14.11.2019

25 Jahre Telefonseelsorge in Vorpommern

„Sie sind das Herzstück“

Seit 25 Jahren gibt es in Vorpommern die Telefonseelsorge. Funktionieren kann sie nur, weil Ehrenamtliche dazu bereit sind, sich die Sorgen anderer anzuhören. Für die Öffentlichkeit bleiben sie anonym.

„Ja, Telefonseelsorge ist gewünscht und genutzt“, ist Dagmar Simonsen überzeugt. Seit 2016 leitet sie die ökumenische Telefonseelsorge Vorpommern, die ihren Sitz in Greifswald hat. Umso mehr freut sie sich mit ihren 50 Ehrenamtlichen, gemeinsam bei einem Konzert im Greifswalder Dom diesen Geburtstag zu feiern.

„Unsere Anonymität ist ein hohes Gut“
Wer dabei an den Hörer der Notfallnummer geht, bleibt jedoch geheim. Denn das ist ein Grundprinzip der ökumenischen Telefonhotline: Die Helfenden bleiben anonym. Grund dieser Verschwiegenheit: Hilfesuchende werden zuallererst regional vermittelt, man könnte sich also kennen und so eine gute Beratung erschweren. „Unsere Anonymität ist ein hohes Gut“, ist die Leiterin überzeugt. Sie ist die einzige, die in der Öffentlichkeit sichtbar wird.

Telefonseelsorge-Leiterin Dagmar Simonsen sucht sich Kraftorte, etwa am Wasser.    Foto: Anja Goritzka

Dagmar Simonsen selbst kam 2001 zur Telefonseelsorge, absolvierte eine Ausbildung als Seelsorgerin und saß selbst am Telefon. Jetzt, als Leiterin in der Geschäftsstelle, erstellt sie Dienstpläne, sorgt für Weiterbildungen und Ausbildungen neuer Ehrenamtlicher, steht für Supervisionen zur Verfügung und vertritt die ökumenische Telefonseelsorge Vorpommern in der Öffentlichkeit. „Das ist manchmal schwierig, besonders wenn wir Auszeichnungen erhalten.“ Wie 2018, als sie sich stellvertretend für die Ehrenamtlichen in das Ehrenbuch der Universitäts- und Hansestadt Greifswald eintragen durfte. „Natürlich würden die Telefonseelsorger dann gerne sagen: ‚Hier bin ich dabei‘, aber das geht eben nicht“, meint sie.
Seit 1994 gibt es die Geschäftsstelle in Greifswald, die mit neun Engagierten zusammen mit der heutigen Hamburger Pastorin Ursula Wegmann startete – drei Jahre nach dem Start der ökumenischen Telefonseelsorge im mecklenburgischen Bereich. Vor Dagmar Simonsen leiteten Jochen Schmachtel, Edda Wilde und Annerose Neumann die Geschäftsstelle. Insgesamt sichern vier Träger – der Pommersche Evangelische Kirchenkreis, das Diakonische Werk Mecklenburg-Vorpommern, das Erzbistum und der Diözesan-Caritasverband – die Arbeit in Greifswald ab.
Die Leiterin ist dabei beim Caritasverband angestellt. Hier fand die Telefonseelsorge in Vorpommern von Anfang an Gehör. Das lag am Leiter der Caritas Vorpommern, Burghard Siperko, für den das Hilfetelefon eine besondere Einrichtung war. „Jetzt herrscht bei den Ehrenamtlichen ein wenig Unsicherheit“, erzählt Dagmar Simonsen, denn Siperko hat sich in den Ruhestand verabschiedet, und ein Nachfolger steht noch nicht fest.
Insgesamt gibt es in Mecklenburg-Vorpommern vier Büros der ökumenischen Telefonseelsorge: in Schwerin, Rostock, Greifswald und Neubrandenburg. Finanzielle Unterstützung für das Greifswalder Büro geben das Land Mecklenburg-Vorpommern, die Landkreise Vorpommern-Rügen und Vorpommern-Greifswald sowie die Stadt Greifswald. Neben der Telefonseelsorge bietet das Greifswalder Büro auch E-Mail- und Chatseelsorge an. „Der Chat wird häufig von Jugendlichen genutzt. Das machen hier vor Ort drei Ehrenamtliche. Außerdem gibt es drei E-Mail-Seelsorger“, berichtet die Leiterin. Insgesamt deckt Mecklenburg-Vorpommern den virtuellen Seelsorgebereich mit 16 Mitarbeitern ab. Die Telefonnummer nehmen hingegen häufig ältere Menschen in Anspruch. Die Anrufer melden sich Tag und Nacht, 24 Stunden. Die Themen sind weit gefächert: Von Sucht über Tod und Trauer bis hin zu Erziehungsproblemen, Arbeitslosigkeit und partnerschaftlichen Problemen. „Einsamkeit ist auch immer ein großes Thema“, erzählt Dagmar Simonsen. „Bei uns gilt: Du bist da, du hörst zu, der Anrufende darf einfach sein, wie er ist. Wir sind wie eine große Schale.“

Wer sich hier engagiert, findet Gemeinschaft
Genauso wie die Anrufer können auch die Mitarbeiter sein, wie sie sind. Egal ob evangelisch, katholisch oder konfessionslos, wer sich in der Telefonseelsorge engagiert, findet eine besondere Gemeinschaft. Natürlich spiele der Glaube dennoch eine Rolle, aber niemand werde gezwungen: „Viele überlegen lange, ob sie sich diesen Dienst zutrauen“, berichtet die Greifswalder Leiterin: „Da sage ich immer: Lass uns schauen, telefonieren kann jeder.“ Und in der kostenfreien Ausbildung, die 130 Stunden umfasst, lernen die Ehrenamtlichen alles weitere.
Hinzu kommt eine Anbindung an monatliche Supervisionen, denn die Selbstfürsorge der Freiwilligen stehe an erster Stelle. „Es ist wichtig, dass die Seelsorger gut auf sich selber schauen. Sie sind das Herzstück“, weiß Dagmar Simonsen, die sich selbst Kraftorte sucht – in der Natur, in der Heimat, am Wasser – um bei all den Aufgaben zur Ruhe zu kommen. Daneben nimmt sie regelmäßig an einer Supervision für die Leiterinnen der Telefonseelsorge Nordost in Berlin teil: „Das ist eine tolle Tankstelle.“ 

Die Männer und Frauen der Ökumenischen Telefonseelsorge sind bundeseinheitlich gebührenfrei unter 08 00 / 1 11 01 11 erreichbar.

Von Anja Goritzka