24.01.2019

25 Jahre Asylverfahrensberatung der Halberstädter Caritas

Migration als Chance begreifen

Seit 25 Jahren bietet die Caritas in Halberstadt Flüchtlingen eine Asylverfahrensberatung an – Anlass, dies bei einem Fachgespräch zu Migration und Integration zu würdigen und Probleme zu diskutieren.

Am Fachgespräch „Migration und Integration in Sachsen-Anhalt“ am 17. Januar im Magdeburger Roncalli-Haus nahmen 120 auf diesem gesellschaftlichen Feld Engagierte teil. Moderiert wurde das Podiumsgespräch von Stefan Zowislo vom Caritasverband. | Fotos: Eckhard Pohl

 

„Bei der Asylverfahrensberatung ist ganz wesentlich, dass sie behördenunabhängig geschieht“, zumal Flüchtlinge nicht selten in ihren Herkunftsländern schlechte Erfahrungen gemacht haben. Darauf machte Diözesan-Caritas-
direktor Klaus Skalitz zu Beginn des unter dem Motto Caritas meets Politics stehenden Fachgesprächs „Migration und Integration in Sachsen-Anhalt“ im Magdeburger Roncalli-Haus aufmerksam. Genau diesen Dienst leiste die Caritas seit 25 Jahren in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (ZASt) in Halberstadt. Und nimmt damit eine wichtige humanitäre Aufgabe war, wie die Migrationsbeauftrage des Bistums, Monika Schwenke, verdeutlichte. Schließlich gebe es seit Jahrtausenden Migration. Die Bibel sei voll von Fluchtgeschichten, und der Anspruch, mit Fremden menschenwürdig umzugehen, gehöre zu den Grundpfeilern des jüdisch-christlichen Glaubens, so die Abteilungsleiterin beim Diözesan-Caritasverband.
Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) dankte der Diözesan-Caritas für den Einsatz in der Asylverfahrensberatung. 2017 und 2018 hätten zirka 1900 Asylsuchende das Beratungsangebot in Anspruch genommen, 2017 habe es insgesamt 3500, 2018 sogar 6000 Beratungsgespräche gegeben.
 
Nachholbedarf bei der Bevölkerung
Verschiedene staatliche und gesellschaftliche Akteure der Migrations- und Integrationsarbeit  gingen in Sachsen-Anhalt „auf Augenhöhe miteinander um“, betonte der Minister. Das sei Voraussetzung, um Zuwanderung effizient zu gestalten. Alle Asylsuchenden hätten Anspruch auf eine menschenwürdige Behandlung. Wer aber keinen Anspruch auf Asyl in Deutschland hat, müsse möglichst freiwillig in sein Herkunftsland zurückkehren, so Stahlknecht. Im Umgang miteinander sei „die Tonalität entscheidend“. Leider gebe es auch von bestimmten Politikern rassistische Äußerungen.
„Nachholbedarf“ sieht der Innenminister bei der eigenen Bevölkerung, die erkennen müsse, dass Zuwanderung Vielfalt bedeutet und auch Vorteile etwa mit Blick auf die Suche von Fachkräften habe. Stahlknecht wünscht sich von den Bürgern „mehr Toleranz und Weltoffenheit“, zumal dies „das Land moderner macht“. Zugleich dürfe der Bevölkerung aber nicht zu viel zugemutet werden. Da es hierzulande höhere Sozialstandards als in anderen EU-Ländern gibt, wollten viele  Flüchtlinge nach Deutschland. Doch es könnten nicht alle ins Land kommen, so Stahlknecht.
Für Christine Bölian vom Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt hingegen wollen die Menschen in das wirtschaftlich starke Deutschland, weil sie hoffen, sich hier eine Existenz aufbauen zu können. „Diese Entscheidung gilt es zu achten.“ Bölian beklagte die Situation der Flüchtlinge in Europa. „Die Menschen werden von einem ins andere Land verschoben.“ Die Dublin-III-Verordnung verfolge eine „Abschreckungs- und Bestrafungslogik“. Wenn sich Deutschland daran beteilige, gebe es „kein gutes Beispiel“ ab. Und die Menschen kämen ja trotzdem.
Dublin-III sorge nicht für gerechte Verteilung der Menschen in Europa, unterstrich auch Staatssekretärin Susi Möbbeck (SPD) vom Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration. Es könne nicht sein, dass die Länder an den EU-Außengrenzen die Migranten abzuwehren haben und es kein solidarisches Handeln nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Staaten gebe, so die Integrationsbeauftragte Sachsen-Anhalts. Möbbeck wies die Absicht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zurück, die Asylverfahrensberatung übernehmen zu wollen. Eine unabhängige Verfahrensberatung sei unerlässlich. Die Asylsuchenden vertrauten in Halberstadt der Caritas, weil sie unabhängig arbeitet, ihnen im „Bürokratischen Dschungel“ hilft und es nicht nur um Bewilligung oder Ablehnung des Asylwunsches geht. Möbbeck plädiert dafür, Asylsuchenden „frühzeitig die Chance zu geben, aus dem Asylverfahren auszusteigen, und zu versuchen, auf dem deutschen Arbeitsmarkt einen Platz zu finden“. Kinder von Migranten sollten nach drei oder spätestens sechs Monaten Aufenthalt in Deutschland grundsätzlich Zugang zu Schulbildung bekommen.
 
Anja Rennwanz, hier mit Diözesan-Caritasdirektor Klaus Skalitz, ist seit 25 Jahren in Halberstadt in der Migrationsarbeit tätig. Der Deutsche Caritasverband würdigte ihr Engagement jetzt mit einer Urkunde.

Migranten Chancen auf Arbeitsmarkt eröffnen
Überhaupt wurde das Themenfeld Asylverfahren – Arbeitsmöglichkeiten für Migranten – Suche von ausländischen Fachkräften intensiv diskutiert. Während Minister Stahlknecht vor einer Verstärkung des Pooleffekts durch Qualifikation von Asylsuchenden warnt, sehen Möbbeck und Bölian darin mehr eine Chance für die Menschen und das Land Sachsen-Anhalt.
Monika Schwenke warnt davor, Ländern außerhalb Europas ihre Fachkräfte abzuwerben statt dort Fluchtursachen zu bekämpfen. Bei ihrer Arbeit auch als Vorsitzende der Härtefallkommission Sachsen-Anhalts macht sie die Erfahrung, mit fachpolitischem Engagement Menschen helfen und etwas verändern zu können. Es gebe Fluchtbiografien, bei denen die geltenden aufenthaltsrechtlichen Regelungen nicht greifen und die dennoch, begründet durch ihre Integrationsleistungen, ein Bleiberecht erhalten sollten. Im Blick auf die Praxis von Kirchenasyl betonte Schwenke, dies sei „die schlechteste Lösung“: Die betroffenen Menschen seien ohne Rechte und Leistungen. Und Kirchenasyl zu gewähren, sei für Gemeinden „eine große Herausforderung“. Dennoch sei es „als gesellschaftliches Korrektiv“ notwendig und ein starkes Zeichen der Nächstenliebe, mit dem verantwortlich umgegangen werde. Der politische Vorwurf, die Kirchen höhlten so  das europäische Asylrecht aus, mache sie „richtig wütend“.

 
Von Eckhard Pohl