sie die gemeinsamen Zusammenkünfte nicht als einzige Form des Gottesdienstes, sondern als Versammlung aller.“ So unterscheidet sich der Kirchensaal von herkömmlichen Kirchen in seiner Zentrierung um den Liturgustisch, der gleichzeitig Sitz des Versammlungsleiters ist. Die Bänke sind an vier Seiten angeordnet. Die Orgel wurde saniert und im Mai neu in Betrieb genommen.

Warten auf die Auferstehung
Vom Kirchensaal aus führt der Weg der Gästepfarrerin zum Hutberg, auf dem sich der Gottesacker der Gemeine befindet. Die Gräber in ihren langen Reihen werden von einheitlichen Steinen bedeckt, auf denen der Name und die Lebensdaten verzeichnet sind. Schmuck gibt es wenig. Die Grabsteine sind in ihren Ausmaßen gleich groß. Damit wird das Warten auf die Auferstehung ohne Unterschiede der Person symbolisiert. Erdmute Frank berichtet an den Gräbern über die Mission der Gemeine. Am 21. August vor 290 Jahren wurden die ersten Missionare ausgesandt. Doch war es keine „Einbahnstraße“, aus Afrika, der Karibik, der Arktis und anderen Regionen kamen Menschen hierher. Sie lebten in Herrnhut und wurden auf dem Gottesacker beigesetzt. In neuerer Zeit wird die Missionsgeschichte hinterfragt und neu eingeordnet, geschah sie doch auf kolonialem Hintergrund der damaligen Zeit.
Pfarrerin Frank erinnert auf dem Gottesacker immer an den 9. Mai 1945, den Tag, an dem Herrnhut zerstört wurde. Dass dies einen Tag nach Kriegsende geschah, stimmt die Brüdergemeine noch heute nachdenklich. Fragen über Verstrickung, Akzeptanz der NS-Herrschaft und Schweigen stellten sich früh. Erdmute Frank: „Wie trägt der Glaube durch die Zeiten? Was heißt es für uns als Kirche, wenn wir verschiedene politische Entwicklungen unterschiedlich beurteilen? Obwohl die alten Brüder am Anfang ganz klar Pazifisten waren, so wurde für nachfolgende Generationen das Militär normaler und prägte das Leben.“
Der 9. Mai 1945 wurde zu einem Wendepunkt in der Geschichte der Kirche. Ein Neuanfang wurde möglich. Erdmute Frank: „Mir ist es sehr wichtig, am Stein, der an die Nazizeit erinnert, über Schuld und Versöhnung zu sprechen.“ Weitere Stationen der Führungen sind die Gräber der Familie Zinzendorf, der Altan mit weitem Blick ins Lausitzer Land bis hin nach Böhmen und der Gedenkstein für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges (1914 bis 1918). Schließlich geht die Gruppe zu den frischen Gräbern. Erdmute Frank berichtet hier über die Begräbnisse. Deren Beginn ist im Kirchensaal. Hier wird der Lebenslauf verlesen. Jedes Mitglied der Gemeine ist dazu aufgefordert einen solchen zu verfassen. „Anliegen ist es, dass Leben als Glaubensweg, als Leben mit Gott aufzuzeigen.“ Brüche und eigenes Versagen werden als Teil des Lebens gesehen. „Inzwischen hat sich daraus eine eigene Literaturgattung entwickelt“, erwähnt Frank. Einige Lebensläufe sind publiziert worden. Aufbewahrt werden die Lebensläufe im Unitätsarchiv.
Heute ist die Ökumene für alle hier lebenden Christen ein Herzensanliegen. Hubert und Christina Graf beispielsweise gehören zur katholischen Filialgemeinde, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch Heimatvertriebene entstand. „Davor gab es nur eine katholische Familie in der Stadt“, sagt Hubert Graf, der in der Katholischen Pfarrei „St. Marien“ Zittau Ansprechpartner für die St.Bonifatiuskirche Herrnhut und die dazu gehörenden Christen ist. Nach der Zerstörung des Herrnhuter Stadtzentrum nutzte die Brüdergemeine bis 1953 einen provisorischen Kirchensaal, den die Katholiken für ihre Gottesdienste mitnutzen konnten. Die Zahl der Katholiken war nach 1945 auf zirka 900 angewachsen. Eine eigene Kirche wurde notwendig. Mit Unterstützung, auch der  Brüdergemeine, wurde ein Kirchbau möglich. 1956 konnte die St.Bonifatiuskirche geweiht werden. Die Kontakte zu den evangelischen Gemeinden in Herrnhut und Umgebung entwickelten sich sehr gut. „Den ersten gemeinsamen ökumenischen Gottesdienst feierten wir 1967“, erinnert sich Hubert Graf.

„Die Ökumene in Herrnhut ist sehr gut“
In Herrnhut gibt es seit 1978 einen Christenrat, in dem aktuell fünf Gemeinden an vier Treffen im Jahr zusammenarbeiten; Evangelische Brüdergemeine; die evangelische Gemeinde der Landeskirche, eine evangelische Freikirche, das charismatische „Christliche Zentrum“ und die katholische Gemeinde. Themen sind unter anderem die Vorbereitung der ökumenischen Gottesdienste, des Gemeindeabends im Gemeindesaal der St. Bonifatiuskirche am Buß- und Bettag und der ökumenischen Bibelwoche Herrnhut. Einen weiteren ökumenischen Gottesdienst gibt es seit 1997 – dem 275. Ortsjubiläum – immer um den 17. Juni. Hubert Graf: „Die Ökumene ist sehr gut und ich habe persönlich viel mitgenommen. So das freie Gebet im Gottesdienst, das ich bisher so nicht kannte.“
In diesem 300. Jubiläumsjahr hatte die Brüdergemeine zudem ökumenische Gäste eingeladen, die Losungen für das Jahr 2025 mitzuziehen. Aus einer Sammlung von 1800 Versen aus dem Alten Testament wird dabei für jeden Tag einer gezogen. Zum gelosten Teil wird ein Auszug aus dem Neuen Testament hinzugesetzt, der die Losung ergänzt, erklärt und weiterführt. Christina Graf hatte die Losungen für die Monate Mai und Juli gezogen. Sie erinnert sich: „Es war ein erhebendes Gefühl für mich. Mir ist bewusst geworden, wie wichtig das Ziehen der Losungen für die Brüdergemeine ist.“

Ökumenischer Gottesdienst an diesem Sonntag – 19. Juni – im Kirchsaal. Beginn ist um 9.30 Uhr. Ausstellung zum Ortsjubiläum bis zum 27. November im Völkerkundemuseum Herrnhut, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 9 bis 17 Uhr.

Von Holger Jakobi